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Hofer Filmtage:Hybrid ist die Hoffnung

54. Internationale Hofer Filmtage
20. bis 25. Oktober 2020

Die Doku "Kinomann" aus dem Festivalprogramm kann exemplarisch für das Motto der Hofer Filmtage stehen: Kino zuerst!

(Foto: MADI/Hofer Filmtage)

Kino und Streaming müssen sich nicht ausschließen. Wie zwei Welten fruchtbar fusionieren, sollen die Hofer Filmtage zeigen. Deren 54. Ausgabe startet als duales Modell

Von Bernhard Blöchl

Zur Generalprobe schenkt sich Thorsten Schaumann erst mal ein Bier ein. Vor 34 Zuschauern des Live-Stream-Formats "Gast-Hof" sagt der Künstlerische Leiter der Hofer Filmtage sodann in die Kamera: "Ich fühle mich wie in den Anfängen des Privatfernsehens." Alles sei sehr aufregend in diesen Tagen, Schaumann spricht von "Kinderkrankheiten" und "diversen technischen Herausforderungen", denen sich sein Team stellen müsse. Über die Anzahl der Online-Zuschauer sagt er: "mehr als das Testbild früher".

An diesem Dienstag wird die 54. Ausgabe jenes bundesweit relevanten und vor allem für den jungen deutschen Film so wichtigen Festivals eröffnet. In mehreren Kinosälen der oberfränkischen Stadt - so es die Corona-Polizei tagesaktuell erlaubt. Zum Auftakt läuft "Und morgen die ganze Welt", das in Venedig uraufgeführte Politdrama von Julia von Heinz. 71 Lang- und 54 Kurzfilme sind insgesamt zu sehen (2019 waren es 141), darunter Spiel- und Dokumentarfilme aus aller Welt. 55 Weltpremieren sind dabei sowie 59 Deutschlandpremieren. Auch die wichtigsten Preise, darunter der Hofer Goldpreis und der Filmpreis der Stadt Hof, werden vergeben.

Besonders herausfordernd ist diese im Corona-Herbst stattfindende Edition deshalb, weil sie als "duales Modell" über die Bühne gehen soll. "Hof goes Double Feature", so der offizielle Slogan. Zum einen wird es also Präsenzvorführungen im Kino nach den geltenden Hygiene-Vorschriften geben (20. bis 25. Oktober); zum anderen können die Festivalfilme erstmals auch zu Hause geschaut werden, online über eine "On Demand"-Plattform auf Abruf (bis 1. November). Und hier kommt die Technik ins Spiel: Zwar ist man diesbezüglich gefühlt Lichtjahre entfernt von den Anfängen des Privatfernsehens. Doch schief gehen kann bei Digitalpremieren immer irgendetwas, man denke da nur an Serverüberlastungen, Streamstörungen oder eine mangelhafte Netzqualität.

Zu den technischen Neuerungen gehört auch das eingangs skizzierte Format "Gast-Hof". Jeden Abend, geplant um 23 Uhr, gibt es eine kostenlose Live-Übertragung von Gesprächen mit Gästen aus Hof ins Netz. "Wir werden das erste Festival mit einem Late-Night-Talk sein", verspricht Thorsten Schaumann beim Treffen in einem Münchner Café vor wenigen Tagen. "Wir gestalten die Gespräche interaktiv, per Chat können sich alle beteiligen." Was Hof ausmacht, ist Nähe und Begegnung. Das weiß jeder, der schon mal im Bratwurstdampf der Innenstadtbuden über soeben gesehene Festivalfilme diskutiert hat. Schaumann sagt: "Die große Umarmung ist heuer eben virtuell."

54. Internationale Hofer Filmtage
20. bis 25. Oktober 2020

Seit Herbst 2017 ist Thorsten Schaumann Leiter der Hofer Filmtage. Für 2020 schwebt ihm "das bestmögliche Festival unter den gegebenen Umständen" vor.

(Foto: Peter Fröhlich/Hofer Filmtage)

Der Optimismus im Team ist groß. Er muss groß sein in einer krisengebeutelten Branche wie dieser. "Wir finden statt!", diese Parole hört man immer wieder. Sie soll Mut machen und motivieren. Thorsten Schaumann sagt aber auch: "Manchmal könnte man schon fluchen." Immer wieder musste er Überzeugungsarbeit leisten in diesem irren Jahr, musste Finanzierungspläne anpassen und in Video- und Telefonkonferenzen über die jüngsten Veränderungen diskutieren. Früh war dem Festivalchef klar, dass er "einen Plan B" entwickeln musste. B wie Bits und Bytes, wenn man so möchte. Folglich wurde bereits im April entschieden, dass es auch eine Online-Variante des Festivals geben würde. Ein eigenes "Stream-Team" kümmert sich nun um die Umsetzung. Dazu gibt es Einzel-, Fünfer- und Zehnertickets sowie eine Kurzfilm-Flatrate. Ein paar Bedingungen gibt es auch: Die Streams funktionieren nur in Deutschland, und einige Filme werden zeitlich und in der Anzahl limitiert sein. "Das hängt auch mit den Fördergesetzen zusammen", erklärt Schaumann. Resümierend sagt er: "Die Lage ist, wie sie ist. Wir machen das bestmögliche Festival unter den gegebenen Umständen."

