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Hobbithaus in Hohenthann:"Aufgeben kommt nicht in Frage"

Hobbithaus

Der Kampf um Mittelerde geht langsam auf sein Ende zu. Alois Riederer hofft, dass sein naturverträgliches Projekt eine glänzende Zukunft hat. Die Auflagen des Landratsamts sprechen dagegen.

(Foto: Hans Kratzer)

Vor einigen Jahren hat der Schreiner Alois Riederer ein Fantasiegebäude aus Holz und Lehm errichtet. Nun soll das Hobbithaus abgerissen werden und er versteht die Welt nicht mehr.

Von Hans Kratzer

Robuste Baudenkmäler mehren den Glanz der im Landkreis Landshut gelegenen Gemeinde Hohenthann. An jeder Ecke strahlen dort Wallfahrtskirchen und Schlösser, und über allem thront eine Burganlage mit einer Zwingermauer. Weitaus bescheidener präsentiert sich dagegen das zurzeit berühmteste Gebäude von Hohenthann, das sogenannte Hobbithaus, das sich in einem Siedlungsgarten hinter Obstbäumen und Holzstößen versteckt. Nicht einmal von der daran vorbeiführenden Straße aus ist es zu erahnen.

Vor einigen Jahren hat der Schreiner Alois Riederer dieses kuriose Gebäude errichtet. Zugegeben, das geschah weitgehend freistilmäßig, zuletzt sah es eben wie ein Hobbithaus aus und war alsbald ein gefundenes Fressen für unzählige Medien. Damals war für Alois Riederer die Welt noch in Ordnung, er lebte für seine Träume. Tatsächlich hatte er ein Fantasiegebäude geschaffen, das in dieser Form kein zweites Mal existiert. Der Name Hobbithaus drängte sich förmlich auf, denn der Bau erinnert sofort an den Roman "Der Hobbit" von J. R. R. Tolkien aus den Dreißigerjahren, der im fiktiven Kontinent Mittelerde spielt, wo die Hobbits ebenfalls in solch formenreich geschwungenen Gebäuden leben. Hobbit-affine Gäste aus aller Welt weilten bereits in Riederers Garten, um das Haus zu bestaunen.

Doch ähnlich wie im Roman die Welt der Hobbits in Unordnung gerät, verhält es sich auch mit dem Hobbithaus in Hohenthann. Riederers Euphorie ist längst verflogen. Stattdessen wirkt er todunglücklich, weil er das aus Holz und Lehm errichtete Haus abreißen soll, so verlangt es das Landratsamt in Landshut. Der daraus entbrannte Streit hat heftige Formen angenommen. Die Fronten sind dermaßen verhärtet, dass die Sache demnächst "gerichtsmassig" wird, wie man diese Art von Zerwürfnis im hiesigen Dialekt beschreibt.

Tief bedrückt steht Riederer in seinem großen Garten, der - neben dem Hobbithaus - mit Holzskulpturen, Holzbänken, Holzgeräten und sogar mit einer Kegelbahn üppig bestückt ist. Er sagt, er verstehe die Welt nicht mehr, das Haus sei sein Lebenswerk, jetzt gehe es um Bürokratie oder Kunstfreiheit. "Aufgeben kommt nicht in Frage", sagt er so bestimmt, wie man es von einem Naturburschen wie ihm durchaus erwartet. Er trägt auch im kühlen November nur ein T-Shirt, manche sehen in ihm gar einen Doppelgänger des supercoolen Schauspielers Terence Hill.

