Hohe Suizidrate in Bayern Zahl der Selbsttötungen bei alten Leuten steigt

Auch die fehlende psychologische und psychiatrische Betreuung kann eigentlich nicht verantwortlich sein. Experten verweisen immer wieder darauf, wie wichtig es sei, dass Lehrer, Jugendarbeiter oder Altenpfleger darin geschult werden, einen sich andeutenden Suizid zu erkennen, um schnell professionelle Hilfe heranzuziehen. "Bayern hat in diesem Bereich schon immer viel getan", sagt Schmidtke. Unter Leitung des bayerischen Gesundheitsministeriums formiert sich derzeit ein "Expertenkreis Psychiatrie", der sich auch mit der Suizidprävention beschäftigen soll.

Die Forschung hat gezeigt, dass sich in Gesellschaften, die Selbsttötungen traditionell moralisch verurteilen, weniger Menschen das Leben nehmen als in solchen, die Suizid eher akzeptieren. Im christlich geprägten Bayern spricht auch dieser Faktor für eine niedrige Suizidrate. Als Agrarland müsste der Freistaat zudem der Theorie zufolge ebenfalls eher niedrige Zahlen aufweisen.

Fakt ist, dass die Zahl von Selbsttötungen bei älteren Menschen steigt. Zwar liegt der Anteil der über 60-Jährigen im Freistaat niedriger als im Bund. Doch gibt es einzelne Bundesländer, in denen wesentlich weniger Alte leben als in Bayern. Rechnet man diese unterschiedliche Altersverteilung nun aus den Zahlen heraus, ergibt sich ein etwas anderes Bild: Bayern liegt dann im Ländervergleich immerhin nicht mehr an erster, sondern nur noch an dritter Stelle - knapp hinter Thüringen und Bremen.

Auch innerhalb Bayerns lässt sich dieser Effekt beobachten. Manfred Wolfersdorf, Chefarzt der Bayreuther Klinik für Psychiatrie, erklärt die hohen Fallzahlen im Grenzgebiet zu Tschechien mit der Abwanderung junger Menschen. Wo hauptsächlich Ältere zurückbleiben, begehen mehr Menschen Suizid. Hohe Zahlen weisen auch das Berchtesgadener Land und das niederbayerische Regen auf. Eine einfachere Erklärung gibt es für Weiden in der Oberpfalz, wo seit langem die meisten Selbsttötungen Bayerns gezählt werden. Dort steht eine psychiatrische Klinik.

Angesichts ihrer eigenen Ratlosigkeit tun die Experten sich schwer, Forderungen an die Politik zu stellen. Nur eines fällt Psychiater Schmidtke ein: "Die Politik muss uns mehr dabei unterstützen, Hotspots zu entschärfen." Es hat sich nämlich gezeigt, dass an bestimmten Brücken, Türmen oder Bahngleisen immer wieder Suizide vorkommen. Sperrt man solche Orte ab, weicht nur ein kleiner Teil der Menschen, die hier Suizid begehen wollten, an einen anderen Ort aus. Die meisten können gerettet werden.