"Ingo"-Casinos in Tschechien:Glück im Spiel - Geld für die Nachbarn

Der Unternehmer Gustav Struck betreibt in Böhmen sieben Spielcasinos und beschert dem tschechischen Fiskus Millioneneinnahmen.

Rolf Thym

Inmitten der baulichen Ödnis von Strazny wirkt der in freundlichem Gelb gehaltene Flachbau mit dem Schriftzug "Ingo Casino" über dem Entree wie ein verirrtes Raumschiff aus einem Paralleluniversum. In dem hat es der bayerische Großhandelskaufmann Gustav Struck, 65, zu einigem Wohlstand gebracht - unter anderem mit den Einnahmen aus seinen neun "Ingo"- Spielcasinos in der Tschechischen Republik.

"Ingo"-Casinos in Tschechien: Der bayerische Großhandelskaufmann Gustav Struck - alle seine Casinos heißen "Ingo", eine Hommage an Ingolstadt.

Der bayerische Großhandelskaufmann Gustav Struck - alle seine Casinos heißen "Ingo", eine Hommage an Ingolstadt.

(Foto: Foto: SZ)

Dieser Wirtschaftszweig, der ausschließlich vom Spieltrieb seiner Kundschaft lebt, funktioniert nach eigenen Regeln, die nur wenig zu tun haben mit jenen unzähligen bayerischen Unternehmen, die nach der politischen Wende 1998 Zweigbetriebe in dem Nachbarland eröffnet haben, im Wesentlichen der damaligen Billiglöhne wegen. In den Casinos des Herrn Struck wird keine Produktion von Westen nach Osten verlagert, sondern ausschließlich Geld, viel Geld.

"Die subventionieren den tschechischen Staat"

Nicht einmal ein Prozent der Gäste kommt aus Böhmen, wohl aber gut 90 Prozent aus Ostbayern, schätzt der Casinobetreiber: "Die subventionieren praktisch den tschechischen Staat", sagt Struck mit einem Anflug von Heiterkeit, die dem Ernst der Steuergesetzgebung weicht, als er sich eine Liste reichen lässt, auf der festgehalten ist, was seine nicht börsennotierte Casino-Aktiengesellschaft im Jahr 2006 an staatlichen und kommunalen Abgaben zu zahlen hatte: umgerechnet drei Millionen Euro.

Umsatzzahlen und die Höhe der Gewinne behält Struck lieber für sich - dennoch ist leicht zu ahnen, dass Kaufkraft in stattlicher Millionenhöhe von Bayern nach Böhmen fließt, worunter auch die bayerischen Staatsfinanzen ein wenig zu leiden haben: Wer in tschechischen Casinos spielt, lässt die in Grenznähe liegenden staatlichen bayerischen Spielbanken in Bad Steben, Bad Kötzting und Bad Füssing links liegen. Jene drei Casinos hat die Staatliche Lotterieverwaltung des Freistaats absichtlich nahe der Tschechischen Republik platziert, um bayerische Spieler und vor allem deren Geld im Land zu halten.

Das Unterfangen ist offenbar nicht zur Gänze geglückt: In der Tschechischen Republik gibt es 72 Spielcasinos, alle unter staatlicher Aufsicht von 20 privaten Konzessionsinhabern betrieben. In Bayern hingegen rollt die Kugel nur in neun staatlichen Monopol-Spielbanken. Ebenso viele Casinos gehören allein schon Gustav Struck, der "sehr zufrieden" mit dem Publikumsandrang ist: Er spricht von 25.000 bis 30.000 Besuchern pro Monat - diese Zahl entspricht aber nur etwa einem Drittel der übers Jahr 1,1 Millionen Gäste in den bayerischen Spielbanken.

Mag sein, dass dieses Missverhältnis auch ein wenig am Ambiente liegt: In Strazny, zum Beispiel, wo Strucks erstes und zunächst in einem nahen Hotel untergebrachtes Spielcasino im Jahr 2001 in einen Neubau umzog, fehlt es eindeutig an der Seriosität des Umfelds.

Seit 17 Jahren: übelste Qualität zu Schleuderpreisen

In dem nur knapp vier Kilometer vom Grenzübergang Philippsreut entfernten Ort dominieren, wie fast überall im böhmischen Grenzland, heruntergekommene Verkaufsbuden das ohnehin karge Ortsbild: Asiatische Händler bieten garantiert gefälschte Markentextilien und original Schwarzmarkt-Videodiscs mit den neuesten westlichen Kinohits in übelster Qualität zu Schleuderpreisen an, dazu in rauen Mengen Zigaretten von zweifelhafter Herkunft.

Es ist bemerkenswert, dass sich derartige Zusammenballungen von mutmaßlicher Schieberware und offenkundigen Urheberrechtsverletzungen in einem Mitgliedsland der EU bis heute halten können. Solche Asiatenmärkte gibt es nun immerhin schon im 17. Jahr.

Neulich aber, so wird erzählt, habe die tschechische Polizei bei einer Razzia in Strazny illegale Markenware im Wert von angeblich 1,2 Millionen Euro beschlagnahmt. Ein paar Tage später seien die Regale jedoch schon wieder aufgefüllt gewesen, erzählt einer, der das Treiben in der Nachbarschaft täglich mitbekommt.

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