Küche, Schlafzimmer und Wohnzimmer sind wie Kunstwerke gestaltet

"Ich hab das so bauen müssen", sagt Riederer, als er mit einem überdimensionalen Schlüssel die Tür zum Hobbithaus aufsperrt, sie besteht aus einem von der Natur grandios verwrungenen Baumstamm. Der Blick nach innen zeigt die Konstruktion des Gebäudes, die vom Stamm eines mächtigen Apfelbaums und seinen Verzweigungen getragen wird. Fremde dürfen das Haus nicht betreten. Riederer betrachtet es als ein Geschenk der Natur. "Sie gibt mir Zeichen, und ich folge ihr", sagt er. Nein, er sei kein Esoteriker. Aber er habe gelernt, mit der Natur zu leben und sie als Vorbild zu sehen. Was daraus folgt, kann man in seinem Wohnhaus studieren. Es ist innen nicht weniger ungewöhnlich konzipiert als das Hobbithaus. Küche, Schlafzimmer und Wohnzimmer sind wie Kunstwerke gestaltet, die Wände sind mit Moos, Rinde und Blättern verkleidet, der Holzboden ist mit Bienenwachs verfugt, Lampen aus Quarz und Bernstein spenden ein magisch wirkendes Licht.

Der Streit mit dem Amt hat Riederers Weltbild dermaßen erschüttert, dass er sich schnell in Rage redet in diesen Tagen. Wenn er aufgeregt ist, redet er freilich so schnell, dass er Silben verschluckt und kaum noch zu verstehen ist. Er sagt, er habe alle Auflagen erfüllt, Abstandsflächen eingehalten, Gutachten zum Brandschutz und zur Statik erstellen lassen und gehofft, es passe jetzt alles, um die Baugenehmigung zu bekommen. Umso weniger versteht er, warum das Landratsamt jetzt plötzlich ein neues Argument vorbringe: dass sich der Bau nicht in die Landschaft einfüge und das Maß der baulichen Nutzung im Garten überschritten sei.

Fast alle Nachbarn hätten in ihren Gärten mehr Fläche überbaut als er, sagt Riederer, überdies hätten Gemeinde und Nachbarn seine Pläne unterschrieben und ihnen zugestimmt. Auch von prominenten Naturfreunden wie dem Musiker Hans-Jürgen Buchner, dem Liedermacher Fredl Fesl und dem Extremkletterer Alexander Huber erfährt er Unterstützung.

Der Landshuter Landrat Peter Dreier, der wie Riederer in Hohenthann lebt, entgegnet auf die Vorwürfe Riederers, vonseiten des Landratsamts liege kein böser Wille vor, "weiß Gott nicht. Wir haben sehr wohl nach Möglichkeiten gesucht, eine gesetzeskonforme Lösung zu finden. Aber es geht einfach nicht - aus der Sicht unserer Bauverwaltung stehen dem Hobbithaus schlicht und ergreifend zwingende Sicherheitsvorschriften entgegen." Riederers Anwalt Armin Reiseck wendet ein, sein Mandant sei stets davon ausgegangen, er dürfe ein Kunsthaus bauen. Auch um den Hundertwasserturm in Abensberg sei lange gestritten worden, dann sei er als Kunstobjekt genehmigt worden, jetzt sei er eine Attraktion. "Warum sollte das nicht auch in Hohenthann möglich sein?"

Beim Blick über den Gartenzaun wird Riederer grundsätzlich. Hohenthann, sagt er, halte einen Rekord. "Wir haben die größte Schweinedichte in Bayern. Der Nitratgehalt des Grundwassers steigt durch die Ausbringung der Gülle auf die Felder." Er versteht nicht, warum umweltbelastende Schweineställe in das Landschaftsbild passen, das Hobbithaus aber nicht, obwohl es mit Naturmaterialien gebaut wurde, die Umwelt nicht belaste, kein Profitdenken dahinter stecke und es Vorbildfunktion für den Klimaschutz habe. "Hier wird nicht mit dem gleichen Maß gemessen", klagt Riederer und endet mit dem Wort "Ich habe fertig!", wie es einst der wutbebende Fußballtrainer Giovanni Trapattoni vor laufenden Kameras tat. "Mein Kampf um Mittelerde hat gerade erst begonnen", sagt Riederer. Ein Kampf, den nun das Verwaltungsgericht entscheidet.

© SZ vom 21.11.2020/kafe/van
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