Inn-Salzach-Städte:Der zweite Welterbe-Anlauf

Burghausen, Wasserburg, Schärding, Mühldorf und Neuötting streben erneut den begehrten Unesco-Titel an. Schon allein die Bewerbung kurble ja den Tourismus an, sagt ein Bürgermeister

Von Matthias Köpf, Burghausen

Was die alten Konkurrentinnen bis heute eint, ist ihr gemeinsamer Absturz. Ein langsamer Niedergang hätte vielleicht ein bisschen Zeit und Geld für Veränderung gelassen, für ein Anpassen an die neuen Verhältnisse. Doch der Fall der einst so reichen Handelsstädte an Inn und Salzach war jäh und tief. 1594 hat der bayerische Herzog Wilhelm V. den Salzhandel über sein Territorium komplett an sich gezogen, um sich und sein Haus Wittelsbach an dem neuen Monopol gesundzustoßen. Die Handelsherren in Burghausen oder Wasserburg erhielten eine Entschädigung, doch der Herzog dachte gar nicht daran, ihnen den wahren Wert ihrer alten Rechte und Privilegien zu ersetzen. Geld für prächtige Um- und Neubauten hatten sie fortan keines mehr, und genau damit können die Inn-Salzach-Städte heute punkten. "Das Einfrieren der Städte auf diesem spätgotischen Stand" ist für Eva Gilch das größte Argument, warum Burghausen, Wasserburg, Mühldorf und Neuötting sowie das oberösterreichische Schärding gemeinsam Weltkulturerbe werden sollten.

Wenn Eva Gilch in ihrem Büro im Burghausener Rathaus aus dem Fester schaut, dann sieht die Volkskundlerin, Historikerin und Burghausener Stadtarchivarin auf die Salzach, die einst ein zentraler Handelsweg für ein extrem begehrtes Gut gewesen ist. Denn Salz war über Jahrhunderte unverzichtbar, um Essen haltbar zu machen. Hier in Burghausen war die erste Station auf bayerischem Boden, an der das Salz von den Schiffen geladen, gehandelt und weitertransportiert werden durfte.

Inn-Salzach-Städte: Burghausen ist einst ein zentraler Handelsweg für ein sehr begehrtes Gut gewesen: Salz.

Burghausen ist einst ein zentraler Handelsweg für ein sehr begehrtes Gut gewesen: Salz.

(Foto: Matthias Köpf)

Auch das Innviertel jenseits der Salzach war damals und noch bis 1779 größtenteils bayerisch. Und doch war die Region auch zu dieser Zeit von einer Staatsgrenze geprägt. Gegenüber standen sich dort das Herzogtum Bayern und das Erzstift Salzburg, die einander die Burgen in Burghausen und im nahen Tittmoning entgegengestellt haben. Beide Staaten verdienten gut am Salzexport, doch der günstigste Transportweg von der Saline im bayerischen Bad Reichenhall führte ebenso über Salzburger Gebiet wie der Weg aus dem salzburgischen Hallein über Bayern führte. Die Salzach und der Inn verbanden die Region damals wie heute, man wusste sich trotz der Konkurrenz zu arrangieren.

Die Handelsstädte an den beiden Flüssen haben neben der Quelle ihres Reichtums eine Baukultur gemeinsam, die sich noch heute an den jeweiligen Marktplätzen erkennen lässt. Die reichen Händler leisteten sich prächtige Häuser, oft mit mächtigen Arkaden im Erdgeschoss, unter denen sich auch bei schlechtem Wetter Handel treiben ließ. Das augenfälligste Merkmal des Inn-Salzach-Stils sind die sogenannten Vorschussmauern, hochgezogene Fassaden, welche die Giebel der dahinterliegen Dächer verdecken. Oft waren das Grabendächer, die über den Seitenwänden am höchsten waren und zur Mitte des Hauses hin abfielen. Je nach Breite des Hauses wies ein Dach oft mehrere solcher Gräben auf. Wer etwa am Mühldorfer Stadtplatz den Blick hebt, kann noch heute hinter den Austrittslöchern der Dachrinnen den freien Himmel sehen, obwohl die Fassade doch den Eindruck eine vollständigen Geschosses erweckt. Die Vorschussmauern lassen die Häuser wuchtiger wirken und ergeben geschlossene Straßenfluchten und Stadtplätze, die fast wie Säle anmuten.

