Holzblasinstrumentenmacherin Eine der letzten ihrer Zunft

Bei der Reparatur einer Klarinette mit Bunsenbrenner und Flüssigkleber leimt sie Pölsterchen aus Filz und Leder an die Tonklappen.

(Foto: Renate Schmidt)

Für den Erfolg als Berufsmusikerin hat sie zu wenig geübt - und sich für das Handwerk entschieden. Nun ist Sophia Schindlbeck Bayerns beste Holzblasinstrumentenmacherin.

Von Korbinian Eisenberger

Die Klarinette der Musikantin Maria Holz hörte sich länger nicht mehr wie ein Holzblasinstrument an. Eher wie eine schlecht geölte Kellertür. So kam es, dass die Anzingerin sich auf die Suche begab, hinauszog in die Region, auf der Suche nach Instrumentenmachern. Die 62-Jährige wurde fündig, irgendwo im Kreis Ebersberg. Allerdings waren die Klappen nach der Überholung schnell wieder locker. "300 Euro habe ich bezahlt, aber gequietscht hat sie immer noch." Was sehr unvorteilhaft ist, wenn man wie Maria Holz eine tragende Säule einer Musikkapelle ist. Und so suchte sie weiter - und landete in einer zweiten Werkstatt.

Das Reich von Sophia Schindlbeck fängt zehn Kilometer hinter Markt Schwaben an. In Moosinning, im südlichen Landkreis Erding hat sich die 27-Jährige eine kleine Werkstatt eingerichtet, wo sie Klarinetten, Oboen oder Fagotte herrichtet. Hier arbeitet die Markt Schwabenerin seit knapp zwölf Monaten, drei Jahre hat sie sich dafür zur Holzblasinstrumenten-Macherin ausbilden lassen. In ihrer Werkstatt übt sie einen Beruf aus, den in Bayern kaum mehr einer lernt. Schindlbeck ist eine der letzten ihrer Zunft.

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Ein Kammerl in einem Bauernhaus in Moosinning, unweit der monströsen Erdinger Therme. Hier ist gar nichts monströs, im Gegenteil: Die Werkstatt besteht aus einem Schrank und einem Holztisch. Davor sitzt eine zierliche Frau auf einem Stuhl und leimt Filzpolster auf eine Tonklappe. "Wenn ein Instrument nicht gescheit dicht ist, kann man die Töne nicht mehr richtig spielen", sagt sie. Deswegen ist das Instrument der Klarinettistin Maria Holz nun auf ihrem Tisch gelandet.

Schindlbeck hat eine Urkunde an der Wand hängen, ihre Auszeichnung zur besten Holzblasinstrumentenmacherin im Freistaat, verliehen vom Bayerischen Handwerkstag. Auf der Urkunde steht ihr Familienname "Gell", mittlerweile hat die 27-Jährige nach Moosinning im Nachbarlandkreis Erding geheiratet - und sich dort ihre Werkstatt eingerichtet. Zwei weitere Instrumente liegen bereit: Noch eine Klarinette, sie ist bereits repariert. Und ein Saxofon, hier wünscht der Kunde eine Generalüberholung. Ansonsten ist die Auftragslage überschaubar, seit sie ihren Beruf in Vollzeit ausübt. "Alles andere hätte mich aber im ersten Jahr auch überrascht", sagt sie.

Bedarf dürfte allerdings reichlich bestehen. Gerade in der Region gibt es kaum mehr jemanden, der das Handwerk so beherrscht wie sie. Beim bayerischen Landeswettbewerb etwa schaffte Schindlbeck als einzige überhaupt die Qualifikation - beim Wettbewerb musste sie dann mehrere Handgriffe demonstrieren, ohne Konkurrenz. "Wenn ich es verbockt hätte, hätten sie mir den Preis aber nicht gegeben", sagt sie. Die Urkunde hängt, doch das Geschäft könnte besser laufen.

Aus der Musikantin wurde eine Wiederherstellerin

Schindlbeck hat die Haare zum Zopf gebunden, damit nichts an den Klappen und Griffen hängenbleibt. Das Instrument gehört Maria Holz, eine Erstkundin, wie so viele. Bevor Schindlbeck loslegen kann, baut sie die Klarinette auseinander. Dann kommt alles in einen Ultraschall-Cleaner, zur Erstreinigung. Schindlbeck geht sehr genau vor, prüft jedes einzelne Tonloch, entfettet es mit Azeton und schließt Risse mit einem Flüssigkleber. Alles sieht wieder wie neu aus. Jede Stelle des Instruments wird geölt und poliert, dann baut sie die Metallteile wieder ans Holz, prüft millimetergenau die Stellung, und beklebt die Klappen mit nagelneuen Pölsterchen aus Leder und Filz.

Gleich neben dem Werkstatttisch steht ein Notenständer mit einem Liedblatt darauf. Schindlbeck schmiert Klarinetten nicht nur mit Öl ein, sie spielt das Instrument auch und ist Mitglied im Münchner Ärzteorchester. Sie weiß wahrscheinlich recht genau , wie es ist, wenn eine Klappe das Tonloch nicht ordentlich zudeckt. "Viele machen den Fehler, dass sie die Achsen festschrauben bevor sie richtig eingestellt sind", sagt sie.

Sophia Schindlbeck, 27, in ihrer Werkstatt in Moosinning.

(Foto: Renate Schmidt)

Wie aber kommt man dazu, wie wird aus einer Musikantin eine Herstellerin - oder besser gesagt Wiederherstellerin, selbst Instrumente zu bauen ist zu aufwendig, als dass es sich rentieren würde. Warum also macht jemand das? Schindlbeck lächelt, fast schuldbewusst spielt sie mir ihren Haaren. "Ich war einfach zu faul zum Üben", sagt sie. Es hätte nicht gereicht, um von der Musik zu leben. Und so ging sie diesen Weg, der ihr bereits mehrere Auszeichnungen einbrachte. Drei Jahre dauerte ihre Ausbildung, bei einem Instrumentenmacher in Peiting im Landkreis Weilheim-Schongau.

An einer Klappe fehlt noch das Pölsterchen, Schindlbeck hat Hunderte davon in einem Schrank sortiert, in verschiedenen Größen und Stärken. Um die drei Euro kostet allein das Material für eines der Pfennig-großen Polster. Bis zu 15 Stunden werkelt sie an ihrem Tisch, ehe eine Oboe, ein Fagott oder Saxofon wieder hergerichtet ist.

Maria Holz aus Anzing hat ihre Klarinette mittlerweile wieder abgeholt. Die Rechnung beläuft sich am Ende auf 470 Euro, "natürlich ist das viel Geld", sagt Holz. Doch bei einer Klarinette, die wie ihre im Neuzustand 2500 gekostet hat, "da muss es einem das wert sein", findet sie. Ihr Musikinstrument glänze wie neu sagt sie - und quietschen hört man bei ihr daheim in Anzing nur noch die Kellertür.

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