Süddeutsche Zeitung

Kommunalwahl in Ingolstadt:Christian Scharpf, der Mann aus dem Nichts

  • Nach beinahe fünf Jahrzehnten CSU-Regentschaft in Ingolstadt übernimmt ein sozialdemokratischer Oberbürgermeister das Ruder.
  • Christian Scharpf arbeitete in München und hatte dort seinen Hauptwohnsitz, er saß nicht mal im Ingolstädter Stadtrat.
  • Bei der Wahl erhielt er 59,3 Prozent.

Scharpf, wer? Solche Reaktionen dürfte es vergangenen Sommer bei vielen Ingolstädtern und auch Beobachtern der Lokalpolitik gegeben haben. Plötzlich war da dieser OB-Kandidat der SPD, Christian Scharpf, der haufenweise Pressemeldungen versandte und in den sozialen Netzwerken eifrig kommentierte. Der sich unter dem Motto "Scharpf vor Ort" an einem SPD-Sonnenschirm postierte - ob am Viktualienmarkt im Zentrum, ein Stück weiter an der Erni-Singerl-Straße oder draußen beim Edeka in Gerolfing - und mit den Bürgern das Gespräch suchte. Der mit dem Münchner Alt-OB und längst als Kabarettisten bekannten Christian Ude auftrat. Da strömten die Ingolstädter herbei, es soll lustig gewesen sein, als Ude flapsig darbot, was man als Stadtoberhaupt im Umgang mit Bierbauchgrantlern oder resoluten Elternbeiräten so alles erlebt. Aber ein SPD-Oberbürgermeister im schwarzen Ingolstadt? Dieses Ziel von Scharpf und seinen Genossen schien dann doch eher in die Sparte der satirischen Fiktion zu fallen.

Im vergangenen Jahr war zwar der Korruptionsprozess gegen Alt-OB Alfred Lehmann, den politischen Ziehvater des amtierenden Oberbürgermeisters Christian Lösel (CSU), zu Ende gegangen und ein Grummeln über Rathaus und Christsoziale war in der Stadt zu vernehmen - an einen SPD-OB wollte allerdings kaum einer ernsthaft denken. Zumal nicht an einen Nobody in der Kommunalpolitik, Scharpf arbeitete in München und hatte dort seinen Hauptwohnsitz, er saß ja nicht mal im Ingolstädter Stadtrat, also im Rekrutierungsbecken für Herausforderer. Doch er machte unverdrossen Wahlkampf. Während das Land 2019 über den Klimawandel debattierte, versprach er den "politischen Klimawandel". Er hat sich binnen eines Dreivierteljahres aus dem Nichts peu a peu hineingefräst ins Bewusstsein der Ingolstädter.

Es ist eine Sensation, die sich am Stichwahlsonntag zugetragen hat. Nach beinahe fünf Jahrzehnten CSU-Regentschaft in Ingolstadt übernimmt ein sozialdemokratischer Oberbürgermeister das Ruder. Ein bisschen konnte man ahnen, das Scharpf vielleicht die Nase vorne hat, da es zahlreiche Wahlaufrufe anderer Parteien gab. Um OB Lösel wurde es dagegen eher still nach Wahlgang eins, in dem die beiden Kontrahenten fast gleichauf landeten. Jetzt kam Scharpf auf 59,3 Prozent - und der Amtsinhaber in der CSU-Bastion ist abgewählt.

Abgestraft, so könnte man es durchaus nennen. Nach statistisch erfassbaren Daten, vor allem im Bereich der Standortpolitik, hat Lösel keineswegs grottenschlecht regiert. Aber die Skandale der vergangenen Jahre - die Vetternwirtschaft am kommunalen Klinikum und die justiziablen Immobiliendeals seines Vorgängers - haben offenbar Vertrauen zerstört in der Bevölkerung; ein ausgeprägtes Machtbewusstsein im Rathaus (wobei die Gegenseite eher von "Machtarroganz" spricht) kam wohl hinzu, sodass Scharpf am Ende reüssieren konnte. Er stellte durchaus Programmatisches in Aussicht, vor allem aber Gefühliges: Bürger- und Mitarbeitersprechstunden, Transparenz und Offenheit in Politik wie Verwaltung, Regieren mit breiter Kooperation im Stadtrat, ohne Machtblöcke. Am Montag nach der Wahl bekräftigt er das: "Bitte keine Farbenspiele". Zwar müsse man eine Stadtspitze mit Bürgermeistern bilden; ansonsten plane er "offene Zusammenarbeit: unterschiedliche Themen auch mal mit unterschiedlichen Parteien umsetzen".

Scharpf war wohl zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle, er selbst nennt es eine "glückliche Konstellation" - eine "Wechselstimmung" plus eine "konkrete Alternative" durch seine Person. Dass die CSU im Wahlkampf über den "Import aus München" gespottet habe, sei nach hinten losgegangen. "Der Politiksumpf brauchte gerade einen von außen, das wollen die Bürger." Er sei unbelastet von "Seilschaften im Stadtestablishment". Wobei der 48-Jährige Ingolstädter ist, er ist dort aufgewachsen. Nur im Ausweis steht Kösching als Geburtsort, seine Mutter war zur Entbindung drüben im Landkreis Eichstätt. Scharpf ist verheiratet und hat drei Kinder (sieben, vier und zwei Jahre). Der promovierte Verwaltungsjurist arbeitet, zuletzt als Stadtdirektor, im Münchner Rathaus und ist somit Vertrauter der SPD-Oberbürgermeister, zuerst Ude, dann Dieter Reiter. Auf Erfahrung beim Führen einer Großstadt verwies Scharpf im Wahlkampf häufig; und im Zuge der Corona-Ausbreitung zudem darauf, dass er schon in Krisenstäben aktiv war. Das ist er übrigens aktuell wieder. OB Lösel zeigte sich als fairer Verlierer und bot Scharpf "Einarbeitung" an, man brauche in der Krise "alle kraftvollen Leute". So war Scharpf am Montag bei der Führungsgruppe Katastrophenschutz bereits mit dabei.

In die SPD ist Scharpf 1988 eingetreten, mit 17. Familiäre Prägung sieht er als Anlass, schon der Urgroßvater sei Sozialdemokrat gewesen. Aber auch, dass er als Kind mit Helmut Schmidt sozialisiert wurde. So sei er auch "nie der klassische Linke" gewesen, sondern habe stets die "pragmatische Regierungs-SPD-Linie" bevorzugt. Dass er nun 34 183 Stimmen erhielt (Lösel 23 479) zeigt, dass er auch im sogenannten bürgerlichen Lager ankommt. In der SPD waren sie euphorisiert über den Schwung durch Scharpf. Genossen, die sonst Schnuten ziehen angesichts der Debakel, wirkten aufgekratzt. Das Stadtratsergebnis der SPD fiel dennoch mäßig aus, 17,5 Prozent - fernab der erfolgreichen Personenwahl mit dem Sieger Christian Scharpf.

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SZ vom 31.03.2020/aner
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