Bildungsforscher Marcel Helbig„Bayerns Schulsystem ist doppelt ungerecht“

Lesezeit: 6 Min.

55 Prozent der Grundschüler sind fürs Gymnasium geeignet, dort kommen aber nur 40 Prozent an, kritisiert Marcel Helbig vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg.
55 Prozent der Grundschüler sind fürs Gymnasium geeignet, dort kommen aber nur 40 Prozent an, kritisiert Marcel Helbig vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg. LIfBi
  • 55 Prozent der bayerischen Grundschüler bekommen eine Gymnasialempfehlung, aber nur 40 Prozent wechseln tatsächlich aufs Gymnasium.
  • Bildungsforscher Marcel Helbig kritisiert, dass leistungsstarke Schüler aus sozial schwächeren Milieus auf dem Land um ihre Chancen gebracht werden.
  • Bayern hat die höchsten Wiederholungs- und Abschulungsquoten an Gymnasien im Bundesvergleich.
Von der Redaktion überprüft

Diese Zusammenfassung wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Auf dem Land gehen viele Schüler trotz Gymnasialreife lieber auf die Realschule. Der Bildungsforscher Marcel Helbig macht dafür strukturelle Defizite verantwortlich – und kritisiert, dass Kinder aus sozial schwächeren Milieus dadurch um ihre Chancen gebracht werden.

Interview von Anna Günther

SZ bei Google bevorzugen

Bayerns Staatsregierung betont regelmäßig, wie gut der Freistaat – also das Schulsystem – in Bildungsstudien und Ranglisten abschneidet. Tatsächlich landet Bayern oft auf den vorderen Plätzen. Zuletzt attestierte der Bildungsmonitor der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft Bayern insgesamt und beim Aspekt Bildungsqualität einen zweiten Platz hinter Sachsen. Auch beim IQB-Bildungstrend, der misst, inwieweit Kinder in Deutschland die Bildungsziele der Kultusministerkonferenz erreichen, schnitten Bayerns Grundschüler sehr gut ab.

Ungeachtet dessen nennt der Bildungsforscher Marcel Helbig, der am Bamberger Leibniz-Institut für Bildungsverläufe auf Strukturen und Systeme spezialisiert ist, das Schulsystem im Freistaat „doppelt ungerecht“. Es benachteilige gute Schülerinnen und Schüler aus sozial schwächeren, nicht akademischen Milieus – und es widerspricht aus seiner Sicht dem Gebot der gleichwertigen Lebensverhältnisse, das sogar in der Bayerischen Verfassung verankert ist. Zudem konterkariere das System den Leistungsgedanken, den nicht nur CSU-Ministerpräsident Markus Söder etwa in der Diskussion um die unangekündigten Exen betonte. Auch Kultusministerin Anna Stolz (FW) hatte zu Schuljahresbeginn erklärt, dass Jugendliche in einer Leistungsgesellschaft auch lernen müssten, mit unangekündigten Abfragen umzugehen.

SZ: Herr Helbig, wie kommen Sie darauf, dass das bayerische Schulsystem doppelt ungerecht ist?

Marcel Helbig: Der Unterschied zwischen Kindern, die den Notenschnitt fürs Gymnasium haben, und jenen, die tatsächlich in der fünften Klasse dort hingehen, ist überraschend groß. Das erstaunte mich sehr, als ich für die Veranstaltung „Leibniz im Landtag“ mal die offiziellen Zahlen zum Übertritt nach der Grundschule anschaute.

Sie kritisieren, dass zu viele Kinder nach der vierten Klasse die Empfehlung bekommen, aufs Gymnasium zu gehen. In München sind es 63 Prozent, im umliegenden Landkreis sogar 68 Prozent. Bayernweit 55 Prozent.

Dieses Ausmaß war mir nicht klar! Was sagt das über das bayerische Gymnasium aus?

Sagen Sie es mir.

Das Gymnasium gilt als Institution für die Besten der Besten, gerade in Bayern. Wenn ich sehe, dass 55 Prozent aller Kinder nach der Grundschule eine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen, dann widerspricht das für mich vollkommen dem, was man über das bayerische Schulsystem und dessen Fokus auf Leistung zu wissen glaubt.

Wieso?

Es kommen nur etwa 40 Prozent am Gymnasium an. Mehr als ein Viertel der Kinder, die von ihren Lehrern eine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen, gehen dort gar nicht hin. Das dürfte im Bundesvergleich eine ziemlich hohe Zahl sein und hängt wahrscheinlich mit drei Dingen zusammen.

Mit welchen?

