Die „Rosenheimer“ sind überall. In Biel in der Schweiz zum Beispiel, im österreichischen Kuchl oder im kanadischen Vancouver – und das ist nur die akademische Theorie. Aber es geht ja vor allem um die Praxis, und in der Praxis sind überall dort, wo in großem Stil Holz verarbeitet wird, auch die Absolventinnen und Absolventen der Technischen Hochschule Rosenheim höchstens zwei oder drei Ecken entfernt. Dabei waren sie ganz am Anfang nur zu dritt.
Der erste „Rosenheimer“ in diesem Sinn war ein gelernter Zimmerer namens Ägidius Spitzl. Er war in der Zeitung auf eine Annonce gestoßen, wonach ein neues „Holz-Technikum“ sich der „Ausbildung von Werkmeistern, Technikern, Ingenieuren für Sägewerke und Holzindustrie“ widmen werde. Spitzl kündigte seine Stelle, machte sich im Zug auf den Weg nach Rosenheim und fragte dort im Sekretariat, wie viele Studenten sich wohl schon angemeldet hätten. „Da hat das Fräulein ein trauriges Gesicht gemacht und sagte: Bedauerlich – noch keiner.“ So heißt es in Spitzls Erinnerungen. Der Satz wird in diesem Jahr viel und gerne zitiert in Rosenheim, wo die Technische Hochschule heuer 100 Jahre alt geworden ist.

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Anno 1925 war das erste Holz-Technikum allerdings schon nach wenigen Monaten pleite. Denn die durchaus satte Studiengebühr von 180 Reichsmark zahlten anfangs eben nur drei Studenten, sodass der Gründer und Direktor des Technikums, der Bad Aiblinger Holzhändler Ernst Schlegel, Rosenheim und damit seine Gläubiger bald recht überstürzt hinter sich lässt. Doch die Zahl der Studenten – es waren immer noch ausschließlich Männer – ist inzwischen auf 22 gestiegen, weitere zwölf besuchen den abendlichen Meisterkurs.

Die Stadt Rosenheim und die Besitzer all der umliegenden Sägewerke, Holzhandlungen, Baufirmen und Maschinenfabriken engagieren sich doch noch mit Geld und einem Schulgebäude für das Technikum. Ägidius Spitzl verlässt Rosenheim im Frühjahr 1927 mit einem Abschluss in der Tasche, und auch sonst folgt eine Erfolgsgeschichte, die bis heute andauert.

War Rosenheim vor 100 Jahren noch ein Umschlagplatz für den Rohstoff Holz, der unter anderem in den Bergwerken des längst großräumig entwaldeten Ruhrgebiets gebraucht wurde, so lieferte die Stadt stattdessen schon bald eher Ingenieure. Das Holz-Technikum wurde 1943 vom Staat übernommen, Ernst Schlegels Nachfolger Hugo Laue hatten die damals regierenden Nationalsozialisten schon 1935 zum Rücktritt gezwungen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird schnell wieder unterrichtet, ehemalige Rosenheimer Studenten aus den USA sollen sich bei der Militärregierung der Alliierten dafür eingesetzt haben. Um zur Prüfung zugelassen zu werden, müssen alle Studenten noch mindestens 50 Stunden pro Semester Hand anlegen und die Gebäude und Lehrwerkstätten selbst wieder mit aufbauen.
Später zieht die „Staatliche Ingenieurschule für Holztechnik“ in Etappen auf die grüne Wiese am heutigen Rosenheimer Stadtrand hinaus, unter anderem in einen sechsgeschossigen Betonriegel im Stil der 1960er-Jahre. 1969 kommt zum Holz die Kunststofftechnik hinzu und in den 1970er-Jahren das Wirtschaftsingenieurwesen und die Innenarchitektur –und damit endlich auch eine nennenswerte Zahl an weiblichen Studierenden.

Seit 1971 heißt die Einrichtung „Fachhochschule“, damals als kleinste der zehn nagelneu eingerichteten FHs in Bayern. Wohnort- und praxisnahe akademische Ausbildung auch abseits der Großstädte, und Fachkräfte für die Firmen in der Region – so lautete grob die Idee hinter der Gründung der Fachhochschulen. In Rosenheim ist der Plan aufgegangen; auch wenn die Studierenden bei Weitem nicht alle aus der Umgebung kommen, sondern nach den Worten des Hochschul-Präsidenten Heinrich Köster neulich beim Jubiläums-Festakt „aus Bayern, Deutschland und der ganzen Welt“.
Köster selbst kam einst aus Westfalen und war in seinem ersten Semester bei der 50-Jahr-Feier der Hochschule dabei, als einer von damals rund 500 Studierenden. Nach dem Studium war er viel international unterwegs, ehe er 1997 an die Rosenheimer Hochschule zurückkehrte. Seit 2009 treibt er als Präsident deren Entwicklung voran, mittlerweile in seiner fünften Amtsperiode.

Die Hochschule, die seit 2018 mit Stolz den Zusatz „Technische“ führt, hat sich zuletzt weit in den Südosten Oberbayerns ausgedehnt. 2014 wurde ein Campus in der Kreisstadt Mühldorf eröffnet, wo sich heute Psychologie, Pädagogik der Kindheit und Soziale Arbeit studieren lassen. Zwei Jahre später begannen am Campus Burghausen die ersten Studiengänge rund um die Chemie, 2019 folgten die ersten Seminare in Traunstein, wo es vorrangig um Digitalisierung und E-Commerce geht.
Rund 1800 junge Menschen studieren inzwischen allein an den drei Außenstandorten, insgesamt sind an der TH Rosenheim in den verschiedensten Fächern knapp 8000 Studierende eingeschrieben – darunter neuerdings auch etwa 50 Doktoranden. Der Schwerpunkt liegt weiterhin auf dem Holz. Das wird auch der wichtigste Baustoff für den Technologiepark und das neue Studierendenzentrum sein, die seit einigen Monaten im Bau sind. Der Freistaat hat dafür 320 Millionen Euro eingeplant – aus seiner „Hightech Agenda“, denn schlicht und einfach geht es bei den Rosenheimer „Holzern“ schon seit 100 Jahren nicht mehr zu.

