Jetzt soll es ganz schnell gehen. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will, dass bei Schulabschlüssen in Bayern schon an diesem Schuljahresende verpflichtend Nationalhymne, Europahymne und Bayernhymne gespielt oder gesungen werden. Im Dezember ging ein entsprechender Antrag der Jungen Union auf dem CSU-Parteitag in München ohne Gegenstimme durch.
Die Junge Union erhofft sich von der Hymnenpflicht mehr Zusammenhalt, Patriotismus und eine Reduzierung von Gewalttaten. Sogar mehr Rekruten für die Bundeswehr sollen dadurch erreicht werden. Kritik kommt von Lehrerverbänden und Söders Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler): Der Vorstoß komme zu kurzfristig und die Schulfamilie müsse einbezogen werden.

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Auch an den Schulen ist die Debatte angekommen, wie der Landesschülersprecher für Fachoberschulen und Berufsoberschulen, Pascal Trimbuch, der Süddeutschen Zeitung berichtet. „Es ist ein kontroverses Thema. Manche würden sich über die Idee mit den Hymnen freuen“, sagt er, „aber nur auf freiwilliger Basis, denn Patriotismus darf man nicht erzwingen.“ Gerade die Zeugnisverleihung zum Schulabschluss gehöre den Schülern, Lehrern, Eltern und Freunden. Das dürfe zu keiner Werbeveranstaltung verkommen. „Wir arbeiten hart für den Abschluss und machen das nicht für Deutschland oder für Bayern, sondern für uns“, betont Trimbuch.
Dagegen findet Jana Bäuerlein, stellvertretende Landesschülersprecherin der Beruflichen Schulen, dass ein bisschen Heimatliebe durchaus sein dürfe. „Die Hymne zum Abschluss zu spielen, ist etwas sehr Besonderes. Es geht um Stolz auf unser Land. Das passt gut zum Schulabschluss, auf den man auch stolz sein darf.“ Eine von oben verordnete Pflicht lehnt Bäuerlein trotzdem ab. Viele würden die Hymne zwar sehr gerne singen, jedoch längst nicht alle: „Es gibt einige, die das aus persönlichen Gründen nicht wollen. Das gilt besonders für ausländische Schülerinnen und Schüler.“
Viele Schüler mit Migrationshintergrund haben wegen der deutschen Vergangenheit noch immer eine negative Assoziation mit der deutschen Nationalhymne und fühlen sich selbst zu fremd, um mitzusingen.Paula Hartnig, stellvertretende Landesschülersprecherin für die bayerischen Mittelschulen
Besonders an Mittelschulen haben viele Jugendliche einen Migrationshintergrund. „An unserer Schule sind es über 50 Prozent“, sagt Paula Hartnig, stellvertretende Landesschülersprecherin für die bayerischen Mittelschulen. „Viele dieser Schülerinnen und Schüler haben wegen der deutschen Vergangenheit noch immer eine negative Assoziation mit der deutschen Nationalhymne und fühlen sich selbst zu fremd, um mitzusingen“, erklärt sie und nennt den altbacken klingenden Text als einen der Gründe.
Beim Wort Pflicht schreckten viele zurück. „Das sollte jeder für sich entscheiden, genauso wie beim Gebet im Unterricht“, sagt Hartnig. Sinnvoller zur Stärkung der Gemeinschaft und zur gegenseitigen Verständigung wären ihrer Ansicht nach Veranstaltungen wie „Welttage, bei denen Schülerinnen und Schüler ihre Herkunftsländer und deren Kultur vorstellen können“.
Ähnlich argumentiert Paul Eidenschink, stellvertretender Landesschülersprecher der bayerischen Gymnasien. „Ich sehe den Wunsch dahinter, das Gemeinschaftsgefühl zu fördern“, sagt er. Aber es gebe bessere Wege. Beispielsweise könnten bestimmte Tage im Zeichen der Demokratie- und Wertevermittlung gestaltet werden. Die Verfassungsviertelstunde sei diesbezüglich ein guter Anfang.
„Politische Bildung sollte man auf jeden Fall ausweiten und verbessern“, sagt Eidenschink. „Man festigt die Werte, wenn man etwas über ihre Ursprünge lernt.“ Hymnen seien dagegen weniger im Alltag der Jugendlichen präsent. Es gebe zwar durchaus Befürworter, „aber eine gefühlte Mehrheit ist dagegen“, resümiert der Landesschülersprecher. Zudem kritisiert er, dass hier mal wieder eine „politiktypische“ Scheindebatte geführt werde. „Wir haben an den Schulen ganz andere Probleme.“
„Eine Hymnenpflicht ist zwar nicht schädlich, aber sie führt auch zu nichts“, findet Antonio Ferreira Barrozo, Landesschülersprecher der Realschulen. Ähnlich wie sein gymnasialer Amtskollege sieht er den Fokus in dieser Debatte falsch gesetzt. „Es wäre besser, sich in der Schule mit den Inhalten der Hymnen zu beschäftigen, statt sie nur auswendig zu lernen.“ Wenn es um die Stärkung der Gemeinschaft geht, ist für ihn völlig klar: „Freundschaft und Engagement tragen viel mehr zu Integration und Zusammenhalt bei.“