Ein Punkt ist der hohe Leistungsdruck. Das können Sie auch aus anderen Statistiken ableiten wie der Wiederholungsquote. An bayerischen Gymnasien wiederholen viel mehr Schüler eine Klasse als in anderen Bundesländern. Auch die Abschulungsquoten, also die Zahl der Jugendlichen, die das Gymnasium „nach unten“ verlässt, ist nirgendwo so hoch wie in Bayern. Das führt dazu, dass gerade die untere Mittelschicht aus Angst vor diesem Leistungsdruck eher davon abgehalten wird, ihre Kinder aufs Gymnasium zu schicken. Und die Realschulen gelten in Bayern als leistungsstark, also als gute Alternative. Aus den Übertrittszahlen konnte ich auch herauslesen, dass in 70 der 96 Kreise und kreisfreien Städte Bayerns sogar mehr Jugendliche mit Gymnasialempfehlung an den Realschulen lernen als mit Realschulempfehlung. Und drittens stellt sich die Frage, ob es auf dem Land überhaupt genügend Gymnasien gibt oder ob nicht auch weite Fahrwege Jugendliche abschrecken. Wenn Sie das mit dem Akademikeranteil der entsprechenden Region korrelieren, bekommt man ein enormes Ausmaß an sozialer Ungleichheit.

Schuljahresbeginn 2025/2026
:Wie die Lehrer selbst den Lehrermangel beseitigen

Das Problem des fehlenden Personals scheint Kultusministerin Anna Stolz aktuell im Griff zu haben - zumindest in den meisten Schularten. Große Neuigkeiten für die Mittelschulen, bei Prüfungsformaten und der Lehrerbildung lassen auf sich warten.

Von Anna Günther

Wieso?

Akademikern ist das Gymnasium wichtiger als anderen sozialen Schichten, die womöglich vom Leistungsdruck und weiten Fahrwegen abgeschreckt werden. All das steht schon entgegen zu vielem, was in politischen Sonntagsreden in Bayern immer verkündet wird.

Was meinen Sie damit?

Na ja, wenn das Gymnasium nur für die Besten der Besten sein soll, wenn Leistung in Bayern so viel zählt, sind dann 55 Prozent nicht zu viele Kinder? Und dann verteilen sich die Schüler nicht einmal leistungsgerecht auf die Schularten.

Also bringt das System die leistungsstarken Schüler aus sozial schwächeren Milieus auf dem Land um ihre Chancen?

Genau, das macht Bayerns Schulsystem doppelt ungerecht.

Die Übertrittsquote liegt seit Jahren landesweit bei etwa 40 Prozent fürs Gymnasium und bei jeweils etwa 29 Prozent für Real- und Mittelschulen.

Das zeigt, dass die weiterführende Schule doch oft die Entscheidung der Eltern ist und weniger mit den Leistungen der Kinder zu tun hat. Darunter leiden einerseits die Schüler, die mit dem Ziel Gymnasium durch die Grundschule gepeitscht werden, und es benachteiligt alle, die die Noten hätten, aber im ländlichen Raum gar nicht die Chance bekommen, ans Gymnasium zu gehen.

In Herrsching am Ammersee  wurde zum aktuellen Schuljahr ein neues Gymnasium eröffnet. Davor mussten die Schüler in der Region dort mit der S-Bahn zum Unterricht fahren.
In Herrsching am Ammersee  wurde zum aktuellen Schuljahr ein neues Gymnasium eröffnet. Davor mussten die Schüler in der Region dort mit der S-Bahn zum Unterricht fahren. Nila Thiel

Und welche Konsequenz ziehen Sie daraus?

Als Forscher sollte man sich schnell abgewöhnen, die Politik zum Umdenken bewegen zu wollen. Diese Zahlen machen das Problem sozialer Ungleichheit am Übergang von der Grundschule aufs Gymnasium ein Stück klarer. Aber kein Politiker wird sich an eine Reform wagen, die etwas an der gegliederten Struktur des Bildungssystems verändert.

Das gegliederte System gilt in Bayern als eine Säule des bayerischen Erfolgs in Bildungsstudien.

Ja, hier ist das alles viel festgefahrener. Obwohl gerade die Mittelschulen immer mehr zur Resteschule werden, auch das zeigen die Antworten des Kultusministeriums auf die parlamentarische Anfrage der Grünen.

Inwiefern?

Wenn jemand die Realschuleignung hat, dann geht er oder sie auch dorthin. Niemand geht damit an die Mittelschule.

Dabei bietet sie im M-Zweig einen vergleichbaren Abschluss. Dieses Grundproblem der Mittelschulen zeigt sich auch an den Universitäten.

Genau, an den Mittelschulen wartet ein ganz anderes Problem, das zeigt schon die Vorausberechnung des Lehrkräftebedarfs. Darin ist Bayern übrigens richtig gut. Diese Zahlen zeigen klar, dass das Problem der Lehrkräfteabdeckung für die Mittelschulen massiv wird. In Thüringen zum Beispiel herrscht gerade große Aufregung, weil Gymnasiallehrkräfte an die Regelschulen abgeordnet werden sollen. Was da für Zustände herrschen, wird aber erst öffentlich wahrgenommen, seit der Gymnasialklientel die Lehrerschaft weggenommen werden soll. Dort will auch niemand mehr Regelschullehrer werden.

SZ Bayern auf Whatsapp
:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnieren

Von Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.

Man kann junge Leute kaum zwingen, das zu studieren.

