Hochzeitsbräuche Erster Schritt ins Grab

Die Lust am Heiraten ist in Bayern ungebrochen. Doch die Riten ändern sich. Heute wird ein Event der Liebe gefeiert, früher ging es ums Geschäft und um den Tod

Von Hans Kratzer

Jährlich lassen sich in Bayern bis zu 25 000 Ehepaare scheiden. Die Lust am Heiraten ist dennoch ungebrochen, denn 60 000 Paare geben sich im Freistaat jedes Jahr das Ja-Wort. Viele Hochzeiten werden dabei zum emotional aufgeladenen Event und zum schönsten Tag im Leben hochstilisiert. Das war früher undenkbar. "Der Gang vor den Traualtar war für viele Frauen letztlich der erste Schritt ins Grab", sagt die Kunsthistorikerin Martina Sepp, die bei ihren Recherchen zum Wandel der bayerischen Hochzeitsbräuche auf bemerkenswerte Fakten und Zusammenhänge gestoßen ist - und auch auf längst vergessene Bräuche wie dem Myrtenkranz, den Hochzeiterinnen früher anstelle eines Brautstraußes trugen, um böse Geister abzuwehren.

Und doch gibt es noch alte Rituale, die bei Hochzeiten nach wie vor eine prägende Rolle spielen. Der urbayerische Hennentanz gilt zum Beispiel als Vorläufer der modernen Hen Party, eine Art Junggesellenabschied für angehende Bräute, zu uns herübergeschwappt aus den angelsächsischen Ländern. Eines der markantesten Insignien einer Hochzeit, das weiße Brautkleid, ist dagegen kein alter Brauch. Noch heute tragen Bräute im Tölzer Land bei der Hochzeit ein dunkles Gewand. Früher waren die Hochzeitskleider ausschließlich schwarz. Das bot viele Vorteile: Erstens konnte das Kleid an Festtagen weiterhin getragen werden. Zweitens waren helle Farben in Zeiten, als das Waschen noch eine mühsame Handarbeit war, viel zu empfindlich. Dass diese Gewänder wie eine Trauerkleidung aussahen, hatte seinen Sinn. Bis ins 20. Jahrhundert sind unzählige Mütter im Kindbett gestorben. Hochzeit und Tod lagen gefühlsmäßig eng beisammen, was im traurig dunklen Hochzeitskleid auf berührende Weise zum Ausdruck kam.

Früher sei in den seltensten Fällen aus Liebe oder auch nur aus freien Stücken geheiratet worden, sagt Martina Sepp, die ihre Forschungsergebnisse nun in einem Buch zusammengefasst hat. Bei einer Hochzeit handelte sich unmissverständlich um einen Vertrag zur gegenseitigen Absicherung. "Die Heirathen sind in der Regel nicht Herzens- sondern Geschäftssache", notierte der Schriftsteller Felix Dahn im Jahre 1860. "Wie viel moanst, dass an Mosbauern sei Cenz mitkriagt?" fragt logischerweise der Hochzeiter in Ludwig Thomas Stück "Der Heiratsvermittler".

Den Heiratsvermittler, auch Hochzeitslader genannt, gibt es immer noch. Auch wenn er die Eheleute nicht mehr zusammenbringen muss. Vor allem die weit gereisten Viehhändler wussten früher genau, wie groß die Höfe waren, wer wie viel zu vererben hatte und wessen Söhne und Töchter gut zusammenpassten. Entsprechend haben sie die Paare dann verkuppelt und die Einladung zur Hochzeit an die Familien und Nachbarn weitergetragen.

Mittlerweile bieten ganze Scharen von Hochzeitsladern ihre Dienste im Internet an. Sie bestehen vor allem darin, eine Hochzeit vorzubereiten und den Ablauf nach altem Zeremoniell zu organisieren. Eine Ausstellung im Bauernhausmuseum Amerang widmet sich zurzeit diesen brauchfesten Männern und Frauen, die auch auf Unvorhergesehenes reagieren müssen - egal ob ein Gast zu tief ins Glas geschaut hat oder ob die Tante auf dem Tanzboden ausgerutscht ist. Indem sie die Hochzeitsfeier oft mit markigen Sprüchen und Gstanzln anheizen, tragen sie freilich auch ihren Teil zur Eventisierung der Hochzeitsfeiern bei.

Ein Brautpaar um 1930 - mit der Braut im schwarzen Hochzeitskleid.

(Foto: Volk-Verlag)

Kaum zu glauben, dass einst mehr als die Hälfte der Bevölkerung von der Möglichkeit einer Hochzeit ausgeschlossen war. Eine solche wurde nur demjenigen gestattet, der eine Familie ernähren konnte. Ein Jungbauer durfte erst heiraten, wenn der Hof übergeben war, eine Bauerstochter hatte sich bei der Wahl des Hochzeiters ihrem Vater zu fügen, andernfalls verlor sie jeglichen Besitzanspruch.

Erstaunlich ist auch, dass ausgerechnet der Dienstag der bevorzugte Hochzeitstag war. Das lag am weit verbreiteten Aberglauben, galt doch nur der Dienstag als frei von Hexerei und Unheil. Undenkbar waren Hochzeitsfeiern in den Fastenzeiten vor Ostern und Weihnachten. Im Frühjahr und während der Erntezeit hatten die Bauern keine Zeit. Deshalb wurde bevorzugt im Fasching geheiratet oder im Oktober zwischen Kirchweih und Allerheiligen. Selbst die berühmteste bayerische Hochzeit, jene fürstliche Vermählung zu Landshut von 1475, fand im November statt. Im Oktober 1810 war die ähnlich legendäre Hochzeit des Kronprinzen Ludwig mit Therese von Sachsen-Hildburghausen. Sie markiert den Ursprung des Oktoberfests.

"Hochzeit im ländlichen Oberbayern", Ausstellung im Bauernhausmuseum Amerang, bis 7. Juni. "Das bayerische Hochzeitsbuch" von Martina Sepp ist im Volk Verlag erschienen (156 Seiten, 19,90 Euro).