600 Jahre alte Mumie Rosalinde aus dem Moor

Eine mehr als 600 Jahre alte Mumie wurde vor 55 Jahren in einem Moor bei Hohenpeißenberg gefunden, der Leichnam ist auch heute bestens erhalten. Nun soll Rosalinde in München ausgestellt werden - noch immer ranken sich viele Rätsel um sie.

Von Hans Kratzer

Am 23. Juli 1957 hat sich auf dem Gebiet der oberbayerischen Gemeinde Hohenpeißenberg eine Sensation zugetragen. Arbeiter stießen an jenem Tag beim Torfabbau im Hochmoor "Weiter Filz" überraschend auf einen Sarg. Nach dessen Öffnung kam ein Leichnam zum Vorschein, der sich im luftdichten Moor bestens erhalten hatte. Dabei hatte die tote Frau, wie sich später herausstellte, schon vor mehr als 600 Jahren den Tod gefunden.

Rosalinde und ihre rotledernen Stiefel.

(Foto: Landschaftsverband Westfalen-Lippe)

Noch heute stößt diese erste bayerische Moorleiche, die den Namen Rosalinde erhielt, in der Region Peiting-Hohenpeißenberg wie auch in der Wissenschaft auf ungebrochenes Interesse. Warum sie ihre letzte Ruhestätte in einem abgelegenen Moor fand, ist nach wie vor ein Rätsel. Den vielen ungelösten Fragen widmet sich jetzt auch die neue Ausgabe der Fachzeitschrift Bayerische Archäologie (1/2012), die deutlich macht, dass Moorleichen und Mumien nicht nur in Norddeutschland und in Ägypten, sondern auch in Bayern zu finden sind - und zwar häufiger als vermutet.

Wenige Tage nach ihrer Entdeckung wurde Rosalinde nach Schleswig-Holstein gebracht, wo Sarg, Leiche und Kleidungsstücke konserviert und wissenschaftlich untersucht wurden. Das Herz, so hieß es im ersten Untersuchungsbericht, sei so gut erhalten gewesen, als sei die Tote erst vor zwei oder drei Tagen gestorben.

Erst im Jahr 2007 kehrte Rosalinde nach Bayern zurück, wo sie vom Wissenschaftsteam um die Archäologin Brigitte Haas-Gebhard (Archäologische Staatssammlung München) und den Gerichtsmediziner Klaus Püschel (Institut für Gerichtsmedizin Hamburg-Eppendorf) abermals untersucht wurde. Im Winter 2014/15 soll Rosalinde in der Archäologischen Staatssammlung München groß präsentiert werden.

Bis dahin wird man vielleicht auch wissen, warum sie im Moor bestattet wurde. Wie Frau Haas-Gebhard bereits in einem Aufsatz (Bayerische Vorgeschichtsblätter 74, 2009) dargelegt hat, starb Rosalinde wohl zwischen 1290 und 1370, allerspätestens aber 1440. Demnach war sie bei ihrem Tod zwischen 20 und 30 Jahre alt und etwa 1,52 Meter groß.

Ihr intaktes Skelett zeigt, dass die Frau keine schwere körperliche Arbeit verrichtete. Sie war keineswegs dürr und ihre Hauptnahrung dürfte Getreidebrei gewesen sein. Gleichwohl hatte sie bereits einige Zähne verloren, litt unter Karies und quälenden Zahnschmerzen. Möglicherweise war sie schwanger oder hatte kurz vor ihrem Tod ein Kind geboren.

Totenkleid aus weißer Schafwolle

Als Totenkleid hatte man ihr ein Obergewand aus weißer Schafwolle übergezogen. Um den Kopf trug die Tote ein gewebtes Haarband. Besonders auffällig sind die ungewöhnlich gut erhaltenen rotledernen Stiefel aus Ziegen- und Rindsleder, die nicht mit der hiesigen spätmittelalterlichen Mode übereinstimmen. Seit ihrer Entdeckung geben sie Anlass für Spekulationen, etwa dass die Tote am Kindbettfieber starb. Die Angst vor Wiedergängern, wie es eine Wöchnerin im damaligen Volksglauben war, habe die Hinterbliebenen veranlasst, sie im Moor zu versenken. Falls sie doch umhergehen sollte, habe man ihr dafür extra angefertigte Stiefel mit ins Grab gegeben.

Ihre gekreuzten Arme unter der Brust weisen auf eine christliche Bestattung hin. Auffällig ist auch, wie sorgfältig der Fichtenholzsarg gezimmert wurde, was gegen ein schnelles Verscharren der Leiche spricht. Das alles erklärt aber nicht, warum sie im abgelegenen Moor bestattet wurde. Vielleicht war sie eine Selbstmörderin, vielleicht eine Hexe, vielleicht eine Ketzerin, spekuliert die Zeitschrift Bayerische Archäologie.

Die Zeitschrift stellt in diesem Zusammenhang auch die These auf, dass es in Bayern vermutlich noch viele unentdeckte Mumien gibt. Bereits bekannt sind jene im oberbayerischen Pförring und im Schloss Sommersdorf in Mittelfranken, wo die Leichen in der Gruft durch stetigen Luftzug auf natürliche Weise konserviert wurden. So mancher bayerische Herrscher ist dagegen einbalsamiert worden, etwa die Wittelsbacher Prinzessin Anna im Kloster Kastl, die nach fast 700 Jahren immer noch ziemlich gut konserviert ist.