Hochwasserschutz an der Donau Aktionismus im Angesicht der Fluten

In vielen Leuten, die an der Donau leben, brodelt es: Angesichts der Flutkatastrophe werfen sie vor allem der CSU Ignoranz vor. Jahrelang hat die Staatsregierung bei wichtigen Bauarbeiten am Fluss gezögert, jetzt soll alles ganz schnell gehen.

Von Christian Sebald

Natürlich brodelt es in Josef Thalhammer. Aber das lässt sich der Bürgermeister von Niederalteich nicht anmerken. "Ich stapfe gerade in meiner brusthohen Anglerhose über den überschwemmten Schulhof", sagt Thalhammer erstaunlich gelassen am Handy. Andernorts in Niederalteich stehen die Häuser bereits eineinhalb Meter unter Wasser.

Gut hundert Meter weiter, hinter dem Damm, der Niederalteich von der Donau trennt, tost der Strom. Die braunen Wassermassen schwappen bis an die Krone des Damms. Noch hält er der Flut stand. Nicht auszudenken, was passiert, wenn er bricht. "Die Welle würde unser Dorf wegfegen", sagt Thalhammer, und seine Stimme klingt scharf. "Dabei könnten wir längst einen richtigen Hochwasserschutz haben, wenn die Politiker ein Einsehen gehabt hätten."

So wie in Thalhammer brodelt es in diesen Katastrophentagen in vielen Leuten, die an der Donau leben. Sie werfen Bund und Land und damit vor allem der CSU jahrzehntelange Ignoranz vor. Manche sagen sogar, die Partei habe die jetzige Katastrophe billigend in Kauf genommen. Seit langem ist klar, dass der Hochwasserschutz in dem 64 Kilometer langen Flussabschnitt zwischen Straubing und Vilshofen völlig ungenügend ist. Dennoch ist, abgesehen von einigen Abschnitten, nichts passiert.

Der Grund ist der massive Ausbau der Donau für die Schifffahrt, den die CSU jahrzehntelang unbedingt durchsetzen wollte. Von Anbeginn knüpfte der Freistaat die Modernisierung des Hochwasserschutzes an den Bau von Staustufen und einen Seitenkanal an der Mühlhamer Schleife - egal wie sehr die Bevölkerung das Projekt bekämpfte. "Die Leute wurden in Geiselhaft genommen", sagt der Grünen-Politiker Christian Magerl. "Die Parole lautete: Hochwasserschutz gibt es nur, wenn der Ausbau kommt." Da aber der Ausbau nicht vorankam, wurde der Hochwasserschutz nicht auf den neuesten Stand gebracht.

Entsprechend marode sind die Dämme und Deiche bei Deggendorf. Nach Angaben der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) stammen sie aus den Jahren 1927 bis 1957 - die jüngsten sind 56 Jahre alt, die ältesten sind bald 90 Jahre alt. Sie sind außerdem nur für mittlere Hochwasser ausgelegt, wie sie bislang alle 20 bis 30 Jahre vorkamen. Die letzten Flutkatastrophen waren aber alle sogenannte hundertjährige Hochwasser. Die jetzige Flut erreichte bei Straubing einen Pegelstand von 7,95 Metern.

Auch technisch ist der Schutz längst überholt. "Bei hohen Wasserständen ist sogar die Standsicherheit der Deiche gefährdet", heißt es auf der Internetseite der WSV. Und natürlich sind auch keine Polder und Rückhaltebecken vorhanden, in die man Hochwässer ableiten könnte, um den Fluten die Spitze zu nehmen.

Wer denkt, die jetzige Katastrophe wäre für die Verfechter des massiven Donauausbaus ein Anlass zur Selbstkritik, der täuscht sich. Sie stehen zur Verknüpfung des Projektes mit der Modernisierung des Hochwasserschutzes. "Sie ist in der Erwartung geschehen, dass man schnell vorankommt - sowohl beim Ausbau wie beim Hochwasserschutz", sagt Ex-CSU-Chef Erwin Huber, der bis zuletzt für den Bau einer Staustufe und eines Kanals an der Mühlhamer Schleife kämpfte. "Außerdem ist sie sinnvoll, denn beides steht ja in engem Zusammenhang miteinander."

Ministerpräsident und Parteichef Horst Seehofer sieht das anders. "Es ist eine Tatsache: Die Kopplung des Hochwasserschutzes an den Donauausbau hat uns einige Probleme bereitet", räumt er ein. "Dass das 30 Jahre anders gelaufen ist, möchte ich jetzt nicht aus der Sicht von heute bewerten."

"Wir alle hier haben entsetzliche Angst"

Stattdessen verweist der Ministerpräsident darauf, dass mit dem endgültigen Verzicht auf Staustufe und Seitenkanal Anfang Februar nun endlich die Modernisierung des Hochwasserschutzes vorankommt. Umweltminister Marcel Huber kündigt an, dass die Baumaßnahmen noch dieses Jahr anlaufen. Allein in den Hochwasserschutz in Niederbayern will der Freistaat jetzt 600 Millionen Euro pumpen.

Natürlich sind der Niederalteicher Bürgermeister und die anderen Donauanlieger sehr erleichtert, dass sie jetzt sehr viel besser von künftigen Fluten abgeschirmt werden sollen. Doch momentan haben sie den Kopf dafür noch nicht frei. "Zwar geht das Hochwasser leicht zurück, aber wir alle hier haben entsetzliche Angst, dass der marode Damm nicht durchhält", sagt der Bürgermeister. "Wir können nur hoffen und beten."

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