Inn-Salzach-Städte: In Burghausen treibt Stadtarchivarin Eva Gilch die Welterbe-Bewerbung voran.

In Burghausen treibt Stadtarchivarin Eva Gilch die Welterbe-Bewerbung voran.

(Foto: Matthias Köpf)

Solche Häuser gibt es auch noch in Innsbruck oder Rosenheim, doch dass sie immer noch ein nahezu geschlossenes Ensemble bilden wie in Burghausen, in Wasserburg, in Schärding, in der ehemals salzburgischen Exklave Mühldorf oder am 500 Meter langen Neuöttinger Stadtplatz, ist selten. Und doch ist die Liste der Städte, die sich nun unter Burghausener Federführung um den Welterbe-Titel bewerben, längst nicht vollständig. Für die fünf Städte, die sich nun mit ihrer gemeinsamen Bewerbung für die bayerische Welterbe-Vorschlagsliste auf den Weg gemacht haben, ist es bereits der zweite Anlauf. Als der im März gewählte neue Burghausener Bürgermeister Florian Schneider auf einen zweiten Versuch drängte, konnte Stadtarchivarin Eva Gilch bis zum Meldeschluss nicht sehr viel mehr tun, als die Bewerbung von 2011 wieder hervorzuholen und ein bisschen zu aktualisieren. Diese war von Rattenberg in Tirol vorangetrieben worden, dessen ebenfalls neuer Bürgermeister laut Eva Gilch nun kein Interesse mehr an einem zweiten Versuch gezeigt hat.

Seine Kollegen in den vier anderen Städten musste Burghausens Bürgermeister nach seinen Worten aber nicht lange überzeugen. Für den neuerlichen Anlauf hat Schneider auch eine ganz einfache Begründung: "Weil es das wert ist." Schon mit der bloßen Bewerbung mache man sich selber bewusst, was man eigentlich an den eigenen Altstädten habe, und wenn das dann auch noch anderen Menschen bewusst werde und den Tourismus ankurbele, soll es Schneider erklärtermaßen recht sein. Die Bewerbung auf Landesebene ist ohnehin nur ein erster Schritt, sagt er. Wenn sich weitere Inn-Salzach-Städte wie Tittmoning oder Laufen an der Salzach oder das nahe oberösterreichische Braunau am Inn anschließen wollten, dann sei man dafür jederzeit offen.

Inn-Salzach-Städte: Wichtigstes Merkmal des Inn-Salzach-Baustils sind hochgezogene Fassaden, die oft Durchblicke erlauben wie am Mühldorfer Stadtplatz.

Wichtigstes Merkmal des Inn-Salzach-Baustils sind hochgezogene Fassaden, die oft Durchblicke erlauben wie am Mühldorfer Stadtplatz.

(Foto: Matthias Köpf)

Dass dafür Zeit sein wird, zeigt schon ein Blick auf die Liste der bayerischen Mitbewerber von 2011: Zum erhofften Unesco-Welterbe-Status hat es von der Liste seither nur die Augsburger Wasserwirtschaft gebracht. Die Wiesen- und Moorlandschaften im Werdenfelser Land sowie die Königsschlösser Ludwigs II. stehen immerhin schon auf der "Tentativliste" mit möglichen deutschen Welterbevorschlägen, der Nürnberger Justizpalast als Ort der Nürnberger Prozesse gilt im dritten Anlauf auf Landesebene für 2024 als gesetzt.

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