100 Jahre Freistaat Bayern Der Weg zur totalen Macht

Das Bild von 1925 zeigt Adolf Hitler bei einem Besuch einer bayerischen Gruppe der Nationalsozialisten. Als Gründungsort der NSDAP hatte München einen hohen persönlichen und politischen Stellenwert.

(Foto: dpa)

Mit Härte schalten die Nationalsozialisten sofort nach der Machtübernahme Kritiker aus und reißen die Kontrolle über alle Lebensbereiche an sich - wie im kleinen Dorf Bichl im Landkreis Tölz.

Von Johanna Pfund

Es ist Januar 1942. Die Rote Armee hat dem Ansturm der Wehrmacht bei Moskau widerstanden und ihr damit eine psychologisch wichtige Niederlage zugefügt. Hitler hat den Rückzug auf eine Verteidigungslinie befohlen. Daheim in Bayern wird darüber geredet. Auch in dem 840 Einwohner zählenden oberbayerischen Dorf Bichl im Landkreis Tölz. Verwundete deutsche Soldaten würden an der Ostfront einfach aus dem Zug geworfen, erzählt eine junge Frau im Dorf. Prompt steckt eine Zuhörerin diese Geschichte einem Buchhalter, der im Ort bei einer Baufirma arbeitet und Mitarbeiter des gefürchteten Sicherheitsdienstes (SD) ist. Er meldet das Gespräch seiner zuständigen Dienststelle.

Die junge Frau wird vorgeladen. Der Vorwurf lautet: "Unsachliche Äußerungen über die Ostfront." Nicht nur das wird ihr zur Last gelegt. Verdächtig ist sie auch wegen ihrer festen Bindung an die katholische Kirche, so steht es in der Akte. Doch sie hat Glück. Sie kommt mit einer Verwarnung davon. Spätestens jetzt weiß die Frau, dass das totalitäre System der Nazis, das durch seine Unterstützer jeden Bereich des Lebens erfasst, auch im entlegensten Dorf funktioniert.

100 Jahre Freistaat Bayern

Diese Woche widmen wir uns der Geschichte des Freistaats Bayern, den Kurt Eisner am 8. November 1918 in München ausgerufen hat. Vom 29. April bis zum 6. Mai finden Sie jeden Tag um 19 Uhr eine neue Folge auf SZ.de. Alle Texte finden Sie auf dieser Seite.

In den Anfangsjahren der NSDAP ist noch nicht klar, dass diese Partei einmal das ganze Deutsche Reich kontrollieren wird. Gegründet wird sie 1920 im Münchner Hofbräuhaus aus der Deutschen Arbeiterpartei (DAP), mitten in den unruhigen, von blutigen Straßenkämpfen gezeichneten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. In vielen Dörfern gründen sich reaktionäre Freikorps und Einwohnerwehren, angeblich, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten.

Die Linken, und vor allem die Räteregierungen, die an vielen Orten entstehen, sind in Oberbayern gefürchtet, wie der Tölzer Landrat Anton Wiedemann nach dem Zweiten Weltkrieg in seiner Chronik "Bewegte Jahre" schreibt. Die kurze Phase der Räterepublik in München bezeichnet er gar als politischen Tiefpunkt. Die Rechtsprechung spiegelt Wiedemanns Einschätzung: Ohne Nachsicht werden die linken Revolutionäre verfolgt. Mit wesentlich mehr Milde können hingegen rechtsextreme Kräfte rechnen.

Die NSDAP greift schon im November 1923 in München nach der Macht. Obwohl die Losung ausgegeben wurde, dass Nationale nicht auf Nationale schießen sollen, ringt sich Gustav von Kahr, zu diesem Zeitpunkt Generalstaatskommissar mit diktatorischen Vollmachten, dazu durch, den Hitler-Putsch mit Waffengewalt zu beenden und die NSDAP zu verbieten. Keine zwei Jahre später, im Februar 1925, gründet sich die Partei neu. Aber der Erfolg bleibt ihr in diesen wirtschaftlich besseren Jahren zunächst versagt, wie Historiker Martin Broszat in "Der Staat Hitlers" schreibt.

Erst die Wirtschaftskrise ab 1929 nach dem Zusammenbruch der New Yorker Börse spielt den Nazis in die Hände - denn die Zahl der Arbeitslosen schnellt nach oben. Bei den Reichstags- und Landtagswahlen im Mai 1928 erhalten die Nazis 6,1 Prozent im Bayerischen Landtag, 6,4 Prozent im Reichstag, doch schon bei den Kommunalwahlen ein Jahr später gelingt ihnen der Einzug in fast alle Gemeinde- und Stadträte Bayerns. Noch stellen sie nur zwei Prozent aller Stadt- und Gemeinderäte.

Auf dem Land gelingt es der erklärt antidemokratischen Partei mit einer agrarpolitischen Agenda Anhänger zu finden. Im Juli 1930 stimmen schon 18 Prozent der bayerischen Wähler für die Nazis. "Bei allen Wahlen bis zum Jahre 1933 entfalteten die Nationalsozialisten größte Aktivität. Sehr viele Versammlungen fanden statt, zum größten Teil Kundgebungen, die mit Marschmusik eingeleitet wurden ... Von Jahr zu Jahr verschlechterte sich auch die demokratische Situation in unserem Kreis, sodaß die Stimmenzahl der NSDAP, abgesehen von einzelnen Rückschlägen, von Wahl zu Wahl anstieg", schreibt der Tölzer Landrat Wiedemann.

Ab den 1930er Jahren bestimmten Märsche der SA das öffentliche Leben, wie hier in Vilsbiburg.

