Landtagswahl in Bayern Dieser AfD-Politiker macht Wahlkampf in Wirtshausmanier

Franz Bergmüller ist Spitzenkandidat für die AfD Oberbayern.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Ex-CSU-Mann Franz Bergmüller führt Oberbayerns AfD an. Die "Leberkäs-Connection" sicherte ihm den ersten Listenplatz. Seine Parteimitgliedschaft ist jedoch umstritten.

Von Johann Osel

Neben dem Rednerpult wurde ein Holzfass drapiert, der Kellner zapft Biere, serviert Bratenteller. Franz Bergmüller fühlt sich hier wohl. Die AfD in München hat den oberbayerischen Spitzenkandidaten eingeladen, in den Keller eines Brauhauses. Gemütlicher als die Marktplätze, wo er derzeit oft steht und wo es vor allem um eine Frage gehe: "Wie kann man den Missbrauch der Einwanderung über das Asylrecht stoppen?

Das ist das Thema Nummer eins bei den Bürgern: die illegale Migration in die Sozialsysteme." Generell sei der Wahlkampf "überlagert mit bundespolitischen Themen. Es geht um Merkel, die 2015 mit der Grenzöffnung die Gesellschaft gespalten hat". Das ist freilich AfD-Taktik in ganz Bayern: "Wer CSU wählt, bekommt Merkel", steht auf den Plakaten, obwohl ja die Kanzlerin gar nicht antritt. Der Wirt und Metzgermeister manövriert seit Monaten zwischen zwei Welten: dem Wahlkampf und der Gastwirtschaft im Kreis Rosenheim, wo gerade die sommerliche Großgrill-Saison endete. Motto also: Mal "Merkel muss weg", mal "Ferkel muss weg".

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Bergmüller, 53, will mit Erfahrung und Bekanntheit punkten. Erfahrung kommt aus der Lokalpolitik. 1983 trat er in die CSU ein, war lange Gemeinderat und zweiter Bürgermeister in Feldkirchen-Westerham. Er ist eines der bekanntesten Gesichter der AfD, das kommt vom Kampf gegen das Rauchverbot in Gaststätten. Er gründete den "Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur" und brach deshalb mit der CSU.

2008 war Bergmüller Landtagskandidat der Freien Wähler (FW). Die Frage einer anfänglichen Doppelmitgliedschaft bei FW und AfD hat Tumulte ausgelöst, in Parteiämtern bei den Rechtspopulisten wurde er demontiert. Intrige mischte sich mit Lagerkrieg, der radikale Flügel gegen den für AfD-Maßstäbe moderaten Bergmüller. Seine Getreuen, oberbayerische Kreischefs mit Spitznamen "Leberkäs-Connection", konnten ihm bei der Listenwahl zum Landtag dennoch Platz eins bescheren.

Dann bestätigte ein Berliner Gericht seine AfD-Mitgliedschaft, der AfD-Bundesvorstand legte aber Berufung ein. Bergmüller ist "zuversichtlich". Seine Gegner werteten das Urteil in einem internen Chat als "Angriff der linken Berliner Justiz", nennen die Leberkäs-Clique eine "kleine, amoklaufende Gruppierung".

Tatsächlich ist sie eines von mehreren Machtzentren in einem der chaotischsten AfD-Landesverbände. Untereinander ist man ähnlich rabiat wie gegen Flüchtlinge oder "Altparteien". Schon beim Fraktionsvorsitz im Landtag könnte es krachen. Bis hin zur Spaltung, glauben Beobachter.

Im Braukeller sind Wohlgesinnte anwesend. Hauptgast ist Uwe Junge, Fraktionschef in Rheinland-Pfalz, ein Offizier mit artifiziellem Schnurrbart: er redet über Vaterlandsliebe. Bergmüller widmet sich Markus Söder, der Ministerpräsident habe "alle möglichen Füllhörner ausgeschüttet", aber "die Leute lassen sich nicht blenden."

Doch wofür steht Bergmüller? Früher hat er lange Analysen auf Facebook verfasst. Damit ist Schluss seit der Causa Erdoğan. Man werde "überschwemmt" von Türken, die der Präsident nicht im Land haben wolle und hierzulande "zu entsorgen" gedenke, schrieb er 2016. Auf dem Titelblatt der Bild landete der Lokalpolitiker damit, als übelster AfD-Hetzer dargestellt.

Seitdem postet er meist nur Termine und Kulinarisches. Die "Islamisierung", sagt er im Gespräch, rücke auch auf dem Land näher und sorge für Unbehagen "nicht nur bei unseren Stammwählern, sondern bei allen Konservativen." Den "Euro in jetziger Form" will er kippen, zum Wohle der Sparer. Eine "atmende Mietpreisbremse" fordert Bergmüller etwa; er kenne sich aus, besitze 68 Wohnungen in seiner Gemeinde. Und vermiete auch an Ausländer: Wobei er über türkische Mieter nichts Gutes zu berichten weiß, dafür über die italienischen.

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"Bergmüller ist sicher kein Neonazi", sagt ein politischer Konkurrent in der Region, "aber er ist ein Sturkopf und gesteht sich nicht ein, dass sich die AfD radikalisiert." Spricht man Bergmüller darauf an, wird er grimmig, sein wuchtiger Körper bebt: Seinen Großvater hätten die Nazis ins KZ Dachau gebracht, wegen kritischer Aussagen; sein Onkel sei 1943 bei der SS desertiert, seine Mutter habe ihn dann bis zum Kriegsende versteckt.

Mit "nationalistischem Schmarrn" will er nichts zu tun haben. "Ich bin weder rechtsradikal noch sonst irgendwas. Ich bin wirtschaftspolitisch liberal, innenpolitisch erzkonservativ, außenpolitisch pragmatisch und stehe für soziale Leitplanken." Aber passt er dann nicht ganz gut in die CSU? "Wenn sie nicht den Kotau vor Merkel gemacht hätte und die Union nicht ein konservatives Thema nach dem anderen aufgeben würde. Die AfD ist jetzt das, was die CSU mal war: die konservative Kraft."