Das „Home of Films“ hat kein Zuhause mehr. Das klingt vielleicht etwas dramatisch, so kann man aber die aktuelle Lage in der oberfränkischen Stadt Hof zusammenfassen: Hof, das stehe für „Home of Films“, sagte Wim Wenders einmal, entsprechend oft kehrte der deutsche Regisseur mit Weltruhm zu den Internationalen Hofer Filmtagen zurück. Das Zuhause-Gefühl stellte sich in dieser einen knappen Woche im Oktober automatisch ein, bei Filmgesprächen und Familienatmosphäre, bei Bier, Bratwürsten und Fußballspielen, bei der vielbeschworenen Herbstschau des deutschen Kinos.
So wird es auch dieses Jahr wieder sein, die Hofer Filmtage haben eine lange Tradition – selbst wenn Wim Wenders länger nicht mehr da war. Trotzdem ist bei der 59. Festivalausgabe etwas anders: Das Scala Kino gibt es nicht mehr, es wurde Anfang des Jahres geschlossen. Im großen Saal mit dem roten Samtvorhang und den roten Sesseln wurde der Eröffnungsfilm gezeigt, für das treue Hof-Publikum trug er entscheidend zum Filmtage-Gefühl bei. Auch die restlichen Festivaltage pendelte man regelmäßig zwischen den nahe gelegenen Kinos Scala und Central hin und her. Was aus dem leerstehenden Gebäude mit seinen vier verlassenen Kinosälen werden soll, ist unklar. Dass nicht nur in Hof, sondern überall in der Republik Kinos schließen müssen, ist nochmal ein ganz anderes Thema.
Jedenfalls mussten die Organisatoren der Hofer Filmtage kurzfristig umdisponieren: Das Central Kino steht zum Glück weiter zur Verfügung, so wie in all den Jahren zuvor. Neu hinzugekommen sind die nahe gelegenen „Pop-up-Kinos“ in der Neustädter Turnhalle, im Haus der Musik, in der Arts Avenue sowie im Festsaal der Freiheitshalle. Dort werden auch am 21. Oktober die Filmtage eröffnet: Gezeigt wird der deutsche Dokumentarfilm „Über Unterbiberger“ über die Musikerfamilie Himpsl aus Unterbiberg, einer Gemeinde im Landkreis München. Der Filmemacher Matthias Ditscherlein hat die Familie zuhause und auf ihren vielen Reisen begleitet, er zeigt sie bei Konzerten und hinter den Kulissen, sie spielen bayerische Volksmusik und kombinieren sie mit Jazz oder orientalischen Rhythmen.
Diese Verbindung von Tradition und Weltoffenheit erkennt man auch im restlichen Festivalprogramm, das sich aus neuen deutschen Kinofilmen, Kurz- und Dokumentarfilmen sowie internationalen Independent-Filmen zusammensetzt. Insgesamt 153 Produktionen stehen auf dem Spielplan, die allermeisten davon laufen zum ersten Mal in Deutschland. Hinzu kommen zahlreiche Sonderveranstaltungen, Filmgespräche, Branchendialoge oder das seit 1969 stattfindende Fußballspiel zwischen dem FC Filmwelt und dem FC Hofer Filmtage. Wer es nicht nach Hof schafft, kann bis 2. November über die Plattform plus7streamdays viele Filme nach ihrer Kino-Festivalpremiere online abrufen.
Die Hofer Filmtage haben in ihrer knapp sechzigjährigen Geschichte viele Gäste begrüßt, von internationalen Regiestars wie Jim Jarmusch, Mike Leigh oder Peter Jackson bis hin zu nationalen Star-Regisseurinnen wie Doris Dörrie, Maren Ade oder Caroline Link. Deutsche Schauspielprominenz trifft man eigentlich immer, dieses Jahr werden Nastassja Kinski, Erol Sander, Emma Bading, Nadeshda Brennicke oder Peter Lohmeyer erwartet. Dominik Graf kehrt mit seiner jüngsten Regiearbeit in die oberfränkische Stadt an der Saale zurück: Im Kurzfilm „Doppelgänger“ geht es um einen Münchner Studenten und seine Suche nach einem vermeintlichen Doppelgänger in der Stadt. Der 39-minütige Film wurde ohne Sender- oder Förderbeteiligung gedreht, ist also eine Independent-Produktion und passt damit perfekt zum Festival.

Denn dort geht es vor allem um Unabhängigkeit und Entdeckungslust – wer Glamour oder Champagner-Empfänge sucht, ist hier falsch. Selbst Stars wie Jarmusch & Co. strahlten zum Zeitpunkt ihres Besuchs noch nicht ganz so hell. Im internationalen Programm darf man sich auf neue Regiearbeiten von Tony Gatlif („Ange“), Diane Kurys („Moi qui t’aimais“) oder Tina Romero freuen. Die Tochter des Zombie-Großmeisters und Hof-Gasts George Romero ist mit ihrem Spielfilmdebüt „Queens of the Dead“ vertreten, darin vermöbeln Dragqueens und Club-Kids untote Quälgeister.
Die deutschen Spiel- und Dokumentarfilme kreisen um Themen wie Aufbruch, Akzeptanz und die Suche nach Zugehörigkeit in einer sich rasant verändernden Welt. In Björn Schürmanns Spielfilmdebüt „Balance“ verbringen ein Vater und seine Tochter mehr Zeit miteinander, als ihnen lieb ist, in der Dystopie „Sunny“ von Silke C. Engler lässt sich ein Paar bei einem Digital-Detox-Wochenende Mikrochips implantieren, in Piotr J. Lewandowskis Drama „Unspoken“ geht es um einen Missbrauch unter Männern.

Bei den Dokumentarfilmen sticht die jüngste Arbeit von Stanislaw Mucha hervor, er erzählt in „Manche mögen’s falsch“ von Chinesen, die Kunstwerke von Rembrandt, Van Gogh oder Gerhard Richter zum Discount-Preis nachmachen. „Langhans – Ein letzter Dokumentarfilm“ von Marco Papadopoulos zeigt die 68er-Ikone Rainer Langhans, wie er sich im Sterben übt. Und in „Kinoleben – Über das Tübinger Arsenal und andere Programmkinos“ erzählt Goggo Gensch von etwas, was die Hofer mit ihrem Scala Kino selbst gerade erlebten: Traditionskinos schließen und hinterlassen eine große Lücke.
Hof, das ist Vergangenheit und Zukunft, das sind junge Filmemacher, die hier erste Schritte machen und altgediente Kinoenthusiasten, die regelmäßig zum Festival zurückkehren. Anlässlich des 80. Geburtstags des jung verstorbenen Regie-Rebells Rainer Werner Fassbinder wird auch dieser im aktuellen Hof-Jahrgang geehrt. Fassbinder war zwar kein Fan der Filmtage („Hof bleibt doof, da helfen keine Filme“), das hielt ihn aber nicht davon ab, seine Filme hier zu zeigen. 1970 stellte er „Götter der Pest“ bei den Filmtagen vor, 55 Jahre später wird der Film in Anwesenheit von Hauptdarsteller Harry Baer wiederaufgeführt.
59. Internationale Hofer Filmtage, Dienstag, 21., bis Sonntag, 26. Oktober, Streaming bis 2. November

