Isabella Haßmann mag offensichtlich Tabellen. Zumindest hat die 25-jährige Kauffrau für Büromanagement aus der Jachenau auf ihrem privaten Computer eine private Excel-Liste mit gut 300 Einträgen für all die Gipfel, auf denen sie schon war. Und doch klingt es fast beiläufig, wie sie in der Küche ihres Elternhauses von ihren Bergbesteigungen erzählt. Als Jugendliche hat es sie ein paar Jahre lang sogar ganz gelassen, auf Gipfeljagd zu gehen.
Rekordsüchtig wirkt die Jachenauerin jedenfalls kaum – und doch hat sie im vergangenen Jahr einen ziemlich großen aufgestellt. Als jüngste Bergsteigerin hat sie den 8163 Meter hohen Manaslu – den achthöchsten Gipfel der Erde – am 25. September erreicht, ohne dabei Sauerstoffflaschen zu nutzen. Das hat das Team von 8K-Expeditions, mit dem sie unterwegs war, zumindest online sofort veröffentlicht. Für ihre Heimatgemeinde ist Haßmann nun ein „Aushängeschild“, wie es Bürgermeister Klaus Rauchenberger (FWG) auf einem Empfang Ende Oktober formuliert hat. Vor dem Rathaus standen dazu Jachenauer mit Eispickeln Spalier.
Das sei schon schön gewesen, räumt die junge Frau ein. Andererseits sei die große Aufmerksamkeit auch komisch, sagt sie. „Es war nie mein Ziel, einen Rekord aufzustellen“, so Haßmann. Auf dem Manaslu zu stehen, muss aber schon etwas ganz Besonderes gewesen sein. Schließlich hat sich die Jachenauerin sogar ein Tattoo der Gipfelsilhouette auf die Innenseite ihres rechten Unterarms stechen lassen. „Das ist mein Erstes, hat 25 Dollar gekostet.“

Wer Gipfel sammeln möchte, hätte in den Alpen mehr als genug zur Auswahl. Allein im 739 Quadratkilometer großen Naturpark Karwendel gibt es 120 Berge mit mehr als 2000 Höhenmetern, wie auf der Homepage nachzulesen ist. Schon dieses nahe Gebirge zu erkunden, würde bereits fürs Leben reichen, sagt Haßmann. Was zieht also eine junge Frau wie sie ins Himalaya und die Höhen der „Todeszone“, wie der Punkt irgendwo zwischen 7000 und 8000 Metern Meereshöhe bezeichnet wird, ab dem der menschliche Organismus sich nicht mehr regenerieren kann. Längere Zeit in solchen Höhenlagen zu überleben, ist unmöglich.
Haßmann zögert, bevor sie darauf antwortet. „Ich glaube, für das erste Mal auch irgendwie die Neugierde“, sagt sie schließlich. „Was passiert mit dem Körper in der Todeszone. Wie geht es einem da? Schaffe ich das mental, schaffe ich das körperlich?“ Nur ihren eigenen Atem habe sie am Gipfel des Manaslu in der kalten Bergluft gehört. „Ich glaube auch, dieser Ausblick, der wäre schon gigantisch – wenn man einen hätte.“ Denn in weite Ferne sehen konnte Haßmann von 8163 Höhenmetern damals kaum. Auf den Gipfel schaffte sie es knapp bevor eine Schlechtwetterfront aufzog.