Solange sie nicht verbeamtet sind, kann man sie nicht zwingen, nein. Aber man kann das Studium verändern und die Spezifizierung auf Schularten abschaffen, das haben Bundesländer wie Berlin, Hamburg, Bremen oder Schleswig-Holstein längst getan.

Eine von Söder eingesetzte Kommission beschäftigte sich kürzlich mit der Zukunft der Lehrerbildung, die Idee eines einheitlichen Studiums für alle Schularten stand auch mal im Raum. Am Ende schaffte diese Idee es nicht einmal in den Vorschlag der Experten an die Regierung.

Aber wenn niemand mehr das Lehramt für eine Schulart studieren will, muss da doch etwas gewaltig schieflaufen. Da muss gezielt nachgesehen und gefördert werden. Da war das Startchancen-Programm mit Geld für Schulen mit besonders hilfsbedürftigen Jugendlichen schon mal ein Anfang. Auch wenn ich nicht glaube, dass die Ziele dieses Programms erreicht werden, hat es immerhin dazu geführt, dass Bayern nun Mittel nach einem Sozialindex an die Schulen verteilt.

Wie könnte das System, etwa beim Übertritt, gerechter werden? Den Elternwillen völlig freizugeben, ging in Baden-Württemberg nach hinten los. Dort gingen noch mehr Kinder aufs Gymnasium und viele scheiterten daran – mit psychischen Folgen.

Es gibt aktuelle Studien, die zeigen, dass die Kinder in Ländern, die gebunden an Noten die Empfehlung fürs Gymnasium regeln, zwar am Ende der vierten Klasse höhere Kompetenzen haben, aber psychisch viel stärker gelitten haben als in den anderen Bundesländern. Und, ganz ehrlich, wenn 55 Prozent der Viertklässler die gymnasiale Eignung bekommen, glaube ich nicht, dass das mit freiem Elternwillen noch viel mehr wären.

Sorgen um die Gen Z
:„Was muss diese Generation alles schultern?!“

Tina Kretschmer hat Mitleid mit ihren Studierenden. Covid-Lockdowns, Klimawandel, unsichere Rente – und jetzt auch wieder Wehrpflicht? Die Erlanger Psychologieprofessorin nennt das ungerecht. Sie sagt: Die Gesellschaft lädt zu viel auf die Anfang Zwanzigjährigen ab.

SZ PlusInterview von Anna Günther

Im Landkreis München sind es 68 Prozent, im Landkreis Altötting 46 Prozent. Dort sind die Kinder wohl kaum dümmer als in München. Woher kommt der Unterschied? Eltern, die mit Anwälten drohen? Lehrkräfte, die den einen Punkt mehr geben, damit es keinen Stress gibt?

Es gibt Studien, die dieses Bild sogar belegen. Ich würde sagen, in Bayern ist es zweischneidig: Es gibt die Münchner Geschichte und die aus Altötting, wo sehr viele Eltern mehr Respekt vor dem Gymnasium haben, und deshalb mehr Kinder, die trotz gymnasialer Eignung auf die Realschule gehen. Und ich möchte hier weder die Qualität des Realschulabschlusses oder die Berufsaussichten der Realschülerinnen schmälern, noch geht es darum, dass alle Kinder ans Gymnasium gehen sollen. Aber man sollte sich grundsätzlich mal Gedanken zu zwei Dingen machen.

Zu welchen?

Ich frage mich, wie viele Kinder im ländlichen Raum, die trotz Empfehlung nicht ans Gymnasium wechseln, dort nicht sind, weil ihnen die Fahrt zu weit ist? Wir brauchen dafür mehr Daten, aber darauf deutet viel hin. Und wenn die bayerische Staatsregierung als einziges Bundesland das althergebrachte, gegliederte System verfolgt, dann muss sie auch ermöglichen, diese Schulformen überall besuchen zu können.

Was wäre Ihre Lösung?

Eine Lösung wäre, punktuell mit Gesamtschulen zu arbeiten, die wenigstens die gymnasiale Oberstufe anbieten. Denn die Schulinfrastruktur stammt aus den Achtzigerjahren, als noch viel mehr Jugendliche auf Hauptschulen gingen und viel weniger ans Gymnasium. Das hat sich komplett verschoben – und die Gymnasien würden wohl zusammenbrechen, wenn wirklich alle Schüler und Schülerinnen mit Eignung dorthin wollten.

Oh je, die Debatte um die Gesamtschule als Schule für alle empfinden Freunde wie Gegner in Bayern als ideologisch verbrannt.

Sie würde aber im ländlichen Raum mit zwei Problemen aufräumen: Überall könnte erstens die gymnasiale Oberstufe angeboten werden und das würde zweitens manchen Schulstandort retten, der sonst wegen zu geringer Schülerzahlen gefährdet wäre. Das ist keine Lösung für ganz Bayern, aber punktuell sollte man darüber nachdenken.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

MeinungTeilzeit-Einschränkung für Lehrer
:Söder macht seine Ministerin lächerlich und stößt Lehrer vor den Kopf

SZ PlusKommentar von Anna Günther
Portrait undefined Anna Günther

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: