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Ingolstadt:Die Welt zu Gast im Amt

Der Beruf der Standesbeamten bedeutet viel mehr als glückliche Ehepaare. Auf ihrem Tisch landen internationale Urkunden und manchmal dreiste Schwindeleien

Den schönsten Tag im Leben haben sie dort unten womöglich, vor dem alten Rathaus in Ingolstadt. Das Brautpaar wartet gelassen, nervös wirken eine Trauzeugin im Blumenkleid und ein älterer Herr, mutmaßlich Vater, der wild mit dem Handy knipst. Gleich geht's zum Standesbeamten. Das wird heute ein Kollege von Claus Lukas sein. Lukas, stellvertretende Leiter des Standesamts Ingolstadt, sitzt umgeben von Aktenstapeln in seinem Büro im zweiten Stock des neuen Rathauses, Zweckbau. Wenn man sich verrenkt beim Blick aus den Fenstern, sieht man die feierliche Kulisse unten. Sie wechseln sich ab bei den Trauungen, alle im Team sollen mal dürfen. Oder müssen, je nach Definition. Claus Lukas mag das Verheiraten und wenn Paare sich bedanken und erkennen, dass er sich Gedanken gemacht hat, "dann geht das runter wie Öl". Was er nicht so mag: darauf reduziert zu werden. Die wiederkehrende Frage von Bekannten oder manchmal von Journalisten, ob schon mal einer Nein gesagt hat im letzten Moment, kann er kaum mehr hören.

Tatsächlich sind die Eheschließungen nur ein Bruchteil der Arbeit, mit der es der Stand der Standesbeamten zu tun hat. Die Akten im Büro zeugen davon, da liegen vor allem Sachverhalte, bei denen etwas nicht klappt, stockt oder in Zweifel steht. Wo Väter nicht eingetragen werden können, wo Identitäten unklar sind, Nachforschungsbedarf besteht, sogar Schmu im Spiel sein könnte. Oder die Mappen mit Fällen von Kinderehen von Flüchtlingen. Eine Sache, die in den Migrationsdebatten den Pulsschlag vieler Leute hochtreibt, für die aber letztlich genau dasselbe gilt, wie für alles im "Personenstandswesen": das korrekte Beurkunden dessen, was belegbar und gesetzlich ist. Gründlichkeit.

In Bayerns Städten und Gemeinden arbeiten 3700 Standesbeamte. Jeweils gut 130 000 Geburten und Sterbefälle hatten sie zuletzt im Jahr zu beurkunden, 68 000 Eheschließungen und gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Beurkundung, klingt dröge - so ist es um das Image der Zunft bestellt. Schon immer wohl. "Es kommt der Standesbeamte gemächlich die Treppe herauf, um sein ewig gleiches Tagespensum zu erledigen", berichtet eine alte Journalnotiz Ende des 19. Jahrhunderts; da gab es den Beruf erst ein paar Jahrzehnte. Anbieter von Hochzeitslocations spotten in der Werbung über muffige Amtszimmer und angeblich unmotivierte Beamte, die "lustlos ihre drei Goethe-Gedichte raushauen". Lukas, der sich im Fachverband der bayerischen Standesbeamten engagiert, meint: "Wir müssen weg vom Ellenbogenschonerklischee." In der Öffentlichkeit sei unbekannt, wie vielfältig der Beruf sei. Entwicklungen in der Gesellschaft fänden sich im Standesamt wieder: Individualisierung, Migration, Globalisierung.

Claus Lukas arbeitet im Trauungssaal, aber vor allem im Büro. Für den Fototermin hat er seinen Schreibtisch aufgeräumt.

(Foto: Oliver Strisch)

Seit knapp fünf Jahren ist Lukas Standesbeamter. Lässt man sich von ihm den Beruf erklären, kommt fast eine Universitätsvorlesung. Er spricht viel und detailverliebt, gestikuliert dabei. Womit hat er es also zu tun? Bekannt sind neben der Beurkundung von Geburt, Heirat und Tod die Kirchenaustritte (in Ingolstadt wie andernorts steigend). Oder das Thema Vornamenwahl, das oft Schlagzeilen macht, weil Eltern persönliche Extravaganzen ausleben. Neulich ging in einem bayerischen Standesamt die Indianertochter Pocahontas durch. Lukas prüft bei exotischen Vornamen, ob sie vertretbar sind. Das "Steckenpferd" des Ingolstädter Beamten ist Nachbeurkundung von Auslandsgeburten.

Dabei hat er es oft mit fremdsprachigen Dokumenten zu tun, mit anderem Abstammungs- und Sorgerecht, mit abweichenden Namensführungen wie irakischen Ketten mit Vornamen von Vater und Großvater anstelle des Zunamens. Es kann sich aber auch um deutsche Audi-Mitarbeiter in Südamerika oder sonstwo handeln. Aktuell berät er eine Gemeinde, es geht um fünf in Japan geborene Kinder, die der deutsche Vater nachbeurkunden lassen will. Die Causa ist ein Konvolut mittlerweile. "Ich kann nicht einfach irgendwas beurkunden." Beurkundungen gelten ein Leben lang, und länger, Thema Erbe. Wenn ein Beamter längst in Rente ist, kann sich seine Arbeit noch gravierend auswirken.