„Man wird halt total müde. Jeder Schritt ist Anstrengung pur“
17 Stunden habe der finale Aufstieg mit 1500 Höhenmetern gedauert, erzählt die 25-Jährige. Der gleichaltrige nepalesische Bergführer Ashok Lama, mit dem sie sich schon im Vorjahr bei einem ersten Aufenthalt im Himalaya angefreundet hatte, begleitete sie und weitere Expeditionsmitglieder nach oben. „Der Ashok hatte Snickers und aufgeschnittene Äpfel in seinem Anzug vorne drin“, sagt die Jachenauerin. „Damit hat er mich immer gefüttert.“
In der Höhe habe sie etwas Kopfweh bekommen, das aber auszuhalten gewesen sei. „Man wird halt total müde. Jeder Schritt ist Anstrengung pur.“ Für wenige Sekunden kamen ihr die Steigeisenspuren der Vorgänger sogar wie Smileys vor, die sie auslachten. Die seien aber verschwunden, als sie sich gezwungen habe, sie zu ignorieren und weiterzugehen. „Man fühlt sich ein bisschen, wie wenn man zu viel getrunken hätte“, sagt Haßmann. Entsprechend schummrig seien ihre Erinnerungen.

Als sie vom Gipfel wieder acht Stunden bis zum Lager II abgestiegen seien, habe sie regelrecht spüren können, wie ihre Muskeln abbauten. Um Kraft zu sparen, habe sie sich auf der langgezogenen Gletscherfläche immer ins Fixseil eingeklinkt und sei auf dem Po heruntergerutscht, erzählt die Bergsteigerin. „Füße in die Höhe, so weit wie es gegangen ist.“ Zurück im Basislager auf 4800 Höhenmetern habe ihr Genick geschmerzt, weil die Halsmuskulatur so abgebaut habe. Es dauerte, bis sie wieder ihre gewohnte Leistungsfähigkeit erreichte. „Man braucht zum Regenerieren drei Monate, sagt man.“
War es das wert? Haßmann überlegt wieder. Der Moment am Gipfel sei gar nicht das Entscheidende, sagt sie dann, sondern die vielen kleinen Erlebnisse, die sie bei ihrem siebenwöchigen Aufenthalt erfahren habe. Sie erzählt von Bartgeiern in unterschiedlichen Farbschattierungen auf einer Bergwiese, einem tief türkisfarbenen See, von Rainer, der im Basislager schon um acht Uhr früh seine Spaghetti mit Tomatensoße gegessen habe, weil die ihm so gut geschmeckt hätten, von den nepalesischen Familien, mit denen sie ums Feuer im Haus gehockt habe. „Der Rekord ist eigentlich brutal nebensächlich.“
Die Expeditionsgebühren sind für Nepal eine wichtige touristische Einnahmequelle
Für das Land Nepal und seine Bewohner sind die Expeditionsteilnehmer auf die hohen Himalaya-Berge eine wichtige touristische Einnahmequelle. Um den Manaslu zu besteigen, ist laut Online-Angeboten ein fünfstelliger Euro-Betrag fällig. Haßmann hat dafür ihre Esparnisse aufgebraucht. Wer entsprechend zahlt, kann sich dafür den einen oder anderen Luxus leisten. Die Jachenauerin erzählt von einem Himmelbett im Kuppelzelt, das sich ein Paar im Basislager auf 4800 Metern Höhe hatte aufstellen lassen. Als sie die vielen Zelte der um die 200 Bergsteiger dort das erste Mal gesehen habe, sei sie fast schockiert gewesen. Es habe sogar bis zur Kaffeemaschine voll ausgestattete Küchen gegeben.
Dass es Haßmann auf große Höhen zieht, hat auch viel mit ihrer familiären Vorprägung zu tun. „Meine Mama hat mich schon im Kinderwagen auf Berge heraufgeschoben“, sagt sie. Mit fünf Jahren sei sie auf die erste Hüttentour zur 2372 Meter hohen Meilerhütte im Wettersteingebirge gegangen, mit acht auf den ersten Dreitausender gestiegen.
„Als Kind war ich von den ganz großen Bergen fasziniert“, sagt Haßmann. Sie habe viele Bücher von Reinhold Messner, Peter Habeler und Hans Kammerlander gelesen. Mit der Jugend kamen andere Prioritäten, zwischen 14 und 16 Jahren habe sie dann mit den Bergen pausiert, erzählt sie. Erst als ihre Mutter schwer erkrankt sei, habe sie realisiert, wie schön die gemeinsamen Touren waren, und wieder damit angefangen.

