Wasserburg am Inn So könnte die Renaissance der Kaufhäuser in Bayern aussehen

Vor einem Jahr feierte das Innkaufhaus in Wasserburg am Inn ein wundersames Comeback. Das Geschäft hat einen Vorteil, gegen den kein Onlineshop der Welt ankommt.

Von Theresa Parstorfer, Wasserburg

Gegen elf Uhr am Vormittag wird es stressig. Sibylle Schuhmacher steht im Erdgeschoss ihres Kaufhauses, und ihre Augen huschen immer wieder hinüber zur Kasse oder zur Abteilung mit den Rucksäcken: Ob die Mitarbeiter mit dem Kundenansturm zurecht kommen? Es ist der erste Samstag im Advent und die Leute in Wasserburg wollen kaufen. Christbaumkugeln, Rasierschaum, das neue Lego-Set in Star-Wars-Design. Viele Wasserburger zieht es an diesem Tag wieder hierher, ins Innkaufhaus, eine Institution seit 1970. Dabei war das Geschäft mit seinen drei Etagen schon mausetot und geschlossen. Vor einem Jahr feierte das Innkaufhaus aber ein wundersames Comeback. Seitdem steht Sibylle Schuhmacher täglich zwischen den Regalen und ist selbst immer wieder überrascht, wie der Laden läuft.

Vor zwei Jahren stand das Geschäft wenige Schritte von der Wasserburger Hofstatt entfernt leer - wie viele andere Kaufhäuser in ganz Bayern. Die Pächterin wollte nicht mehr, der Ausverkauf war vorbei, die Schaufenster leer. Die Stadt reagierte bestürzt. Schließlich ist ein Kaufhaus mehr als ein Geschäft, es ist ein Symbol für den Wohlstand einer Stadt - auch in Wasserburg. "Traditionshaus muss schließen. Innkaufhaus ist pleite", lautete eine Schlagzeile. So ergeht es vielen Traditionskaufhäusern. 2012 etwa musste in Wolfratshausen bei München das 1966 gegründete Isar-Kaufhaus zusperren, ebenso wie das Cityhaus in Traunreut oder 2015 das Kaufhaus Hackner in Neumarkt in der Oberpfalz. Was oft bleibt, sind Bauruinen in bester Lage. Die Konkurrenz durch den Online-Handel, durch große Einkaufszentren am Stadtrand und einzelne Markenläden macht sogar den Kaufhausketten in der Münchner Innenstadt wie Kaufhof und Karstadt zu schaffen.

In Wasserburg sollte im einstigen Innkaufhaus ein Ärztehaus entstehen - doch dann kamen Sibylle Schuhmacher und ihr Mann Tobias. Sie sagt ganz offen über sich: "Ich hatte eigentlich keine Erfahrung im professionellen Verkauf." Und trotzdem hat sie sich getraut, schließlich ist sie die Tochter des ehemaligen Inhabers Manfred Gerer. Das Geschäft des Vaters zu übernehmen hatte sie zunächst nicht vorgehabt. Gleich nach dem Abitur war sie aus der Heimat weggegangen, zuletzt hat sie vier Jahre lang in New York für eine deutsche Software-Firma gearbeitet. "Den ganzen Tag vorm Computer", sagt sie. Geliebt habe sie diesen Job, ebenso New York. Dort hat sie auch ihren Mann Tobias kennengelernt. Zusammen beschlossen sie, wieder nach Deutschland zu kommen. Von der Millionenmetropole in eine Kleinstadt mit kaum 13 000 Einwohnern, von denen viele sie noch als die "Gerer-Tochter" kennen würden. Ja, eine Umstellung sei das schon gewesen. Aber jetzt ist sie froh über diesen Schritt, sagt Schuhmann.

