Ausstellung in IngolstadtHau drauf mit Spaß

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Künstlerbegegnungen zum 100. Geburtstag: Im Lechner Museum Ingolstadt wird derzeit beispielsweise Imi Knoebels „Sophie“ aus der Serie „Portraits“ gezeigt, davor ist Alf Lechner „Spaltung“ platziert.
Künstlerbegegnungen zum 100. Geburtstag: Im Lechner Museum Ingolstadt wird derzeit beispielsweise Imi Knoebels „Sophie“ aus der Serie „Portraits“ gezeigt, davor ist Alf Lechner „Spaltung“ platziert.
Jens Gerber

Sie kehrten sich von den Konventionen der Bildhauerei ab und konzentrierten sich auf den Schaffensprozess: Ingolstadt präsentiert in Erinnerung an Alf Lechners 100. Geburtstag eine aufwendige Ausstellung unterschiedlichster, prägender Künstler.

Von Sabine Reithmaier

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Nicht immer ist das Aufbauen eines Kunstwerks so vergnüglich wie bei Barry Le Vas „Shattered (on Center, on Edge)“. Eine Arbeit, die weder gelagert noch transportiert werden kann, sondern in jeder Ausstellung neu geschaffen werden muss: Sieben quadratische, sieben rechteckige und sechs ebenfalls rechteckige, aber größere Glasplatten werden nach einem vorgegebenen Konzept aufeinandergeschichtet. Jede dritte Platte wird zerschlagen. „Ich habe am Anfang den Hammer viel zu zart geschwungen“, sagt Dominik Bais, Kurator der Ingolstädter Ausstellung „A Matter of“. Weniger zögerlich war der Praktikant. Und so entstand ein Kreis in der Mitte, eine Form, bei der der Zufall mitgespielt hat.

Der US-Amerikaner Barry Le Va (1941-2021) gehört zu den Künstlern, die Mitte der Sechzigerjahre begannen, die etablierten Vorstellungen von Bildhauerei infrage zu stellen und sich auf den Prozess ihres künstlerischen Schaffens, nicht auf fertige Objekte zu konzentrieren. Daher passt er hervorragend in diese Ausstellung, die den Stahlbildhauer Alf Lechner im Kontext internationaler Positionen würdigt.

„Ich will versuchen, dem Stahl seine Selbstständigkeit, seinen Willen zu lassen, dem Stahl seine Freiheit zu geben“ – so simpel beschrieb Lechner, der heuer 100 Jahre alt geworden wäre, seine künstlerische Praxis. Sein runder Geburtstag ist der Anlass für diese aufwendige Ausstellung mit Kunstwerken von Richard Serra, Phyllida Barlow, Robert Morris, Charlotte Posenenske, Dadamaino, Gary Kuehn, Carl Andre, Donald Judd oder Imi Knoebel. Im Übrigen die zweite Ausstellung, die das Ingolstädter Haus in diesem besonderen Jahr stemmt. Im ersten Halbjahr stand natürlich der Hausherr im Mittelpunkt.

Alf Lechner, hier im Jahr 1997 zu sehen, wäre dieses Jahr 100 Jahr alt geworden.
Alf Lechner, hier im Jahr 1997 zu sehen, wäre dieses Jahr 100 Jahr alt geworden.
Karin Blüher

Doch jetzt geht es um seine Kollegen, die sich wie er bewusst mit den Materialien auseinandersetzten und mit ähnlichem Gespür für das Wesentliche ausgestattet waren. Robert Morris ging einen radikal neuen Weg, als er bereits in den Fünfzigerjahren begann, mit weichem, organischem Material zu arbeiten und Filz oder Stoffreste schnitt, stapelte oder aufhing. Auch „Grey Felt“ aus Filz betont den vergänglichen Charakter eines Kunstwerks, das sich mit jeder neuen Installation in einem neuen Raum verändert. Das gilt auch für Reiner Ruthenbecks organische Formen. Er verwendet Materialien wie Papier, Metall oder Stoff. Doch die Formen und dadurch die Spannung entstehen durch das Gewicht und die Aufhängung des Materials. Letztlich wirkt es so, als würde sich das jeweilige Gebilde ganz einfach von selbst so ergeben.

