Inklusion Menschen mit Behinderung haben es bei der Jobsuche schwer

Nicht überall ist es selbstverständlich, dass Menschen mit Behinderung einen Job finden.

(Foto: Stefan Puchner/dpa)

Und das, obwohl die Wirtschaft boomt und Fachkräfte fehlen. Eine Baufirma in Neunburg vorm Wald zeigt, wie Inklusion funktionieren kann.

Von Maximilian Gerl, Neunburg vorm Wald

"Da weiß ich gar nicht, was ich sagen soll", sagt Michaela Dettmann. "Uns gibt es seit 1929, das machen wir nicht erst seit heute." Dabei wäre es für viele Unternehmer interessant, wie sie in ihrer Baufirma selbstverständlich hinbekommt, womit sich andere schwer tun. Dann erzählt Dettmann von dem Maurer, der bei einem Verkehrsunfall ein Bein verlor. Am Krankenbett hätten sie zu ihm gesagt: Schau, dass du fit wirst, wir brauchen dich. Inzwischen sei der Maurer wieder ganz normal bei der Arbeit. "Ob jemand behindert ist oder nicht", sagt Dettmann, "hat uns noch nie beschäftigt."

Die kommenden Tage stehen im Zeichen der Inklusion. "Menschen mit Behinderung", heißt die Themenwoche von Arbeitsagenturen und Staatsregierung, es gibt Ortsbesuche für die Presse und diesen Montag eine Preisverleihung für Unternehmen. Es werden Vorbilder ausgezeichnet. Von denen bräuchte Bayern mehr. Obwohl allerorten Arbeitskräfte gesucht werden, profitieren Menschen mit Behinderung nur bedingt davon - obwohl sie oft gut ausgebildet sind. Ein Problem. Für die Menschen, aber auch für die Wirtschaft, die jede helfende Hand gebrauchen könnte.

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Wie Inklusion funktionieren kann, dazu braucht es nur einen Anruf bei Dettmann. Ihre Baufirma, die Anton Steininger GmbH in Neunburg vorm Wald (Landkreis Schwandorf), bekommt am Montag einen Ehrenpreis. Knapp 200 Mitarbeiter hat der Betrieb, knapp zehn haben ein Handicap. "Für uns zählen beim Vorstellungsgespräch nur zwei Dinge", sagt Dettmann: Passt der Mensch zur Stelle? Passt der Mensch zum Unternehmen? Der Rest ergebe sich. "Klar gibt es im Alltag die ein oder andere Einschränkung", sagt Dettmann. "Aber es gibt keine Verluste." Nur Lösungen, wie man Arbeit anders arrangiert. Manchmal ist das schwieriger, dann müssen Abläufe so umgestellt werden, dass alle etwas davon haben und trotzdem alle Rädchen ineinander greifen. Manchmal ist das auch verblüffend einfach. Bei Betriebsversammlungen etwa hilft ein Gebärdendolmetscher, damit die fast taube Kollegin aus dem Büro mithören und -reden kann.

In harten Arbeitsmarktzahlen sieht die Realität anders aus als in der Oberpfalz. Im November waren in Bayern 20 258 schwerbehinderte Menschen arbeitslos gemeldet. Das entsprach einem Anteil von 10,3 Prozent an allen Arbeitslosen im Freistaat. Zwar fanden auch sie dank des Wirtschaftsbooms zunehmend Jobs - doch nicht im gleichen Maße wie andere Personengruppen. Insgesamt sei die Arbeitslosigkeit in den vergangenen drei Jahren um zehn Prozent gesunken, sagt Klaus Beier, stellvertretender Geschäftsführer der Regionaldirektion Bayern der Arbeitsagentur.

Bei schwerbehinderten Menschen seien es indes nur sechs Prozent gewesen. "Dabei ist das Fachkräftepotenzial hoch." Und Menschen mit schwerer Behinderung oft gut ausgebildet, sogar besser als der Durchschnitt. 57 Prozent von ihnen verfügen über eine betriebliche oder schulische Ausbildung. Auf alle Arbeitslose gerechnet liegt der Wert bei 47,3 Prozent.

Warum die Inklusion trotzdem vergleichsweise mühsam vorangeht, hat viele Ursachen. Je nach Branche und Beruf fällt die Umstellung von Arbeitsprozessen leichter oder schwerer. Kleineren Betrieben fehlt oft die Kapazität. Und einige Firmen dürften schlicht den Aufwand, aber auch die Verantwortung scheuen. Für Menschen mit Behinderung gilt ein besonderer Kündigungsschutz. Tatsächlich werden sie seltener arbeitslos als andere Personengruppen, vorausgesetzt eben, sie sind erst einmal in Anstellung.

Auch Beier sieht bei "Unternehmen oft Bedenken, einen schwerbehinderten Menschen einzustellen. Dabei verschenken sie wertvolles Potenzial." In den bayerischen Jobcentern setzen sie deshalb verstärkt auf Beratung und Unterstützung, etwa durch Reha-Spezialisten als Ansprechpartner für alle Fragen. Firmen können zudem Förderungen beantragen, bei denen ein Teil des Lohns übernommen wird.

In Neunburg hilft die Inklusion nicht nur dabei, neue Mitarbeiter zu finden und alte zu behalten. Dettmann schwärmt vom Betriebsklima: Jeder wisse, wenn mal was wäre, die anderen wären da. Was sie Unternehmern in Sachen Inklusion raten würde? Diesmal weiß Dettmann gleich, was sie sagen will: "Vertrauen schenken." Menschen wüchsen förmlich, wenn sie im Job positives Feedback erführen. "Vertrauen", sagt Dettmann wieder. "Das klingt so lapidar."

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