Hochschul-Neubau der Architekten "Nürnbergs neues Schandmal"

Frustobjekt: 18 Millionen Euro hat der Bau gekostet, doch Studenten und Architekten halten ihn für völlig missglückt.

Angehende Architekten werden in Nürnberg in einem Neubau ausgebildet, der alle ästhetischen Maßstäbe unterschreitet. Professoren und Studenten sind entsetzt, doch der Klotz ist preisgekrönt.

Von Olaf Przybilla

Bomben haben Nürnberg schwer getroffen 1945, und wer heute durch die Stadt spaziert, dem wird das schmerzlich bewusst. Es ist die Architektur der 1950er Jahre, die maßgebliche Teile Nürnbergs dominiert. Man mag das bedauern. Zu ändern aber dürfte es auf absehbare Zeit kaum sein in der chronisch klammen Stadt. Für umso wichtiger könnte man es halten, dass nicht auch noch die Neubauten in der zweitgrößten Stadt Bayerns gesichtslos ausfallen. Und klar: Wenn die öffentliche Hand baut, gar der Freistaat Aufträge vergibt, müsste das umso mehr gelten. Sollte man meinen.

Nürnberg, Bahnhofstraße 90. Man kann dieses Gebäude an den Gleisen leicht übersehen, aber nicht, weil es so unauffällig wäre. Sondern weil das menschliche Auge offenbar trainiert ist, Beleidigungen wenn möglich auszublenden. In dieser Straße, sehr zentrumsnah gelegen, reiht sich eine architektonische Grobheit an die andere. Der Höhepunkt folgt neuerdings aber zum Schluss: Ein Bauwerk, dem es gelingt, selbst die ästhetischen Maßstäbe in dieser reizlosen Straße noch zu unterschreiten. Ein Klotz, der ein bisschen so aussieht, als hätte man den Praktikanten-Entwurf im Schnellkurs "Einfallfreies Bauen" verwirklicht. Ist das ein Billighotel? Ein Möbellager mit Fenstern?

Nein. In diesem Neubau am Gleisbett werden seit einem Semester künftige Architekten ausgebildet. Professoren der Technischen Hochschule Nürnberg lehren dort: die Kunst des Bauens.

"Es ist verrückt"

Josef Reindl lacht, es klingt ziemlich bitter. Reindl lehrt Architektur an der Technischen Hochschule, und natürlich fühlt er sich seinem Arbeitgeber grundsätzlich verpflichtet. Einen Anlass aber, mit seiner Meinung hinterm Berg zu halten, sieht er in dieser Angelegenheit nicht. Wer ihn nach der Ästhetik seines neuen Arbeitsplatzes fragt, hört ein Seufzen. Dann sagt er: "Hier sollte man eigentlich keine Architekten ausbilden." Und nach einer kurzen Pause: "Nein, ehrlich gesagt: Es ist verrückt."

Reindl ist ein eher nüchterner Typ, er unterrichtet Baukonstruktion und Bauabwicklung, da fordert man keine Wolkenkuckucksheime. Aber darum geht es bei dem neuen Bau auch nicht. Reindl braucht nur ein paar Momente, bis es förmlich aus ihm herausbricht: "Man fragt sich wirklich: Was ist denn hier los? Wir wollen und sollen hier Studenten die Sensibilität des Bauens beibringen. Dieser Fassade fehlt es an allem, an jedem architektonischen Detail. Hingerotztes 08/15-Bauen ist das, an Lieblosigkeit kaum zu übertreffen. Wenn ich ehrlich bin: Es ist eine Unverschämtheit." So kann man das sehen.