Hubert Weinzierl im Interview:"Es darf kein Hektar mehr zugebaut werden"

Lesezeit: 4 min

Öko-Pionier Weinzierl wird 75

Umweltschützer Hubert Weinzierl: "Wenn es um unsere Ökosysteme geht, können wir gar nicht radikal genug sein".

(Foto: dpa)

Die Natur muss uns genau so viel wert sein wie Bauland, fordert der Umweltschützer Hubert Weinzierl: "Jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, an dem die Umkehr unmöglich wird".

Von Christian Sebald

SZ: In jeder Politiker-Rede wird das hohe Lied von der Bewahrung der Heimat angestimmt. Dabei haben immer mehr Menschen das Gefühl, dass ihre Heimat zerstört wird. Wie passt das zusammen?

Hubert Weinzierl: Das passt überhaupt nicht zusammen. Der Schere zwischen der Beschwörung der Heimat und ihrer Zerstörung klafft heute so weit auseinander wie nie, so viel wird zugebaut und betoniert. Dabei war die Eindämmung des Flächenverbrauchs schon im Europäischen Naturschutzjahr 1970 eine zentrale Forderung. Aber seither haben wir immer nur Verluste an Landschaft und Natur gehabt. Jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, an dem die Umkehr unmöglich wird. Wenn jetzt nicht etwas passiert, lassen sich die Verluste nicht mehr ausgleichen.

Wie muss man sich das vorstellen?

Unsere Ökosysteme sind brüchige Systeme. Zwar machen sie viel mit, wie die bisherige Geschichte der Natur und der Landschaften zeigt. Aber nun stehen sie so unter Druck, dass sie nicht mehr zusammenhalten, sondern auseinanderfallen. Die Verluste nicht nur an Arten, sondern an Masse von Flora und Fauna werden unumkehrbar. Stellenweise sind sie es schon. Denken Sie an das Insektensterben oder die Verluste bei den Vögeln, selbst bei Allerweltsarten wie der Amsel. Sogar der Igel und der Feldhase stehen jetzt schon auf der Vorwarnstufe, weil es immer weniger gibt.

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Da gibt es keine Abhilfe mehr?

Es hilft nichts, wenn wir uns jetzt vornehmen, weniger Fläche zu verbrauchen. Egal ob das die Nachhaltigkeitsstrategie des Bundes ist, die den Flächenverbrauch in Deutschland auf 30 Hektar am Tag verringern will, oder das Volksbegehren in Bayern, das ihn auf fünf Hektar am Tag beschränken will. Wenn wir es ernst meinen würden mit dem Schutz der Landschaften und der Natur, müsste die Nulllösung her.

Die Nulllösung?

Der Flächenverbrauch muss ein Ende haben, null Hektar, es darf kein Hektar freies Land mehr zugebaut werden. Wir müssen sogar zusehen, dass wir von den Hunderttausenden Hektar bebauter Fläche in Bayern wieder etwas der freien Landschaft und Natur zurückgeben, Gewerbebrachen, nicht mehr genutzte Verkehrswege und andere überflüssige Nutzflächen in Natur zurückverwandeln.

Wirtschaftsleute und Politiker werden Sie nicht ernst nehmen, selbst Naturschützer werden sagen, null Hektar ist zu radikal.

Wenn es um unsere Ökosysteme geht, können wir gar nicht radikal genug sein. Wir müssen der gewaltigen Radikalität derer, die tagein tagaus Natur verbrauchen, die Radikalität des Schützens entgegenstellen. Die Tier- und Pflanzenarten, die wir noch haben, müssen uns genauso viel Wert sein wie Bauland. Sonst werden wir den Erhalt wenigstens eines Grundbestandes an Natur nicht schaffen. Der stumme Frühling - ohne die Vielfalt des Vogelgesangs, wie ich sie aus meiner Jugend kenne - ist doch heute schon vielerorts Realität.

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