Soziale Medien Ein 70-Jähriger begeistert auf Instagram Tausende

Schrille Farben, grelle Muster, immer eine Sonnenbrille und an jedem Finger mindestens ein Ring - das ist sind die Markenzeichen von Josef Robert Mulzer. Seine Lebensgefährtin kleidet sich im Vergleich eher dezent.

(Foto: privat)

Josef Robert Mulzer liebt auffällige Kleidung. Seine Mode präsentiert er auf Instagram - und ist dabei ähnlich erfolgreich wie um Jahrzehnte jüngere Influencer.

Von Jacqueline Lang, Regensburg

Eine riesige Pelzmütze, ein orangefarbener Teddyfellmantel, schwarze, fast kniehohe Stiefel, eine Hornbrille mit orangefarbenen Gläsern, eine schwarze, enge Hose mit roten und weißen Streifen an der Seite und ein schwarzer Pulli, der an den Ärmeln mit roten und weißen Pailletten bestickt ist. Kein Zweifel: Josef Robert Mulzer hat nicht ein Detail dieses Outfits dem Zufall überlassen. Ein Blick auf seinen Instagram-Account genügt jedoch, um zu wissen, dass dieses Outfit für seine Verhältnisse noch vergleichsweise schlicht ausgefallen ist.

Seit etwa eineinhalb Jahren ist Mulzer nun schon in dem sozialen Netzwerk aktiv unter dem Namen: @j._r._m. Etwas mehr als 4400 Menschen folgen ihm, zwischen 1200 und 1400 Likes bekommt er pro Bild. Im Vergleich zu anderen Accounts ist das eine eher überschaubare Zahl. Trotzdem ist Mulzer eine ungewöhnliche Figur in der Riege der überwiegend jungen Influencer. Denn er ist 70 Jahre alt.

Das hindert ihn jedoch keineswegs daran, gegen im Schnitt 50 Jahre jüngere Frauen beim ersten Social Influencer Day in den Regensburger Arcaden anzutreten. Und man könnte sagen, der Erfolg gibt ihm recht: Am Ende belegte er immerhin den vierten Platz in der Kategorie "Beauty and Fashion". Ein wenig albern sei er sich in dem Moment aber schon vorgekommen, gibt Mulzer zu. Noch einmal will er deshalb nicht teilnehmen. Auf den zahlreichen Bildern mit den anderen Teilnehmerinnen ist von dem angeblichen Schamgefühl hingegen nichts zu sehen.

Seit Josef Robert Mulzer Instagram für sich entdeckt hat, ist sein Stil noch ausgefallener geworden.

(Foto: privat)

Seine Leidenschaft für Mode hat der Regensburger schon als kleiner Junge für sich entdeckt. Seine Mutter habe als Schneiderin und Modeberaterin in München gearbeitet, sagt Mulzer. Einen Großteil seiner Kindheit habe er deshalb in den teuren Boutiquen an der Münchner Maximilianstraße verbracht.

Bis vor sieben Jahren hat Mulzer als Sportlehrer gearbeitet. Der Sport, das ist seine zweite Leidenschaft. Mit 63 Jahren ist er dennoch frühzeitig in Pension gegangen. Der Beruf sei irgendwann zu anstrengend geworden, das Verhalten der Schüler habe sich stark zum Negativen verändert. Sport macht er seitdem nur noch, um sich selbst fit zu halten.

Als Sportlehrer habe er meistens Trainingsanzüge getragen. Seinen extravaganten Kleidungsstil habe er zwar auch schon in seiner Zeit als Lehrer ausgelebt, aber eben nicht im Unterricht. "In der Schule wäre das nicht angebracht gewesen", sagt Mulzer. Seit er in Pension ist, kann er sein Hobby ganz anders ausleben und seit er Instagram für sich entdeckt hat, ist sein Stil noch ausgefallener geworden, seine Outfits noch gewagter. "Auf Instagram muss man noch ein bisschen mehr bieten", sagt Mulzer. Provozieren will der auch jetzt im Winter braungebrannte Mann mit der Glatze aber angeblich nicht. "Ich bin einfach so wie ich bin", sagt Mulzer. Ihm sei aber natürlich bewusst, dass er die Blicke auf sich ziehe und das genieße er auch.

Die Plattform Instagram wird häufig dafür kritisiert, ein unrealistisches Bild von der Welt abzugeben. Zahlreiche Filter und Bildbearbeitungsprogramme machen aus ganz normalen Menschen Supermodels. Auch die Bilder von Mulzer sind gestellt, mittlerweile braucht er für ein gutes Foto bis zu drei Stunden. Darauf, seine Falten weg zu retuschieren, verzichtet der 70-Jährige dennoch bewusst. Sein Fotostudio ist meist sein Wohnzimmer, ausgeleuchtet werden die Bilder mit einer Taschenlampe, die Kamera ist sein Smartphone, die Fotografin seine Lebensgefährtin. Er wolle nicht sich selbst inszenieren, sondern seine Mode. So sagt er es zumindest.

Obwohl Mulzer in Regensburg lebt und sich hier zu Hause fühlt, ist seine modische Heimat die Hauptstadt. Dort kauft er auch den größten Teil seiner Garderobe. "In Berlin kann ich mich so richtig ausleben, da fühle ich mich so richtig wohl", sagt Mulzer. Seine Outfits seien in Berlin wesentlich ausgefallener als in Regensburg oder München.

Damit er auch wirklich sicher sein kann, dass er für jeden Anlass das richtige Kleidungsstück besitzt, quillt sein Kleiderschrank über. Mittlerweile habe er so viel angehäuft, dass er sich mindestens zwei bis drei Tage vorher überlegen müsse, was er anziehen wolle, damit er das Outfit dann auch raussuchen könne, sagt Mulzer.

Dass solch ein Lebensstil Geld, viel Geld kostet, daraus macht Mulzer keinen Hehl: "Allein mit meiner Lehrerpension könnte ich meinen Lebensstil nicht finanzieren" Instagramkooperationen, wie sie so viele andere Influencer pflegen, gehe er trotzdem nicht ein, sagt er. Angebote gebe es viele, versichert er. Wie er sich stattdessen finanziert? Darüber möchte der sonst so redselige Regensburger nicht sprechen. Es gebe viele Neider, ist alles was er dazu sagt.

Laut einer Statistik ist der Großteil aller Instagramnutzer zwischen 18 und 24 Jahre alt. In seiner Altersgruppe ist Mulzer einer der wenigen, ihn stört das nicht. Überhaupt seien die meisten seiner Freunde, inklusive seiner Lebensgefährtin, deutlich jünger, als er selbst. "Mit Menschen in meinem Alter kann ich nichts anfangen. Die reden nur über ihre Krankheiten", sagt Mulzer. Auch deshalb verbringt er so viel Zeit in den sozialen Medien. "Instagram hält mich jung, ich bin süchtig danach", sagt er.

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