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Historische Reisen:Der englische Konsul in Kamerun ist gerade außer Haus

Nun aber geht es weiter, "es kommt das Hauptstück unserer Reise", schreibt Buchner: Kamerun. Die Möwe dampft auf das riesige Mündungsdelta des Kamerunflusses zu, rechts die Vulkaninsel Fernando Póo (heute Bioko), links der in Wolken gehüllte Mount Cameroon. In der Flussmündung verankert liegen die Hulks der europäischen Faktoreien - für die Deutschen sind das die Hamburger Handelshäuser Woermann und Jantzen & Thormählen.

Die Agenten dieser Firmen haben gründlich vorgearbeitet und Präliminarverträge mit den Häuptlingen der Duala abgeschlossen, die den Küstenstreifen des Landes beherrschen (nach ihnen ist die frühere Hauptstadt von Kamerun, Douala, benannt; heute ist Jaunde die Hauptstadt, französisch Yaoundé). "King Bell und King Akwa, denen Kamerun gehört, haben sich bereit erklärt, ihre Hoheit abzugeben an den King of Hamburg", schreibt Buchner. In Windeseile wird der Vertrag unterzeichnet, und schon einen Tag nach dem Einlaufen der Möwe in den drei Dörfern am Ufer des Kamerunflusses die kaiserliche Flagge gehisst.

Die Eile hat ihren Grund. Denn eigentlich, das wissen die Deutschen genau, ist Kamerun Einflussgebiet der Engländer. "Kamerun ist schon seit Jahren so zweifellos unter englischer Vormacht, dass die Engländer es unterließen, hier noch förmlich zu annektieren", weiß Buchner. Schon seit 30 Jahren gibt es hier einen englischen Konsul, der auch, gemeinsam mit den Häuptlingen, die Gerichtsbarkeit ausübt, "um in den ewigen Streitereien zwischen den Negern und Europäern seine Entscheidungen zu fällen".

Nur ist der Konsul, Hewett heißt er, gerade unterwegs, als die Deutschen handstreichartig ihre Flagge hissen. Fünf Tage später kommt Hewett an Bord des Kanonenboots Flirt zurück - fünf Tage zu spät. Er muss fortan mit dem Spitznamen "Too-late-consul" leben.

Gustav Nachtigal fährt mit der Möwe weiter nach Süden und lässt Max Buchner als "Interimistischen Vertreter des Deutschen Reichs" in Kamerun zurück. Da sitzt er nun, in einem winzigen Zimmerchen in der Faktorei des Hauses Woermann. "Zwei Revolver, ein Drilling, ein Repetiergewehr und eine Kriegsflagge waren die Machtmittel, die ich hatte. Man wusste nicht recht, was ich eigentlich sollte. Ich kaufte kein Palmöl, kein Elfenbein, ich hatte weder Zeug noch Pulver, noch auch köstlichen Schnaps zu vergeben, und war somit sehr wenig verwertbar."

Und nun zeigt sich, dass die Dinge doch viel komplizierter sind, als die Deutschen es sich in ihrem patriotischen Impetus ausgemalt hatten. Denn unter den Duala gibt es massiven Streit. Zwar haben sich die Häuptlinge Bell und Akwa mit ihren Anhängern den Deutschen unterworfen, aber es gibt einen dritten einflussreichen Häuptling, Lock Priso, der zu den Engländern hält, und der die Verträge nicht unterschrieben hat.

"Ein zweifelhafter Sieg über einige hundert Neger." Zeichnung: Illustrirte Zeitung, 28.2.1885

Und auch unter den Bell- und Akwa-Leuten herrscht Unfrieden, weil etliche Unterhäuptlinge den Verdacht haben, dass ihre Könige von den Deutschen ein ordentliches Schmiergeld - "Dash" nennt man das hier - bezogen und nicht gerecht verteilt haben. Buchner sieht das Unheil kommen und fordert militärischen Schutz an.

Am 16. Dezember 1884 bricht der Konflikt offen aus. Lock Prisos Leute brennen das Dorf von King Bell nieder. Zwei Tage später laufen die Kriegsschiffe Bismarck und Olga ein. Eigentlich ist es ein Konflikt zwischen rivalisierenden Gruppen der Duala, aber Admiral Eduard von Knorr nutzt die Gelegenheit, dem England-freundlichen Lock Priso eine Kostprobe deutscher Militärmacht zu geben. Seine Kanonenboote beschießen Lock Prisos Dorf, das Haus des Häuptlings wird niedergebrannt.

Die Aktion kostet den Agenten des Handelshauses Woermann, Pantänius, das Leben. Lock Prisos Leute hatten ihn als Geisel genommen und erschießen ihn als Vergeltung für den Überfall. Ein deutscher Matrose fällt beim Sturm auf das Dorf, acht werden verletzt - wie viele Opfer der Überfall auf Seiten der Duala fordert, ist nicht überliefert. "Ein zu hoher Preis für den zweifelhaften Sieg über einige hundert Neger", kommentiert Buchner. "Es wäre viel besser gewesen, wenn die ganze dröhnende Schlacht überhaupt unterblieben wäre."

Buchner, der sich nie hatte träumen lassen, dass er einmal die deutsche Kolonialmacht in Afrika repräsentieren sollte, muss noch fast sechs Monate in Kamerun ausharren. Er hatte sich kurz nach seiner Ankunft mit Malaria infiziert, immer häufiger wird er vom Fieber geschüttelt. Als er am 8. Juli 1885 an Bord der Ella Woermann nach Hamburg kommt, ist er so schwach, dass man ihn vom Schiff tragen muss. "Von meinen 140 Pfund wog ich nur noch 90", schreibt er.

Auch seinen Patriotismus hat das Abenteuer nicht gestärkt. "Wir haben es glücklich so weit gebracht, dass wir überall verhasst sind", schreibt er. "Keine andere Nation speit nebenbei so viel Hässlichkeit und plumpe Aufgeblasenheit in die weite Welt. Wir sind zu eilig stolz geworden. Und dabei kleben uns noch immer aus der guten alten Zeit allerlei üble Neigungen an - die Patzigkeit und Kommandiersucht, wo man überlegen ist, das Lakaientum und die Huldigungsfreude, wo ein Fusstritt kommen kann."

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© SZ vom 13.12.2016/bhi

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