Lautes Geknalle, Schwefelgeruch, blitzende Lichter am Himmel – Silvester bedeutet für viele Hunde Angst und Stress. Was können Herrchen und Frauchen tun, um den Vierbeinern den Jahreswechsel so angenehm wie möglich zu gestalten? Tanja Weigert, Tierärztin aus Würzburg mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie, sagt, das Wichtigste sei, als Besitzer selbst entspannt zu bleiben. Denn wenn man selbst in Panik verfalle, könne sich das auf den Hund übertragen, der dann Stress entwickle, den er alleine möglicherweise gar nicht hätte. In ihrer Arbeit sei Silvester ein großes Thema. Die Böllerei könne bei Hunden schlimmstenfalls eine Geräuschphobie auslösen.
Wichtig sei außerdem, Nähe anzubieten. Oft glaubten ihre Kunden, man solle die Vierbeiner in stressigen Situationen nicht streicheln, sagt Weigert. Durch die Aufmerksamkeit würde man Angst verstärken. Ein Missverständnis, sagt die Tierärztin. Man solle sich vorstellen, man sei in einer Situation, in der es einem nicht gut gehe. Eine Umarmung einer nahestehenden Person, bei der man sich sicher fühle, tue gut, senke den Stresspegel. Das sei bei Hunden nicht anders. Man könne seinem Hund auch einen Rückzugsort anbieten. Am besten einen Raum, in dem sich das Tier bereits wohlfühle und möglichst ohne Fester. So ein Rückzugsort sei auch für Hunde sinnvoll, die noch keine enge Bindung zu ihrem Halter haben.

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Eine andere Option sei, über Silvester in eine böllerfreie Umgebung zu fahren. Der Andrang auf entsprechende Unterkünfte sei zu Silvester freilich „riesengroß“, sagt Sabine Sinzig, Geschäftsführerin von „Top-Hundeurlaub“, einem Vermittlungsportal für hundefreundliche Hotels und Ferienwohnungen mit Sitz in Lindau. Sinzig selbst hatte einen Border Collie, Nyla. Die ersten vier Jahre sei Silvester für sie überhaupt kein Problem gewesen. Dann ist aber direkt vor ihr ein Böller in die Luft gegangen. Danach sei Nyla über ein halbes Jahr lang so schreckhaft gewesen, dass sie bei jedem zuklappenden Mülltonnendeckel zusammengezuckt sei. Die nächsten Jahreswechsel seien für den Border Collie dann „ganz schlimm“ gewesen.
In manchen Jahren ist Sinzig mit Nyla über die Autobahn gefahren – dort wird nicht geböllert. Oder hat sich mit ihr an den Flughafen gestellt. Gerade in den Städten feuern die Leute auch schon früh vor dem Jahreswechsel Knaller ab, deshalb könne es helfen, sich einige Tage vor Silvester auszuquartieren. Auch Tierärztin Weigert hält Verreisen über Neujahr durchaus für sinnvoll. Voraussetzung sei aber, dass der Hund stabil sei und kein Problem mit Ortswechseln habe. Sonst rät sie davon ab.
Aber nicht nur der Silvester-Lärm „beansprucht die Sinne von Hunden außerordentlich“, wie Weigert sagt. Sondern auch die Feuerwerke am Himmel. Während sie für Menschen ein schönes Spektakel sein können, bekämen Hund davon nicht viel mit. Die Tiere, die in Blau-, Gelb und Grautönen sehen, könnten die Lichtreize am Himmel nicht einordnen, sagt Weigert. Das mache ihnen unter Umständen Stress. Der bisweilen scharfe Geruch nach Schwefel, Verbranntem und Alkohol könne für die Tiere mit ihren feien Nasen ebenfalls zum Problem werden, ebenso die bisweilen aufgeregte Stimmen.
Übers Jahr hinweg, Hunde an Lärm zu gewöhnen, kann sinnvoll sein
Wie und ob Hunde Stress empfinden, das hänge außerdem von der jeweiligen Rasse und ihrem Alter ab. Jüngere und ältere Hunde seien generell stärker betroffen. Welpen fehle die Lebenserfahrung, ältere Tiere könnten an Krankheiten leiden, die weniger stressresistent machen. Hütehunde wie Border Collies haben ein besonders feines Gehör. Auch für Hunde gebe es Ohrenschützer, die man ihnen bei einem Feuerwerk überziehen könne.
Auch ein sogenanntes Thundershirt könne sinnvoll sein, sagt Weigert. Das ist ein Shirt, das ganz nah am Körper des Hundes anliegt. Durch das Thundershirt werde das „Kuschelhormon“ Oxytocin ausgeschüttet, das wiederum verringere Stress. Das Shirt solle man seinem Hund aber nicht erst an Silvester anlegen, sondern schon über das Jahr, damit er sich daran gewöhnen könne. „Wichtig ist, dass das nicht für jeden Hund etwas ist und auch nicht jeden beruhigt“, sagt Weigert. Für empfindliche Tiere sei sein Thundershirt eher eine Qual.
Hundehaltern, die wissen, dass ihr Tier mit Silvester Probleme hat, rät Weigert, es übers Jahr zu trainieren. Etwa indem man sich Silvestergeräusche aus dem Internet herunterlädt und das Tier damit gleichsam desensibilisiert. Dabei beginne man in einer geringen Lautstärke und drehe den Lautsprecher dann immer weiter auf. Außerdem könne man laute Geräusche, das Klappern von Töpfen zum Beispiel, an eine Belohnung koppeln. Es gibt freilich auch Hunde, die mit Silvester überhaupt kein Problem haben. Wie der von Weigert. Die beiden sehen sich das Feuerwerk gemeinsam an.

