Industriegeschichte Grundig verabschiedet sich aus Nürnberg

Mit Fernsehern und Videogeräten war kein Geld mehr zu verdienen, als die Konkurrenz aus Asien auf den Markt drängte. Grundig verkaufte die Firma 1984.

(Foto: imago/Sven Simon)
  • Radio, Fernseher, Stereoanlagen: Max Grundig hat Deutschland in der Wirtschaftswunderzeit mit Heimelektronik ausgestattet.
  • Nun gehören die Reste des Unternehmens einem Eigentümer aus der Türkei.
  • Der hat nun angekündigt, die Firma Grundig Intermedia samt allen 72 Arbeitsplätzen nach Neu Isenburg bei Frankfurt zu verlagern.
Von Uwe Ritzer

Alexander Mayer hat es kommen sehen, und deshalb ist er nicht wirklich überrascht. "Die türkischen Eigentümer und Manager sind mit der Marke und ihrer Geschichte nicht verbunden", sagt er. "Sie haben sie nie verstanden und dementsprechend auch nie gepflegt." Es sei ihnen einfach nur um den Namen gegangen, denn mit diesem Namen lässt sich im Idealfall viel Geld verdienen. Schließlich kennen ihn Umfragen zufolge 98 Prozent der Deutschen: Grundig.

Ein Mann und seine Firma. Max Grundig lebte von 1908 bis 1989. Er war der Bild- und Tonmeister des deutschen Wirtschaftswunders. Ein Imperator, der in Spitzenzeiten ein Heer von 38 500 Arbeitern anführte, die in seinem Namen Radios, Fernseher und Stereoanlagen bauten. Alexander Mayers Vater war einer davon. Walter Mayer war Entwicklungsleiter bei Grundig; im vergangenen Jahr ist er gestorben. Sohn Alexander, promovierter Historiker und ehemaliger Fürther Stadtheimatpfleger, ist der vielleicht beste Kenner was den Aufstieg und den Fall von Grundig angeht. Er findet es "schlimm", dass nun der nahezu letzte Rest aus Franken verschwindet.

Alte Ideen für neue Namen

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Am Donnerstagabend kündigten die türkischen Eigentümer an, die Firma Grundig Intermedia samt allen 72 Arbeitsplätzen in der zweiten Jahreshälfte von Nürnberg nach Neu Isenburg bei Frankfurt zu verlagern. Dort haben die Muttergesellschaft Arçelik und das Schwesterunternehmen Beko ihren Deutschland-Sitz. Beide gehören zum türkischen Koç-Konzern, dem größten des Landes. Auf den Standort Nürnberg/Fürth bezogen ist das der Schlusspunkt unter einen Niedergang, der lange vor dem Koç-Einstieg schon begann.

Rein wirtschaftlich sind die Umzugspläne für Nürnberg kein Problem. Mental und historisch aber sind sie eine Zäsur. Grundig war jahrzehntelang Jobmaschine und Aushängeschild der alten Industriestadt Nürnberg und ihres Umlandes. In ganz Nordbayern wurden Arbeitskräfte eingesammelt und in Werksbussen nach Nürnberg, Fürth oder Georgensgmünd gekarrt, um in Grundig-Fabriken zu arbeiten. Die vermehrten sich so schnell, dass sie der Einfachheit halber nur noch durchgezählt wurden: Werk 1, Werk 2, Werk 3. . . Im Nürnberger Stadtteil Langwasser wurde eine eigene Grundig-Stadt aus dem Boden gestampft, zwei Wohntürme mit Werkswohnungen inklusive. Alles sehr lange her.

Kein Platz für Nostalgie

Nostalgie kann etwas Schönes sein, im wirtschaftlichen Leben jedoch ist kaum Platz für sie. Die Grundig-Stadt ist längst ein Gewerbegebiet. Das letzte, was dort noch an Max Grundig erinnert, ist eine Büste im Foyer der besagten Grundig Intermedia. Ob der Bronze-Kopf mit nach Neu-Isenburg umzieht, stehe noch nicht fest, sagt eine Firmensprecherin. Zuerst müsse man die Zukunft der Mitarbeiter klären. "Es ist uns ein großes Anliegen, dass alle mit uns ins Rhein-Main-Gebiet umziehen", sagt Geschäftsführer Sühel Semerci.

Egal, ob sie das Angebot annehmen oder nicht: Die Grundig, für die sie heute arbeiten, hat mit der von einst außer dem Namen nur noch den Umstand gemein, dass nach wie vor Fernseher und Audiogeräte gebaut werden. Wenn auch nicht mehr in Franken, sondern in der Türkei. Ansonsten werden unter der Marke Grundig auch Staubsauger und Haartrockner, Backöfen und Geschirrspüler verkauft. Die Eigentümer und Manager bejubeln dies als erfolgreichen Wandel vom Unterhaltungselektronik-Hersteller zum "einzigen europäischen Home Electronics Vollsortimenter". Denn mit Fernsehern lässt sich nur noch sehr schwer Geld verdienen; der Markt ist übersättigt, die Hersteller liefern sich einen ruinösen Preiskampf.