„Bei dem Gebäude“, sagt Jörg Koch, „durften wir uns austoben.“ Das sieht man dem Haus auf den ersten Blick nicht unbedingt an. 15 Wohnungen lässt die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft (GWG) Ingolstadt derzeit im Stadtteil Friedrichshofen errichten. Von außen ist der Block fast fertig, Erdgeschoss, erster Stock und zweiter sind mit grün lasiertem Fichtenholz verkleidet. Auf den zweiten Blick fallen die Fenster auf. Ungewöhnlich tief sitzen sie in den Laibungen, um im Sommer die Sonne auszusperren und sie im Winter hereinzulassen, wenn sie tiefer steht.
Das Ungewöhnlichste ist aber im Inneren des Gebäudes: nichts. Eine zentrale Heizungs- und Lüftungsanlage fehlt. Trotzdem soll sich die Innenraumtemperatur ganzjährig zwischen 22 und 26 Grad Celsius einpendeln, so erklärt es Projektleiter Koch: durch die tief liegenden Fenster und manch anderem, das für Neubauten nicht unbedingt typisch ist. Dabei habe man sich an vielen Stellen nur auf alte Bauweisen bedacht, sagt Koch. „Man kann ganz normal drin wohnen.“

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Die Wohn-Normalität in Bayern sieht allerdings auch oft so aus: Die Städte ächzen unter Wohnungsnot, die Bauherren unter steigenden Kosten und die Menschen unter hohen Mieten. Bauen soll deshalb wieder einfacher, schneller und günstiger werden, darin sind sich Politik und Baubranche einig. Nur wie, das ist die Frage. In Ingolstadt will man eine mögliche Antwort gefunden haben. „Haus fast ohne Heizung“, haben sie dort ihren Neubau genannt. Alternativ könnte man auch „Haus mit anderem Ansatz“ sagen.
Das Haus ist eines von 19 Pilotprojekten zum Gebäudetyp-e. Der Buchstabe „E“ steht für experimentell oder einfach: Wer baut, soll häufiger selbst entscheiden, inwieweit den Baunormen zu folgen ist. Schließlich gilt die Bürokratie mit als größter Kostentreiber beim Bauen. Diese Idee der Architektenkammer lässt das bayerische Bauministerium seit 2023 erproben – und welche Abweichung vom Status quo vielleicht zu gleichen oder besseren Ergebnissen bei geringeren Kosten führt. Dabei geht es mal um Quartiersentwicklung (in Rosenheim), mal um Schulerweiterungen (in Fürth), mal um Reihenhäuser (in Bamberg).
Was er sieht, nennt Bauminister Bernreiter „zukunftsweisend“
In Ingolstadt geht es um sozialen Wohnungsbau. Die städtische Wohnbaufirma GWG und das Ministerium haben an diesem Augusttag zu einer Baustellenbesichtigung in die Steigerwaldstraße 21 und 23 eingeladen. Jenseits des Bauzauns enden die Dächer und wächst der Mais. Projektleiter Koch führt durch die Innenräume, deren Ausbau gerade läuft. Minister Christian Bernreiter und Oberbürgermeister Michael Kern (beide CSU), Stadträte und Vertreter der Wohnungswirtschaft federn über unfertige Böden, begutachten Wände, steigen eine Treppe hinauf, schauen vom Balkon über die Felder. Was er sieht, nennt Bernreiter „zukunftsweisend“: „Bauen muss wieder funktionieren.“
Deshalb sollen hier weder Wärmepumpen noch Gas- und Öltanks stehen. Der Keller fehlt ebenso wie etwa ein Sonnenschutz für die Fenster. Der Bodenaufbau wurde laut eines Projektblatts auf ein Minimum reduziert. All das soll die Baukosten senken. Für diese hat die GWG rund 6,5 Millionen Euro kalkuliert, eine Förderung des Freistaats deckt den größten Teil ab. Aktuell wird erwartet, die Kosten um gut zehn Prozent zu unterschreiten. Auch das wäre beim Bauen eher ungewöhnlich.
Vor allem das Nicht-Heizkonzept namens „2226“ soll Geld sparen, jetzt im Bau und später im Betrieb. Die Idee, vereinfacht: Dicke Wände aus Wärmedämmziegeln stabilisieren die Raumtemperatur, ähnlich, wie man es aus Kirchen mit ihren festen Mauern kennt. Die Wärme, die beim Wohnen entsteht, bleibt so drinnen – die Abwärme der heißen Dusche, des Ofens und der Körper der Bewohnerinnen und Bewohner. Sensoren messen Temperatur, Feuchtigkeits- und CO₂-Gehalt und öffnen bei Bedarf schmale Fenster. Soweit die Theorie, getestet in Computersimulationen. „Das wird funktionieren“, sagt Projektleiter Koch. Langfristig sei es in Städten ohnehin das größere Thema, wie sich Überhitzung vermeiden ließe. Für kalte Winter ist im Fußboden eine Notfalllösung verbaut: eine elektrische Flächenheizung. Koch reicht Bernreiter ein Stück Heizpapier, Kabel hängen heraus.
Hohe Erwartungen an den Gebäudetyp-e
Ähnliche Häuser gibt es bislang vereinzelt anderswo, etwa im österreichischen Lustenau. Das „Konzept 2226“ geht aus Sicht der Ingolstädter Projektbeteiligten über das klassische Passivhaus hinaus – und unter den Anforderungen stellenweise hindurch. Vor allem bei den Baustoffen und Berechnungsmethoden sei man von den Normen abgewichen, sagt GWG-Geschäftsführer Alexander Bendzko. Zudem habe man sich nicht erst zum Bauen, sondern schon zum Planen eine Baufirma gesucht, die das Gebäude zusammen mit dem Architekturbüro Neuburger, Bohnert und Müller entwickelt habe. Das Haus sei „quasi aus einer Hand“. Bendzkos Fazit: „Wir werden es wieder so machen.“

Über Normen und Vorschriften:Wie Bauen wieder günstiger werden kann
Wer ein Haus baut, hat es schnell mit Hunderten Normen zu tun, die den Vorgang kompliziert, langsam und teuer machen. Andrea Gebhart, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, sagt: Das müsste nicht sein. Ein Gespräch.
Das wird man anderswo in Bayern mit Interesse hören. Zu sehr ist der Wohnungsbau eingebrochen und sind die Kosten dem Aufwand enteilt. Entsprechend groß ist der Frust über die Vielzahl an Vorschriften und insbesondere die rund 3900 Baunormen. Sie regeln Brandschutz und Dachabdichtungen, machen Vorgaben für Trinkwasserinstallationen und Außenputz, beschreiben Holzschrauben und Keramikziegel, bestimmen die Mindestanzahl von Stromkreisen und die Höhe von Lichtschaltern. Viele Vorgaben haben ihren Sinn. Ob sie es in ihrer Gesamtheit sind, bezweifelt die Baubranche. Sie hofft deshalb auf mehr Flexibilität durch den Gebäudetyp-e.
Der ist allerdings noch nicht regulär in der Bauordnung verankert. Und bis es so weit ist, dürfte es dauern: Die Ergebnisse aus den Pilotprojekten sollen mögliche Wege aufzeigen. Von ihnen ist das „Haus fast ohne Heizung“ das erste, das fertig werden wird, voraussichtlich im Herbst. Bis Ende des Jahres könnten also Mieterinnen und Mieter in die Steigerwaldstraße 21 und 23 einziehen – bestenfalls, ohne danach zu frieren.