Robert Morris’ „Grey Felt“ aus Filz von 1973 betont die Vergänglichkeit des Kunstwerks. Es gehört zur Sammlung des Münchner Lenbachhauses.
Robert Morris’ „Grey Felt“ aus Filz von 1973 betont die Vergänglichkeit des Kunstwerks. Es gehört zur Sammlung des Münchner Lenbachhauses.
Jens Gerber
Selten macht es so viel Spaß, ein Kunstwerk aufzustellen, wie bei Barry Le Vas „Shattered (on Center, on Edge)“ aus den Jahren 1967/68. Es wird jedes Mal neu geschaffen.
Selten macht es so viel Spaß, ein Kunstwerk aufzustellen, wie bei Barry Le Vas „Shattered (on Center, on Edge)“ aus den Jahren 1967/68. Es wird jedes Mal neu geschaffen.
Jens Gerber

Einige Wünsche von Dominik Bais erfüllten sich nicht. Der Kurator hätte von den großen Stahlbildhauern Eduardo Chillida und Richard Serra auch gern Skulpturen gezeigt. Doch bei Serra scheiterte es daran, dass sich der Leihgeber mit der Spedition zerstritt. Die angefragte Keramikarbeit Chillidas hingegen konnte wegen der klimatischen Bedingungen im Ingolstädter Museum nicht anreisen. „Das Museum hier ist auf Stahlskulpturen ausgelegt“, sagt Bais. „Daher können wir manches wegen der Lichtbelastung oder der Feuchtigkeit nicht zeigen.“ Also sind die beiden Künstler nur mit großformatigen Radierungen vertreten.

Dafür ist es Bais gelungen, mehrere Künstlerinnen in die Ausstellung zu integrieren: Charlotte Posenenskes Metallskulpturen (1967-2011) etwa oder Bilder von Edoarda Emilia Maino, genannt Dadamaino, einer italienischen Künstlerin der Mailänder Avantgarde der 1960-er Jahre, die durch Licht- und Schattenwirkungen das Tafelbild überwinden wollte. Sie schnitt die Leinwand weitgehend aus, machte die Ebene dahinter sichtbar.

Konzeptkünstlerin Hanne Darboven (1941-2009) ist mit ihrer beeindruckenden „Webstuhlarbeit“ vertreten, einer mehrteiligen, hochkomplexen und präzisen Installation, in der sie zehn Jahre Webstuhlarbeit ihrer Mutter dokumentierte. In Notizbüchern verschriftlichte sie die Zeit – auch eine Form, die Wirklichkeit zu bewältigen.

Alf Lechner ist selbstverständlich auch vertreten, oft in sehr reizvollem Kontrast zu den Werken seiner Kollegen und meist mit Arbeiten, die bislang kaum zu sehen waren. Beispielsweise mit zwei auf Papier aufgezogenen Bleiarbeiten, die hybrid zwischen Zeichnung oder Skulptur schwanken. Oder einer Quadrat-Konstellation aus massivem Titan.

In Konstrast gesetzt: Reiner Ruthenbecks „Rotes Banddreieck mit verbogener Grundlinie“ von 1993, Barry Le Vas „Shattered (on Center, on Edge)“ und  Alf Lechners „Wand - Boden - Fläche“.
In Konstrast gesetzt: Reiner Ruthenbecks „Rotes Banddreieck mit verbogener Grundlinie“ von 1993, Barry Le Vas „Shattered (on Center, on Edge)“ und  Alf Lechners „Wand - Boden - Fläche“.
Jens Gerber

Passend zur Ausstellung ist der Band „Alf Lechner. Material als Akteur“ (Distanz Verlag, Berlin, 40 Euro) erschienen. Die Monografie, basierend auf der Doktorarbeit von Dominik Bais, beleuchtet Lechners Werk erstmals aus produktionsästhetischer Perspektive. Was den Band neben den Texten so reizvoll macht, sind die bislang unveröffentlichten Fotos, die Lechner im Stahlwerk zeigen. Faszinierend sind die Aufnahmen bei der Kugelschmiedung. Ein kompliziertes Verfahren. Denn um Kugeln in der von Lechner gewünschten Größe herzustellen – manche waren bis zu zehn Tonnen schwer –, formten die Arbeiter zunächst Stahlquader, die dann frei zur Kugel geschmiedet wurden.

Auch andere Fotogruppen sind sehenswert. Denn dass Lechner im Jahr 1981 ein Bühnenbild für die „Antigone“ des Theaters Ulm entwarf und dabei unverkleidete Stahlelemente nutzte, wissen vermutlich nur wenige. Und wer erinnert sich schon noch an die Debatten über den „Freiburger Schandfleck“. Dort sorgte eine temporär im Zentrum aufgestellte Skulptur Lechners für heftige Proteste, sie wurde als „Beleidigung“ und „Gotteslästerung“ empfunden. Obwohl sich der Kunstverein engagiert für Lechner einsetzte, baute die Freiburger Feuerwehr die Skulptur schließlich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ab.

A Matter of Perspective, bis 12. April, Alf Lechner Museum, Ingolstadt

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