Homosexualität in Bayern Was sich bei der CSU getan hat

"Die Ehe muss komplett gleichgestellt werden", findet Sarah Wolff deshalb. Doch die politische Akzeptanz fehle. Dass die Stiefkindadoption nicht längst abgeschafft ist, liegt ihrer Meinung nach an bestimmten Parteien: Im Bundestag stimmten vergangenes Jahr 225 Mitglieder der CDU/CSU-Fraktion, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel, gegen die Ehe für alle. Die bayerische Staatsregierung wollte zuerst sogar gegen die Öffnung der Ehe klagen, doch dann entschied sie sich anders - die Aussichten auf Erfolg waren zu gering. Immerhin 40 000 Euro kosteten die beiden Rechtsgutachten, die die CSU zu diesem Entschluss brachten. Mit der gesellschaftlichen Realität hat das Verhalten der Politik für die Wolffs wenig zu tun.

Heute sähe man sie als lesbisches Paar in der Gaststätte neben dem Stammtisch sitzen, der Karten spielt, sagt Annabelle Wolff. Und keinen störe es. Vor zehn Jahren, als die beiden sich auf einer lesbischen Party in München kennenlernten, war das noch anders, es gab mehr Cafés und Bars für Schwule und Lesben. Inzwischen sind es keine getrennten Welten mehr. Bayern hält trotzdem an seinem traditionellen Familienbild fest. 2013 hatte der damalige CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt Homosexuelle als "schrille Minderheit" bezeichnet. Da war Valentin schon auf der Welt.

Homosexualität Uwe und Christian auf dem Dorfe
Homosexualität in Bayern

Uwe und Christian auf dem Dorfe

Selbst Abgeordnete der CSU haben im Bundestag für die "Ehe für alle" gestimmt. Aber ist Schwulsein in Bayern auch auf dem Land akzeptiert? Drei Männer erzählen.   Von Lisa Schnell

Mittlerweile zeigt die Staatsregierung etwas mehr Verständnis, wenn es um Themen wie die Diskriminierung von Homosexuellen geht. Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) Bayern hat vor der Landtagswahl mit den verschiedenen Parteien einen "Vielfaltscheck" gemacht. In der Antwort der CSU heißt es: "Die CSU-geführte bayerische Staatsregierung arbeitet bereits auf allen fachlichen Ebenen Homo- und Transfeindlichkeit entgegen und kümmert sich um die Akzeptanz aller Menschen, unabhängig von deren sexueller Identität." Doch für konkrete Maßnahmen zeigt sich die CSU wenig offen. So fordert etwa der LSVD Bayern einen Aktionsplan gegen Homophobie und Transfeindlichkeit, wie es ihn in anderen Bundesländern bereits gibt. Die CSU sieht jedoch keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. Andere Parteien wie die SPD oder die Grünen wollen einen solchen Aktionsplan, der mit konkreten Konzepten Akzeptanz fördern soll.

Auch Sarah und Annabelle Wolff hören homophobe Kommentare. Sie können so etwas meist ignorieren. Aber sie wissen, dass viele Menschen es noch immer schwer haben, weil ihre sexuelle Identität nicht der Norm entspricht, egal ob schwul, lesbisch, bisexuell, transgender oder intersexuell. Deswegen sind auch die Wolffs für einen derartigen Aktionsplan, auch wenn sie selbst überwiegend gute Erfahrungen machen. Valentin braucht jetzt den Wohnzimmertisch für seine Spielburg. Es ist ein alter Turnkasten, wie man ihn aus dem Sportunterricht kennt. Sarah Wolff hilft ihm, den schweren Kasten in sein Zimmer zu tragen.

Ihr Wunsch an die Politik: Dass es außergewöhnlichen Familienkonstellationen auch rechtlich einfacher gemacht wird. Etwa bei lesbischen und schwulen Paaren, die sich zu viert zusammenzutun zum Kinderkriegen - da sei eine Absicherung bisher nicht möglich. Solche Verträge seien im Zweifel immer nichtig, die biologische Verwandtschaft gehe vor, sagt Sarah Wolff.

Vor Valentins Geburt war das Thema Kinderwunsch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften noch nicht so populär wie heute, sagen die beiden. Die Wolffs fanden in München Unterstützung bei Gruppen wie LesMamas oder der Beratungsstelle Letra. Homosexuelle Partnerschaften mit Kindern gab es auch vorher, aber diese seien meist aus einer vorhergehenden heterosexuellen Beziehung gewesen.

Heute kennen auch die Behörden die unterschiedlichsten Familienkonstellationen. Aber eine Anekdote aus dem Kindergarten fällt den Wolffs ein, sie erzählen sie lachend beim Kaffee am Esstisch: Wie Valentin seine beiden Mütter anspricht, das war damals ein großes Thema. Annabelle Wolff wird von ihm Mama genannt, Sarah Wolff Mami. Und vor jedem Muttertag kam die Frage auf, ob der Junge eigentlich zwei Herzen basteln müsse. Nein, ein Herz für Mama und Mami zusammen reicht auch, antworteten die Wolffs.

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In München wurden seit Oktober 2017 insgesamt 233 gleichgeschlechtliche Ehen geschlossen. Vor der Einführung hatte die Stadt noch mit weit mehr gerechnet.

Annabelle Wolff nimmt einen Schluck Kaffee. Auf der Tasse ist ein Aufdruck der Mumins, der Trollwesen, die die finnische Autorin und Zeichnerin Tove Jansson in den Vierzigerjahren erfand. Damals war Homosexualität noch verboten, sie lebte trotzdem offen lesbisch. Die Wolffs hoffen, dass Valentin auch später keine Probleme damit haben wird, dass seine Familie etwas anders ist. Dass es für die nächste Generation noch einfacher wird. Dass sie irgendwann als nicht mehr ganz so anders wahrgenommen werden. Zur Offenheit sollte aber niemand gezwungen werden, finden die Wolffs. Während sie sprechen, lässt ein Windstoß die gelben Blumen in einer hohen Vase auf dem Tisch wie zur Zustimmung mit den Köpfen nicken.

Valentins Mütter sind überzeugt, dass Valentin ihr offener Umgang mit ihrer Homosexualität helfen wird. Dazu gehört für sie auch, Präsenz zu zeigen: Sarah Wolff ist im Elternbeirat, auch, damit die anderen Eltern sehen, dass die Wolffs eine normale Familie sind. "Man hat schon eine Verpflichtung, weil man anders ist", sagt sie. Vor kurzem haben zwei Fußballerinnen des FC Bayern geheiratet, der Klub postete ein Foto der beiden beim Anschneiden der Hochzeitstorte. Sarah und Annabelle Wolff finden, dass es solche Vorbilder braucht. "Je natürlicher man damit umgeht, desto besser fühle ich mich in der Gesellschaft. Wir wollen ja nichts Spezielles sein", sagt Annabelle Wolff. "Wir sind aber immer anders", sagt Sarah Wolff.