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Jagd-Experte Wotschikowsky:"Die Jäger haben ihre Experten-Rolle eingebüßt"

Ulrich Wotschikowsky hat Forstwissenschaften studiert und zählt zu den renommierten Experten für Wildtiere in Deutschland.

(Foto: oh)

Was ist mit der Einschätzung, dass Jäger Rehe und andere Beutetiere nicht mit Luchs und Co. teilen wollen und deshalb Jagd auf sie machen?

Es gibt die sogenannte Beute-Konkurrenz. Auch wenn sie nicht rational ist, weil so viele Rehe in den Wäldern leben, dass sie für Luchs, Bär, Wolf und die Jäger ausreichen. Nach meiner Überzeugung greift die Beute-Konkurrenz als Erklärung für die illegalen Tötungen aber zu kurz.

Warum?

Der Konflikt geht tiefer, gerade bei den Luchs-Tötungen im Bayerischen Wald. Das ist eine Art Ersatzkrieg - gegen Förster, Naturschützer, Grüne und alle, die sich in Sachen Jagd zu Wort melden.

Das müssen Sie erklären.

Die Jäger waren Jahrhunderte lang die Experten in Sachen Wildtiere und Wald. Wenn es früher irgendein Problem mit einem Tier im Wald gab, haben die Leute den Jäger gerufen, der hat es geregelt.

Und jetzt?

Die Jäger haben ihre Experten-Rolle längst eingebüßt. Die Förster sagen ihnen permanent, dass sie zu wenig Rehe schießen und deshalb der junge Wald nicht hochkommt. Die Tierschützer greifen sie an, weil sie Tiere töten. Auch die Naturschützer und die Grünen sprechen ihnen ihre Kompetenz in Sachen Wild und Wald ab. Das Ansehen der Jäger hat stark gelitten. Bei vielen herrscht regelrecht Frust.

Und aus diesem Frust heraus sollen dann einige wenige kriminell werden?

Ja. Bei den Luchs-Tötungen im Bayerischen Wald geht es den Tätern offenkundig nicht nur darum, eine Ausbreitung der Raubtiere zu verhindern. Sie präsentieren die Kadaver oder Teile an Wanderwegen oder anderen Stellen, an denen sie sicher gefunden werden. Damit wollen sie ein Zeichen setzen, dass sie die eigentlichen Herren im Wald sind - so pervers das ist.

© SZ vom 07.09.2015/vewo
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