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Inklusion:Urlaub für alle

Abgeschieden liegt die Langau auf einem sanften Hügel im Alpenvorland. Hier entstand schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts ein landwirtschaftliches Gehöft des Steingadener Prämonstratenserklosters.

(Foto: Matthias Köpf)
  • In der Langau im Pfaffenwinkel können Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Urlaub machen.
  • Jeder, der es braucht, bekommt während des gesamten Aufenthalts einen ehrenamtlichen Betreuer.
  • Ein Projekt wie dieses gibt es an keinem anderen Ort in Deutschland.

Eine Frau weiter hinten im Saal erhebt hin und wieder ihre Stimme, ohne dass sich die Laute in den Ohren der meisten Menschen zu verständlichen Wörtern fügen würden, und in der Mitte sitzt in einem schweren Elektrorollstuhl ein junger Mann, der beim Gebet gern das Amen spricht, auch wenn es gerade nicht in die Liturgie passt. Doch das hier ist kein Ort, an dem sich jemand irritiert nach ihnen umdrehen würde - und schon gar nicht ist hier ein Ort, an dem andere Menschen ihren Rücken durchdrücken und starr geradeaus schauen würden, um sich nur nicht umdrehen zu müssen.

Hier ist es einfach selbstverständlich, dass sie da sind, so wie sie sind. Das wäre nicht überall so, und genau darum gibt es die Langau: Hier, ein paar Kilometer von der berühmten Wieskirche entfernt, können Menschen unbeschwerte Ferien verbringen. Menschen ohne Behinderung und Menschen mit Behinderung, alle miteinander und alle so frei, auch einmal ihrer eigenen Wege zu gehen.

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Viele kommen seit Jahren, manche seit Jahrzehnten hierher, denn die Langau bietet etwas, das deutschlandweit einzigartig ist: Jeder, der es braucht, bekommt während des gesamten Aufenthalts einen ehrenamtlichen Betreuer, der sich nötigenfalls den ganzen Tag nur um ihn kümmert. Und die Menschen, die das sonst immer tun, oft sind es die Eltern oder die Geschwister, können in dieser Zeit auch einmal etwas unternehmen, was für sie im Alltag sonst schwierig bis unmöglich ist: eine Bergtour auf den nahen Säuling vielleicht, oder eine große Runde mit dem Rad durch den Pfaffenwinkel.

Neben diesen Möglichkeiten für Familien gibt es Ferienfreizeiten für Menschen aus verschiedenen Altersgruppen und mit unterschiedlichen Behinderungen, aber auch Seminare und spezielle, pädagogisch begleitete Angebote für Angehörige. Besonders stolz sind sie hier auf die Programme für die Geschwister und für die Väter, die in solchen Konstellationen sonst selten im Zentrum stehen.

Das alles hat sich in der Langau über Jahrzehnte entwickelt, doch beinahe wäre es damit vor einigen Jahren vorbei gewesen. Peter Barbian, seit sieben Jahren Geschäftsführer, erinnert sich an den Rundgang mit dem Kreisbrandrat des Landkreises Weilheim-Schongau. Der sei recht schweigsam gewesen, und am Ende lautete das Urteil: "Eigentlich müssen wir zumachen." Doch im Jahr 2010 war nicht nur der Brandschutz nicht mehr zeitgemäß. Vieles hier hatte noch den Charme einer in die Jahre gekommenen Jugendherberge, während es anderswo immer mehr Angebote zumindest für barrierefreien Urlaub gab. Doch das Konzept der Langau geht mit der Eins-zu-eins-Betreuung viel weiter.

Inklusion funktioniert hier schon seit Jahrzehnten

Schon die Pfadfinderinnen, die das wohl rund 800 Jahre alte und noch immer einsam in der malerischen Vorgebirgslandschaft gelegene Gehöft des Klosters Steingaden Mitte der Sechzigerjahre vom Freistaat für ihre großen Zeltlager gekauft haben, bemühten sich um das, was heute Inklusion heißt. Daraus entstand der Verein Bildungs- und Erholungsstätte Langau, der trotz seiner aktuell nur 18 Mitglieder unter dem Dach der Diakonie selbständig agiert. Für ihn war die Generalsanierung der vergangenen Jahre ein riesiger Kraftakt.

Doch die Langau liegt auch vielen Menschen in Politik, Behörden und Kirchen am Herzen, Und so ist es gelungen, die nötigen zehn Millionen Euro aufzutreiben, um die Langau auch baulich wieder zukunftsfähig zu machen. Knapp drei Viertel des Geldes kamen von Bund und Land. Es floß in einen Ort, wie er wohl nur mit staatlichem Geld, aber kaum von Staat selbst geschaffen werden kann.

Ehrenamtliche ermöglichen den Betreuern den Urlaub

Die gerade neu eingeweihte Langau sollte wie ein modernes Hotel wirken und nur ja nicht wie eine Rehaklinik, obwohl es hier auch Pflegebetten und Pflegebäder gibt. Für Familien mit Demenzkranken gibt es nun einen eigenen Bereich mit kaum sichtbaren Sensoren, die es den Betreuern unauffällig aufs Handy melden, wenn sich ihr Schützling auf den Weg macht. Für Familien, die sich den Aufenthalt hier nicht leisten können, gibt es Fördermöglichkeiten.

Die Langau beschäftigt 40 Mitarbeiter in Küche, Hotellerie und Pädagogik. Vor allem aber stellen sich 250 Ehrenamtliche aus ganz Deutschland als Gärtner oder Spendenwerber, meist aber als Betreuer zur Verfügung. Sie wohnen dann selbst hier und setzen dafür oft ihren Urlaub ein, wie es etwa Cornelia Krines-Eder über viele Jahre hinweg getan hat.

Sie ist in Steingaden aufgewachsen und hat als 17-Jährige zum ersten Mal mitgeholfen. Inzwischen ist sie selbst Sozialpädagogin und kommt mehrere Male im Jahr aus Schweinfurt hierher. Sie ist eine der vielen Ehrenamtlichen, denen die hier viel zu verdanken haben, aber sie sieht das anders und spricht "mit großer Dankbarkeit" über die Langau: "Das, was man hier mitnimmt, trägt."

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