"Globalisierung macht vor dem Standesamt nicht Halt", heißt es beim Fachverband. Anfang der Fünfziger hatten wenige Prozent der Beurkundungen Auslandsbezug; inzwischen seien es in Ballungszentren mitunter mehr als die Hälfte. Doch selbst in kleinsten Standesämtern brauche man neue Kenntnisse. Experten im Verband stehen der Basis zur Seite.

Der Weg in den Beruf ist verhältnismäßig einfach: Lukas schlug die Laufbahn des gehobenen Verwaltungsdienstes ein, hat dann im Rathaus gearbeitet. Nach einem Kurs und einer Praxisphase wird man "bestellt". Inklusive Fortbildungspflicht, um die Bestellung zu erhalten. Sie ist auch nötig wegen ständig neuer Regeln und Urteile. Der Fachverband schult in Seminaren und alle zwei Jahre bei einer Tagung.

"Passt schon, trag' ich einfach ein, das gibt es nicht", sagt der Ingolstädter Standesbeamte Claus Lukas.

(Foto: Oliver Strisch)

Die jüngste Tagung, Alte Kongresshalle in München. Hunderte bayerische Standesbeamte tummeln sich dort, dazu Professoren, Richter, Behördenvertreter. Im Plenum wie an den Kaffeetischen geht es um so ziemlich alles außer Hochzeitskitsch: Neuerungen im internationalen Urkundenverkehr, Geschlechtseintrag bei Intersexuellen, Leihmutterschaften. Lukas ist mittenmang, referiert über: Nachbeurkundungen von Auslandsgeburten, klar. Ein anderer Vortrag heißt: "Der Standesbeamte als heimlicher Volljurist." Man mag das nicht bestreiten. Innenminister Joachim Herrmann ist auch da und lobt: Der Verband werde weiter "die Umsetzung aktueller gesellschaftspolitischer Umbrüche" bewältigen. Und der CSU-Politiker spricht über Kinderehen: "Kinder gehören in die Schule und auf den Spielplatz, nicht vor den Traualtar." Das Gesetz gegen Kinderehen von 2017 sieht vor, dass im Ausland geschlossene Ehen nichtig sind, wenn ein Partner unter 16 Jahre alt ist. Bei 16- bis 18-Jährigen müssen sie bestätigt werden, sie können aber auch annulliert werden. Derzeit liegt das Gesetz aber beim Bundesverfassungsgericht. Es ist ein heißes Thema unter den Standesbeamten.

Der Berufsstand, der beim Heiraten Ja-Worte entgegennimmt, muss im Zweifel Nein sagen. "Passt schon, trag' ich einfach ein, das gibt es nicht", betont Lukas immer wieder. "Asylbewerberfälle brauchen oft Zeit. Besser als schnell-schnell." Heißt einer wirklich so, stimmt die Herkunft? Sind Papiere aus Staaten, die "kein sicheres Urkundenwesen" haben, verlässlich? Muss er einen syrischen Pass polizeilich prüfen lassen? Gibt es vorherige Ehen, auch wenn sie nach einem afrikanischen Ritus geschlossen ist? Das kann relevant werden, wenn etwa Migrantinnen aus dem Flüchtlingszentrum im nahen Manching im örtlichen Klinikum entbinden. "Wir beurkunden Tatsachen, keine Vermutungen. Ich unterschreibe mit meinem Namen und stehe dafür ein, dass die Urkunde so stimmt."

Lukas kann im Extremfall vom Ingolstädter Schreibtisch aus Konsulate kontaktieren und weltweit Recherchen anstoßen: um die Echtheit von Urkunden bei Behörden im Ausland bestätigen zu lassen. Oder es wird, ein Beispiel, ein Anwalt in ein afrikanisches Dorf geschickt, zeigt Fotos einer Person und verifiziert die Identität. Lukas sieht im Job "detektivische" Ansätze. "Lösungen sind auch mal grau, nicht schwarz oder weiß, nachdem man die Fälle aufgeschlüsselt hat." Nichts Menschliches sei ihm fremd, wie Scheinvaterschaften. Oder Scheinehen. Da kann es zur Scheinehebefragung kommen. Seine "Tricks" dabei verrät der Beamte nicht, "meine Munition".

Fröhliche Brautpaare, glückliche Eltern, zufriedene Bürger - so leicht ist es nicht in dem Beruf. Schicksalsschläge wie Totgeburten kommen dazu. Ein Ausgleich für die aufreibenden, auch traurigen Seiten? Vielleicht eben Hochzeiten. Also doch die Frage: Hat einer Nein gesagt? "Bei mir nicht." Aber falls doch, wäre das ein normaler Verwaltungsvorgang. Es handele sich um eine Willenserklärung wie bei einem Vertrag. Der komme durch Ablehnung nicht zustande. Nichts zu beurkunden.