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Internet auf dem Land:Skypen, chatten, telefonieren in Breitengüßbach

Herbert Müller kann jetzt ohne Verzögerung ins Ausland telefonieren.

(Foto: Telesys)
  • Bis 2018, so das erklärte Ziel der Staatsregierung, sollen im ganzen Land Hochgeschwindigkeitsnetze entstehen.
  • Eine IT-Firma aus Oberfranken wollte nicht so lange warten und hat das Problem selbst in die Hand genommen.
  • Sie erreichte, dass sie an das Glasfasernetz von Bamberg angeschlossen wird.

Schnelles Internet ist in Bayern noch immer ein Monopol der Städte. Zwar läuft der Breitbandausbau auch in ländlichen Gebieten "auf Hochtouren", wie Finanzminister Markus Söder vor Kurzem verkündete: Allein im vergangenen Jahr sei die Zahl der Anschlüsse um 13 Prozent gestiegen. Doch noch nicht einmal ein Drittel aller Haushalte auf dem Land sind an die Datenautobahn angeschlossen.

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Bis 2018, so das erklärte Ziel der Staatsregierung, sollen im ganzen Land Hochgeschwindigkeitsnetze entstehen. So lange wollte Herbert Müller nicht warten. Der Geschäftsführer einer IT-Firma mit 55 Mitarbeitern im fränkischen Breitengüßbach kann heute schon "in Echtzeit" mit China telefonieren und Daten verschicken. Müller und sein Partner Gerhard Förtsch haben das Netz-Problem einfach selbst in die Hand genommen.

30 Prozent weniger Umsatz, wenn das Internet zu langsam ist

"Hätten wir das nicht getan, wäre unser Unternehmen sicher nicht mehr so erfolgreich, ja, es wäre sogar deutlich unproduktiver", sagt Müller. Bis zu 30 Prozent weniger Umsatz könnte es seiner Meinung nach bedeuten, wenn ein Betrieb von der schnellen weltweiten Kommunikation abgeschnitten ist: telefonieren, skypen, Video-Streaming, Online-Präsentationen - ohne das geht es heute einfach nicht mehr, erst recht nicht in der IT-Branche.

Müller und seine Nachbarn in der oberfränkischen Gemeinde hatten Glück: Breitengüßbach liegt nur zehn Kilometer von Bamberg entfernt. Zehn Kilometer, dachten sich die Mittelständler, die müssten doch zu überwinden sein. So schlossen sich die Firmen des kleinen Gewerbegebietes schon 2009 zu einer Interessensgemeinschaft zusammen, suchten den Kontakt zum Stadtnetz Bamberg, einer Tochtergesellschaft der Stadtwerke, und erreichten, dass sie an deren hochmoderne Glasfaserleitungen angeschlossen wurden. Die Kosten teilten sich die Firmen.

Direkte Kommunikation ist wichtig für die Firma

Müllers Firma Telesys war vor dieser Aktion von der Daten-Diaspora gleich doppelt betroffen: einerseits als Anwender und andererseits als Anbieter von Kommunikationssystemen mit einer weltweiten Kundenbetreuung. "Viele Mittelständler sind heute genauso international aktiv wie große Unternehmen", sagt Müller.

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Wenn man aber mit Singapur telefoniert und jeder Satz mit zwei bis drei Sekunden Verzögerung am anderen Ende der Leitung ankommt, man einander also ständig unfreiwillig ins Wort fällt, "dann sind das keine Echtzeitgespräche mehr", sagt Müller. Doch die direkte Kommunikation ist wichtig, "viele Geschäfte werden am Telefon angebahnt". Außerdem liegen Unterlagen und Pläne heute auf Servern oder in einer Cloud, die will man schnell herunterladen können, ohne jedes Mal eine Kaffeepause einlegen zu müssen.

"Wir haben die Bandbreite erst kürzlich wieder erhöht"

Also entschlossen sich die Breitengüßbacher zur Selbsthilfe. "Unsere hemdsärmelige Aktion hat funktioniert, weil wir uns untereinander gut kannten und auch Kontakte zur Stadt Bamberg hatten", berichtet der IT-Experte. So kam das Glasfaserkabel bis zur Firmentür. "Wir haben die Bandbreite erst kürzlich wieder erhöht, das geht einfach und schnell, da dreht der Netzbetreiber einfach an der Schraube." Trotzdem, fügt Müller hinzu: Breitbandversorgung sollte eigentlich nicht einer Privatinitiative überlassen bleiben, sondern Aufgabe des Staates sein, so wie bei Gas, Wasser, Strom.

Dies sieht auch die Staatsregierung ein. 203 Gemeinden haben jetzt schon Förderbescheide für ihren Netzanschluss erhalten. 86 Prozent aller bayerischen Kommunen haben sich beworben. Um an das Geld zu kommen, müssen sie Marktanalysen, Netzbetreiber und regionale Verbünde vorweisen. Alles nicht so einfach. "Man kann Lösungen auch nicht über einen Kamm scheren", meint Müller, da sei noch viel Arbeit nötig. Irgendwann wird dann auch der Rest von Breitengüßbach Anschluss an die Welt erhalten.

Breitbandausbau

Bis zu 1,5 Milliarden Euro will der Freistaat zur Förderung des Aufbaus von Hochgeschwindigkeitsnetzen in den kommenden Jahren den Kommunen zur Verfügung stellen. Bis 2018 soll so flächendeckend das modernste Netz mit einer Mindestbandbreite von 50 Mbit/s zum Standard gemacht werden. Das europaweit einmalige Programm nennt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (VBW), "vorbildlich". Er sagt aber auch, dass bis 2020 in allen Landesteilen eine Versorgung mit mindestens 100 Megabit pro Sekunde nötig sei.

Wie dringend erforderlich der Ausbau des Netzes ist, zeigt eine noch nicht veröffentlichte Umfrage der VBW unter ihren Mitgliedsbetrieben. Demnach sind zwei Drittel der Unternehmen mit der Leistung des Netzes unzufrieden; sie sehen sich bei ihrer Telearbeit durch Breitbandengpässe beeinträchtigt. Gut die Hälfte gibt an, dass ihre Zusammenarbeit mit anderen Partnern oder Firmenstandorten erschwert wird. Die meisten Betriebe im Freistaat müssen mit 16 Mbit/s auskommen, je ein knappes Viertel kann sogar nur zwei oder sechs Megabits nutzen. Damit liegt Bayern im internationalen Vergleich weit hinter den wichtigsten Konkurrenten aus Asien und Nordamerika zurück.

Nur etwa 60 Prozent der befragten Unternehmen gehen davon aus, dass ihnen der im Förderprogramm festgelegte Ausbauwert von 30 bis 50 Mbit/s ausreicht. Brossardt appelliert deshalb an Städte und Gemeinden, aus dem Programm den maximalen Nutzen zu ziehen. "Die meisten Kommunen sind sehr engagiert. Aber nicht immer wird die Flexibilität des Programms voll ausgenutzt." Dies gelte für den Ausbau auf Glasfaserbasis und spezifische Lösungen für einzelne Firmenstandorte. Diese Möglichkeiten sollten in engem Austausch mit den Unternehmen stärker ausgeschöpft werden. Die Umfrage zeigt, dass das gegenwärtig noch zu wenig geschieht. rsy