Auch ihr Vater ist froh. Er hatte die Hoffnung schon aufgegeben, dass es weitergehen würde mit seinem "Gschäft", in dem einst Bayern-Torwart Sepp Maier oder Claudia Weins, die Miss Germany des Jahres 1998, Autogramme signiert hatten. Dass und vor allem wie es nun doch weitergeht, sei "der Wahnsinn", sagt Gerer. Er selbst war erst 23 Jahre alt gewesen, als 1964 seine Eltern innerhalb weniger Monate starben und auch er sich entscheiden musste, zwischen dem kleinen Modehaus seiner Mutter in Wasserburg und dem Traum, Opernsänger zu werden. Ein Kaufhaus zu führen, versprach allerdings in den Siebzigerjahren um einiges lukrativer zu sein als ein Engagement an der Oper. "Kaufhäuser in Kleinstädten boomten", sagt Gerer.

"Auf keinen Fall wollten wir ein typisches Kaufhaus eröffnen"

Das ist längst vorbei. Warum aber macht jemand in Zeiten des Internet-Handels noch ein Kaufhaus auf? Tobias Schuhmacher weiß, dass dieses Vorhaben waghalsig erscheint. Deshalb war ihm von Anfang an klar: "Auf keinen Fall wollten wir ein typisches Kaufhaus eröffnen". Stattdessen wollten sie etwas völlig Neues bieten. Aus Sicht des Kunden, seien sie an die Sache rangegangen. Das "Gschäft" des Schwiegervaters soll ein "Ort zum Verweilen" sein, wo Mütter nicht mehr auf den Treppenstufen sitzen, während ihre Kinder Box um Box aus dem Lego-Regal ziehen. Stattdessen gibt es jetzt auf jeder Etage Sofas, inmitten von Baukästen, Kleiderständern und Schmuckauslagen. In der Spielzeugabteilung haben Sibylle und Tobias Schuhmacher außerdem einen kleinen Tisch mit Buntstiften und Papierblöcken sowie eine Kaffeemaschine mit Wasserburger Röstungen aufgestellt. Dass die Eltern, die hier regelmäßig mit ihren Kindern Zeit verbringen, nicht jedes Mal etwas kaufen, sei völlig in Ordnung, finden sie.

Besonders ist auch, dass das dritte Stockwerk als wandelbare Veranstaltungsfläche dient. Der Chor hat hier schon geprobt, das Theater ein Stück aufgeführt. Kinovorstellungen gab es, ebenso Lesungen und Konzerte regionaler Künstler und Autoren. "Es überrascht mich selbst, wie viele Leute fragen, ob sie etwas organisieren können", sagt Schuhmacher. Für Weihnachten haben sie einen echten Kamin und einen Glühweinstand aufgebaut; die Wände sind mit Holz ausgekleidet, sodass dies nun ein kleiner Weihnachtsmarkt ist, mit allem, was man für den Christbaum so braucht.

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Nahbarkeit, Kundenbindung, Freundlichkeit - das ist wichtig für ein Kaufhaus in einer Kleinstadt wie Wasserburg. Gleichzeitig sind die Schuhmachers und Manfred Gerer überzeugt, dass das Innkaufhaus immer schon ein Magnet für die Wasserburger Wirtschaft war. Das bestätigt auch Bürgermeister Michael Kölbl. "Das Innkaufhaus ist für Wasserburg enorm wichtig", sagt er, auch kleine Läden profitierten davon. Dass das neue Konzept zusätzlich noch Raum für Aktionen und Kultur bietet, findet er umso schöner. Dass dieses Konzept aufgeht, zeigt auch der "Passion Star", den die Schuhmachers verliehen bekommen haben. Die EK Service Group, einer der größten Handelskooperationen Europas, vergibt diesen Preis. In der Kategorie "Geborgenheit durch Leidenschaft" wurde das Innkaufhaus ausgezeichnet.

Und dann gibt es da noch diesen einen, unschlagbaren Vorteil, den ein Kaufhaus hat und gegen den selbst der größte Onlineshop der Welt nicht ankommen kann: In einem echten "Gschäft" kann man Dinge tatsächlich sehen, anfassen und ausprobieren. Vermutlich richtet sogar Amazon genau aus diesem Grund in den USA die ersten Amazon-Läden ein. Die Renaissance des Warenhauses - im Wasserburger Innkaufhaus hat sie bereits begonnen.

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