Passau: Politischer Aschermittwoch:Seehofer, der kleine Große

Lesezeit: 2 min

Beim politischen Aschermittwoch reden Politiker mit selbstgeschnitzter Hau-den-Lukas-Rhetorik. Nicht so Seehofer: Der CSU-Chef pöbelt kaum und nutzt nicht einmal die Affäre Guttenberg für sich. Das könnte man fast Größe nennen.

Kurt Kister

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer hat beim politischen Aschermittwoch in Passau die Rede eines bayerischen Ministerpräsidenten gehalten. Das klingt zunächst banal. Ist es aber nicht, wenn man bedenkt, dass die CSU-Chefs vor Seehofer auf dieser Veranstaltung Jahr für Jahr Ansprüche auf die Regierungsgewalt in Deutschland, hin und wieder auch auf die Mitgestaltung des Weltgeschehens erhoben haben. Seehofer dagegen bewegte sich in jenen landespolitischen Gefilden, die ihm aus täglicher Arbeit vertraut sind.

Politischer Aschermittwoch - CSU

Seehofer also gab beim Aschermittwoch den, der er ist: Bayerns Ministerpräsident

(Foto: dpa)

Ungewöhnlich für den Aschermittwoch pöbelte er auch kaum, sieht man ab von einigen Ausfällen gegen Trittin und die Linke. Während zum Beispiel Florian Pronold, Bayerns wenig bekannter SPD-Chef, munter Beleidigung um Beleidigung vom Stapel ließ, blieb Seehofer gelassen und oft durchaus langweilig.

Allerdings ist es ohnehin sonderbar, dass alle möglichen Politiker an diesem Tag nach Niederbayern kommen und sich so benehmen, wie es ihren Vorurteilen über die Bayern zu entsprechen scheint. Einige dieser Redner sind auch noch selbst Bayern, wie etwa ebenjener Pronold, der CSU-Dobrindt oder der linke Ernst. Ihre selbstgeschnitzte Haut-den-Lukas-Rhetorik wirkt, als seien sie dem Personalpool "Heimatkomödianten" der Arbeitsagentur Rosenheim entwichen.

Seehofer also gab den, der er ist: Bayerns Ministerpräsident. Sein Vorstoß zur Aufnahme der deutschen Sprache in die Landesverfassung gefällt den CSU-Anhängern, wird aber wegen der dafür nötigen Zweidrittelmehrheit im Landtag real folgenlos bleiben. Und Seehofers 34. Neuauflage der Leitkulturdebatte wird nun etwa drei bis sechs Tage die Talkshows beschäftigen, die Netzgemeinde etwas länger.

Freunde wie Gegner Seehofers wissen, dass er als Modelleisenbahner kreativer ist denn als Redner. Einmal im Jahr muss er Passau bewältigen. Er hat es auch diesmal wieder getan, allerdings bereits angeleuchtet von jenem milden Abendlicht, in dem sich der Austragsbauer auf dem Bankerl wärmt.

Die Affäre Guttenberg erwähnte Seehofer nur relativ kurz und nutzte sie fast gar nicht. Sicher, schon die erste Nennung des Namens führte zum längsten Applaus des Tages. Als Seehofer ankündigte, dass er für Guttenbergs politisches Comeback arbeiten werde, gab es den zweitlängsten Applaus. Jenseits der Freundschafts- und Solidaritätsbekundungen aber nahm Seehofer die Causa Guttenberg kaum zum Anlass, den politischen Gegner, die Medien, die Gesellschaft oder den Werteverfall zu geißeln.

Natürlich weiß einer wie Seehofer, dass eine entsprechende Suada vor diesem Publikum Begeisterungsstürme entfesselt hätte. Offenbar aber wollte er weder die Begeisterung für Guttenberg weiter befeuern, noch hatte er Interesse, ein wenig Pogromstimmung zu entfachen. Man könnte es fast kleine Größe nennen, dass Seehofer es an diesem Aschermittwoch Grünen und Linken überließ, sich über die Affäre Guttenberg zu ereifern.

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