Thorsten Schaumann, Jahrgang 1968, ist ein Mann, der die Herausforderung liebt. Schon im März 2016, als der Festivalgründer Heinz Badewitz plötzlich starb, hat sich der Münchner "in einer krassen Situation" wiedergefunden. Zusammen mit den Co-Kuratoren Linda Söffker und Alfred Holighaus gelang dem filmaffinen Kaufmann das scheinbar Unmögliche: Ein Festival am Laufen zu halten, das jahrzehntelang von einer einzigen Person geprägt war. Seit 2017 ist Schaumann alleiniger Leiter des Festivals, das Wim Wenders einst mit seiner Formulierung, Hof stehe für "Home Of Films", geadelt hatte. Nun muss Thorsten Schaumann erneut einiges neu erfinden. "Dieser extrem positiv motivierte Antrieb, immer weiterzumachen", wie er seinen Motor nennt, hilft ihm dabei.

54. Internationale Hofer Filmtage
20. bis 25. Oktober 2020

Die Doku "Caught In The Net" illustriert den digitalen Part des analog-digitalen Nebeneinanders der Filmtage.

(Foto: Milan Jaro/Hofer Filmtage)

Jetzt also die erste Hybrid-Edition. Es gibt ein geringeres Budget, weniger Leute und voraussichtlich mehr Belastung für den einzelnen. Es gibt etwas weniger Filme und Vorführungen, dafür viel mehr Regeln und Vorschriften. Regeln, die sich täglich verändern könnten. Mit dem Festsaal der Freiheitshalle und dem Großen Saal der Bürgergesellschaft gibt es zwei neue Spielstätten, damit sich nicht alle Besucher um die etablierten Kinos Central und Scala scharen. Interner Erwartungsdruck sei da, durchaus, aber Potenzial auch. "Wir gehen jetzt breit, wir gehen jetzt national", sagt Schaumann stolz. Wie stark das Programm auch online angenommen werden wird, darüber möchte er nicht spekulieren.

Fest steht, dass Hybrid-Modelle stark im Kommen sind. Das Dok-Fest München, das im Mai großen Zulauf bei seiner reinen Online-Edition verzeichnen durfte, könnte 2021 ebenfalls hybrid stattfinden, wenn es nach den Vorstellungen des Leiters Daniel Sponsel geht. Und auch die Chefs des Filmfests München, das im Sommer ausfallen musste, jedoch in einem Autokinoableger Präsenz zeigte, überlegen dahingehend.

Für seinen Hofer Digital-Analog-Mix hat Thorsten Schaumann klare Vorstellungen. "Erst nach der Präsenzvorführung im Kino kommt der Film auf Hof on demand." Die Devise heißt also nicht: digital first, wie Content-Manager landauf landab predigen, sondern: Kino zuerst! Ausgewählte Premieren mit den beliebten Regiegesprächen werden live gestreamt, zum Beispiel die Eröffnung mit Julia von Heinz. Die HFF-Professorin wird ebenso in Hof erwartet wie die renommierte Kollegin Emily Atef ("3 Tage in Quiberon"), die ihren neuen Film "Jackpot" zeigt, der mit Rosalie Thomass, Thomas Loibl und Friedrich Mücke prominent besetzt ist. Auch der Österreicher Ludwig Wüst kommt persönlich vorbei, dem ein eigenes Special gewidmet ist. Neue Filme gibt es auch von Wolfgang Ettlich und Peter Heller. Junges und Wildes prägen die Themenschwerpunkte Frauen, Familie, Jugend und Politik. Es gibt Filme über Roger Cicero, das Haldern-Pop-Festival und die Ende September verstorbene Sängerin Helen Reddy. Schräges kommt unter anderem aus Island: In "Thirst" geht es um einen alternden schwulen Vampir.

Einiges in Hof ist also wie immer. Angeblich soll es sogar das legendäre Fußballspiel geben. Auf eines aber hat man bewusst verzichtet: auf eine Retrospektive. Denn wie sagt Schaumann so schön: "Mein Blick geht jetzt nach vorn."

54. Internationale Hofer Filmtage, Di., 20., bis So., 25. Okt., diverse Kinos und Säle in Hof; Hof On Demand, bis So., 1. Nov., www.hofer-filmtage.com

© SZ vom 20.10.2020

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