(Foto: SZ Photo)

Der kleine Ort Bichl macht keine Ausnahme. Bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933, die bereits unter dem Eindruck der gerade erfolgten Ernennung Hitlers zum Reichskanzler stehen, stimmen bereits 58 Prozent der Wähler im Dorf für die NSDAP. Zweitstärkste Kraft ist mit deutlichem Abstand die Bayerische Volkspartei (BVP) mit knapp 19 Prozent, dahinter folgen die SPD mit zehn und die KPD mit sieben Prozent.

Die Partei fackelt nicht lange - und setzt ihr erklärtes Ziel, die Demokratie abzuschaffen, schnell durch. In München wird schon am 9. März 1933 die von der BVP geführte bayerische Staatsregierung abgesetzt - NSDAP und SA besetzen die Innenstadt. In Bichl geht der Übergang ebenfalls nicht kampflos vonstatten. Die Bichler sammeln Unterschriften gegen die neuen Volksvertreter, ohne Erfolg. Der BVP-Bürgermeister Georg Eberl muss am 24. April 1933 sein Amt abgeben.

Erst ein Jahr später finden die Nazis den richtigen Nachfolger, Max Hilngrainer. Er wird nach dem Führerprinzip ernannt. Die BVP-Gemeinderäte müssen nach heftigen Repressalien durch die SA am 13. Juli 1933 zurücktreten. Und schon einen Tag später meldet der Kreis stolz, dass am 14. Juli alle BVP-Organisationen im Kreis Bad Tölz aufgelöst sind. Es folgt das deutschlandweite Verbot aller Parteien bis auf die NSDAP.

Innerhalb kürzester Zeit wird jede demokratische Struktur beseitigt. Die Befehle, was zu tun und zu lassen sei, treffen in der Gemeinde in rascher Folge ein. Am 21. März 1933 sind zur Eröffnung des Reichstags vaterländische Feiern vorgeschrieben, Bichl wird abgemahnt, weil es keinen Bericht vorlegt. Am 23. April folgt der Befehl, dass alle Amtsräume und Schulzimmer mit einem Führer-Porträt ausgestattet werden müssen, Mindestgröße 24 auf 30 Zentimeter.

Der Chronist der Gemeinde ist überzeugter Nazi. Er schreibt seine Texte im Nachhinein um

Nur wenige Wochen nach der Machtergreifung, im März 1933, ließ Heinrich Himmler das KZ Dachau auf dem Gelände einer alten Munitionsfabrik errichten.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Am 2. September kommt die Pflicht zur Entbietung des "deutschen Grußes" gegenüber Fahnen nationaler Verbände. Alle Vereine, auch die Feuerwehr, werden neu organisiert: "Das Jahr 1935 brachte das neue Feuerwehr-Gesetz", notiert der Ortschronist, Lehrer und überzeugte Nationalsozialist August Schwab, der nach dem Krieg seine Ortschronik größtenteils umschreiben wird. Doch Passagen wie diese sind geblieben: "Es verlangt mehr Polizei- und Pioniertruppen; alles vereinsmäßige verschwindet ... Nörgler werden entfernt."

Die neuen Parteigranden hingegen erobern den öffentlichen Raum. Aus der Dorfstraße wird die Adolf-Hitler-Straße. Dem Dichter Dietrich Eckart, ideologischer Mentor Hitlers, wird in Bichl nicht nur eine Straße, sondern im Oktober 1934 auch ein Denkmal gesetzt. Die Inschrift wies ihn als "Künder und Wegbereiter des Dritten Reiches" aus, der in Bichl in den Kriegssommern 1916 bis 1918 sein Hauptwerk "Lorenzaccio" vollendet habe. Zur Einweihung ziehen die Nazis ihre üblichen Register: Fackelzug der SA, nationalsozialistische Weihestunde, Reden. Die Einweihung des Denkmals ist aber alles andere als ein Erfolg: Die erwarteten Besuchermengen bleiben aus. 1946 wird das Denkmal abgerissen und als Baumaterial verwendet.

Die Nürnberger Rassengesetze vom 15. September 1935, Grundlage für die Verfolgung der Juden, erfassen das Dorf ebenfalls. Der Bürgermeister muss jüdische Bürger melden. In Bichl ist es nur Margot Wolfsohn Thesing. Sie ist die Ehefrau des renommierten Wissenschaftlers und Übersetzers der Werke von Henry Ford, Curt Thesing, der in Bichl die Villa des legendären Fliegers und späteren Generalluftzeugmeisters der Wehrmacht, Ernst Udet, gekauft hat. Margot Thesing und ihr Sohn Horst Brasch werden gemeldet. 1939 erhalten beide die Ausreisebewilligung. Brasch, der später in der DDR zum stellvertretenden Kultusminister aufsteigen wird, geht nach England, seine Mutter bleibt. Im Mai 1940 ist sie eine von fünf verbliebenen Juden im Kreis. Ihr Ehemann scheint Schutz genug zu sein.

Dabei steht auch Curt Thesing unter Beobachtung. Eine Frau aus dem Nachbarort behauptet im April 1934, Thesing habe kommunistisches Material in seinem Haus gelagert. Der SD reagiert auch in diesem Fall umgehend. Der Wissenschaftler wird kurzzeitig verhaftet, die Verleger lösen ihre Verträge mit ihm. Doch er kann weiter in Bichl leben. Nach Kriegsende wird er von der amerikanischen Besatzungsmacht zum Bürgermeister ernannt und bleibt dies bis zu den Wahlen 1946.

Im Rückblick schreibt der neue Ortschronist und Priester Franz Xaver Schlecht: "Man hat sich im Dorf wie vor einer Gestapo in Acht nehmen müssen." Kirchenbesuche seien überwacht worden, Kirchenaustritte erwünscht gewesen. Altbayern in seiner Autoritätsgläubigkeit habe die Absichten der Nazis nicht durchschaut.