Interview am Morgen Warum Münchner fast vier Jahre älter werden als Menschen auf dem Land

Dorfszene in Oberfranken. Die Lebenserwartung der bayerischen Landbevölkerung liegt deutlich unter der von Münchnern.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Der Sozialwissenschaftler Christian Janßen erklärt im "Interview am Morgen" die unterschiedliche Lebenserwartung in Bayern - und warum medizinische Hilfe oft nicht bei denen ankommt, die sie am nötigsten bräuchten.

Von Theresa Parstorfer

Christian Janßen ist Professor für angewandte Sozialwissenschaft an der Hochschule München. Im Auftrag der SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag hat er untersucht, wie Lebenserwartung und Gesundheitsversorgung zusammenhängen. Dabei hat er festgestellt, dass Prävention und Behandlung oft bei den Menschen nicht ankommen, die es am nötigsten bräuchten.

SZ.de: Herr Janßen, Sie haben im Auftrag der SPD-Landtagsfraktion ein Gutachten über Krankheitsprävention, Gesundheitsförderung und Lebenserwartung in Bayern erstellt - was sind die Hauptergebnisse?

Christian Janßen: Die ausgewerteten Daten zeigen, dass Menschen in München fast vier Jahre älter werden als in ländlicheren Regionen Bayerns. Bei neugeborenen Frauen liegt die Lebenserwartung in der Landeshauptstadt bei durchschnittlich 84,4 Jahren, während Frauen in Teilen Oberfrankens und der Oberpfalz nur um die 81,8 Jahre alt werden. Männer kommen in München auf 80,6, in der Oberpfalz lediglich auf 77,1 Jahre.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Das ist ja ein deutlicher Unterschied. Wie erklären Sie sich die Ergebnisse?

Das hat viel mit der wirtschaftlichen Lage in den jeweiligen Regionen zu tun. Eine gute wirtschaftliche Lage hat zur Folge, dass die Gesundheitsversorgung besser ist, dass es den Menschen besser geht und sie länger leben. Aber auch umgekehrt kann gesagt werden, dass in Regionen, die wirtschaftlich sehr stark sind, vermehrt gesunde und leistungsstarke Menschen zuwandern.

Gibt es also ähnliche Unterschiede zwischen Land und Stadt in anderen Teilen Deutschlands zu beobachten?

Darüber gibt es noch bemerkenswert wenig Untersuchungen. Daten des Bundesamtes für Bau-, Stadt- und Raumordnung zeigen aber in der Tat, dass in Bayern dieser Stadt-Land-Unterschied im bundesweiten Vergleich offenbar besonders stark ausgeprägt ist.

Wie sieht es denn in Deutschland generell aus, was die Lebenserwartung angeht?

Es ist recht gut dokumentiert, dass die Lebenserwartung in den alten Bundesländern nach wie vor höher ist als in den neuen Bundesländern. Baden-Württemberg liegt an erster Stelle, gefolgt von Bayern auf dem zweiten Platz.

Sie stellen in Ihrem Gutachten einen Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenserwartung her. Besser verdienende Menschen leben also durchschnittlich länger. Worauf kann man das zurückführen?

Der Zusammenhang zwischen Lebenserwartung und Einkommen ist für Deutschland aber auch alle anderen westlichen Industrienationen sehr gut belegt: Menschen mit weniger Bildung und weniger Einkommen sind häufiger ernsthaft und chronisch krank. In dem Gutachten wird ein Modell vorgestellt, das erklärt, wie und warum soziale Ungleichheit zu einer schlechteren Lebensqualität, zu einer höheren Erkrankungswahrscheinlichkeit und somit letztendlich zu einer kürzeren Lebensspanne führt.

Christian Janßen ist Professor für angewandte Sozialwissenschaft an der Hochschule München und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen Gesundheit und soziale Gerechtigkeit.

(Foto: privat)

Wie genau verdeutlicht das Modell diesen Zusammenhang?

Es werden verschiedene Faktoren dargestellt, die Gesundheit und Lebenserwartung beeinflussen. Dazu gehört beispielsweise: Wie sieht meine Wohnung, mein Wohnort aus? Wo arbeite ich und unter welchen Bedingungen? Wie intensiv beschäftige ich mich selbst mit meiner Gesundheit und was tue ich oder kann ich mir leisten zu tun, um gesund zu bleiben? Habe ich ein gutes soziales Umfeld, das mich unterstützt? Jemand mit geringerem Einkommen wird vielleicht in einer Wohnung mit höherer Lärmbelastung leben oder einer Arbeit nachgehen, die ihn größerer körperlicher oder psychischer Belastung aussetzt. Außerdem zeigt das Modell, dass Risikofaktoren wie Gewicht, Rauchen, Bewegungsmangel und Ernährung bei Menschen mit geringerem Einkommen höher sind. Nur der Faktor Alkohol ist in allen Gesellschaftsgruppen ähnlich stark ausgeprägt.

Sie erwähnten gerade den finanziellen Aspekt von Gesundheitsversorgung. Kommen hier die Krankenversicherungen ins Spiel?

Man kann zumindest feststellen, dass Maßnahmen der Gesundheitsförderung häufig nicht da ankommen, wo sie am dringendsten benötigt werden: bei Menschen mit einer eher weniger qualifizierten Bildung, einer eher schlechteren beruflichen Position und einem eher geringen Einkommen.

Können Sie das an einem Beispiel veranschaulichen?

Wie ich das sehe, besteht die Gefahr, dass Deutschland auf ein Zwei-Klassen-Gesundheitssystem zusteuert. Gut sieht man das am Beispiel Psychotherapie. Hier kann man zeigen, dass Menschen mit einer eher geringen Bildung wesentlich weniger versorgt werden als Menschen mit einer höheren Bildung, obwohl man zeigen kann, dass sie häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen sind.

Für die SPD steht mit den Ergebnissen der Studie fest, dass es in Bayern dringend ein Gesetz geben muss, um derartigen sozialen Ungleichheiten in der Gesundheitsförderung besser gerecht zu werden. Wie sehen Sie das?

Das Ziel sollte eine sozial gerechte und nachhaltige Versorgung für jeden sein. Jeder Mensch ist anders mit seinen ganz speziellen Eigenschaften, seiner familiären Herkunft, seiner Persönlichkeit und schicksalhaften Wendungen in seinem Leben. Worum es gehen sollte, ist "Chancengerechtigkeit". Dafür braucht es, meiner Ansicht nach, dringend ein bayerisches Gesetz, in dem die entsprechenden Rahmenbedingungen festgelegt werden. Ziel sollte es sein, dass auf Menschen in ihren individuellen Lebenslagen und Bedürfnissen eingegangen werden kann.

Sind Sie gebürtiger Münchner und können auf ein langes Leben hoffen?

Nein, ich komme aus dem Rheinland, bin aber überzeugter Wahlmünchner, aber nicht nur wegen der höheren Lebenserwartung.

Genaue Informationen, welche Daten für den Messenger-Dienst genutzt und gespeichert werden, finden Sie in der Datenschutzerklärung.

Medizin "Da bin ich bei Privatversicherten sicher großzügiger"

Medizin

"Da bin ich bei Privatversicherten sicher großzügiger"

Strenge Vorgaben und das Honorarsystem machen Termine für Kassenpatienten am Quartalsende rar. Wie das zu ändern ist, erklärt der Allgemeinarzt Wilhelm Niebling im Interview am Morgen.   Von Felix Hütten