In der Lenggrieser Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) lernte Isabella Haßmann das Bergsteiger-Handwerk, ging in der Hochtourengruppe mit, machte Gletscher- und Eiskletterkurse und lernte im Alter von 21 Jahren das Gleitschirmfliegen. Beruflich war die Jachenauerin für den Einkauf und die Logistik eines heimischen Unternehmens tätig, gab die Stelle allerdings während der Corona-Pandemie auf, um im Hütten- und Wege-Team des DAV-Hauptverbands mit Sitz in München mitzuarbeiten.
2023 folgte schließlich ein erster fünfmonatiger Aufenthalt in Nepal. Dafür hatte sie sich bei einer Trekkingfirma als Volontärin beworben. Über den Job lernte sie Ashok Lama kennen, unternahm erste Expeditionen auf den 6461 Meter hohen Mera Peak sowie den 7129 Meter hohen Baruntse. Dass sie den Aufstieg dort wegen schlechten Wetters abbrechen musste, sieht Haßmann entspannt. „Der Gipfel ist nicht das eigentliche Hauptziel“, sagt sie. Für sie gehe es darum, eine gute Zeit am Berg zu haben. Das bedeute, intensiv nachdenken zu können, auch einmal Grenzen auszutesten, vor allem aber gut mit Leuten auszukommen, die man vorher gar nicht kenne – und offen für ihre Sitten, Gepflogenheiten und Gespräche zu sein.
„Der Berg stellt Bedingungen, die nicht jeder erfüllen kann“
Dafür bieten die Expeditionen, die sich über mehrere Wochen erstrecken, weil sich die Bergsteiger an die Höhenlagen mit mehreren Auf- und Abstiegen akklimatisieren müssen, reichlich Gelegenheit. Schon 2023 habe Ashok Lama immer davon gesprochen, mit ihr einen Achttausender versuchen zu wollen, sagt Haßmann. Im Folgejahr konnte sie das angehen, weil auch der neue Arbeitgeber mitspielte.
Nach dem verheerenden Erdbeben in Tibet, das vor wenigen Tagen auch Teile von Nepal erfasste, hatte Haßmann Kontakt mit Ashok Lama. „Er war total schockiert“, sagt sie. Soweit sie wisse, sei aber zumindest in seiner Region nichts Schlimmeres passiert. Ob es Haßmann künftig wieder nach Nepal ziehen wird? „Wenn es nach mir geht ja“, sagt sie. Allerdings müsse sie das erst einmal finanzieren können. Die Ausrüstung für den Manaslu, wie den für hohe Minustemperaturen ausgelegten Daunenanzug, die Schuhe und Handschuhe, habe sie glücklicherweise kostengünstig gebraucht erwerben oder ausleihen können, erzählt sie. Der Markt für kleinere Größen beim Spezial-Equipment sei generell klein, weil noch immer viel weniger Frauen als Männer auf den hohen Bergen unterwegs seien.
Auf Haßmanns Excel-Liste stehen auch viele klassische Touren im Alpenraum, etwa die auf den Mont Blanc, den Bianco-Grat, den Piz Palü oder die Dufourspitze. Doch ein Achttausender ist schon etwas Besonderes. Den Manaslu haben Stand 2023 etwa 3317 Menschen bestiegen. Darunter waren 238 Frauen. 66 davon schafften es wie Haßmann ohne zusätzlichen Sauerstoff aus der Flasche. Eine von ihnen zu sein, macht sie irgendwie auch stolz, wie sie zugibt: „Der Berg ist zwar touristisch überlaufen, stellt aber Bedingungen, die nicht jeder erfüllen kann“, sagt sie. „Da kommt nicht jeder rauf.“

