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Historische Reisen:Drei Münchner auf Beutezug

Die Brüder Schlagintweit bereisten von 1854 bis 1857 Indien und sammelten dabei fast 40 000 Objekte

Von Sebastian Beck

Wie konnten diese Engländer nur so gemein sein. Kein Respekt vor der deutschen Leistung, stattdessen nur Hohn und Spott. Es war im Oktober 1857, als Hermann und Robert Schlagintweit vor der Pariser Akademie der Wissenschaften einen Vortrag hielten, dessen Inhalt sich schnell auch jenseits des Ärmelkanals verbreitete. Allem Anschein nach hatten die beiden Brüder in Paris ein wenig zu dick aufgetragen, es klang fast danach, als hätten sie Zentral- und Südasien entdeckt. Die beiden Bayern waren eben erst von ihrer fast dreijährigen Reise nach Indien zurückgekehrt und rückten ihre Taten ins allergünstigste Licht.

Das missfiel der britischen Fachwelt. Was daheim als heroische Leistung gefeiert wurde, verriss das Londoner Wissenschaftsmagazin Athenaeum: Drei Jahre lang seien die Schlagintweits in Indien auf ausgetretenen Wegen "herumgetollt", stand darin zu lesen. "Sie waren, so scheint es, auf einer Entdeckungsreise", ätzte der Autor über die drei mit dem unaussprechlichen Namen, "und wenn wir ihren Bericht richtig verstehen, so behaupten sie, eine Bergkette im nördlichen Indien gefunden zu haben, die Himalaja heißt."

Tatsächlich war es eine ziemlich seltsame Expedition, die drei junge Münchner auf verschlungenen Wegen insgesamt 29 000 Kilometer durch Nordindien und das höchste Gebirge der Welt führte. Nur zwei von ihnen, die Geografen Robert und Hermann, kehrten am Ende lebend zurück. Adolf Schlagintweit wurde im Alter von 28 Jahren am 26. August 1857 in Kashgar enthauptet. Er lebte bis Ende des 19. Jahrhunderts in Zeitungen als Märtyrer der deutschen Wissenschaft fort, so wie die Expedition insgesamt als eine der "großartigsten wissenschaftlichen Unternehmungen der Neuzeit" gefeiert wurde. Fast 160 Jahre danach verrät der Reisebericht der Schlagintweits mindestens ebenso viel über das Kolonialzeitalter wie über die Gegenden, die sie besuchten. Und ja, mit dem Mythos des wagemutigen Entdeckers, der als Erster seinen Fuß auf unbekanntes Land setzt, hatte die Expedition tatsächlich wenig zu tun. Im Sommer 2016 zeigte das Alpine Museum in München eine Ausstellung mit Stücken aus der Sammlung der Schlagintweits. Sie ließ erahnen, in welch irrwitzigem Umfang die Brüder alles, was sie für interessant hielten, nach Europa verschiffen ließen. Ihre Ausbeute umfasste 40 000 Objekte in 520 Kisten: 3000 Pflanzenproben, 6000 Vögel, 46 menschliche Schädel und 21 komplette Skelette, 1200 Bodenproben, Schmuck, Hausgeräte, Waffen, aber vor allem Fotografien und mehr als 700 großflächige Aquarelle im Stil der Münchner Schule, auf denen die Schlagintweits akribisch die Landschafen festhielten, die sie durchquerten.

Zweck der Reise war wie bei vielen "Entdeckern" nicht etwa das bessere Verständnis einer außereuropäischen Kultur. Die Schlagintweits forschten im Auftrag der Britischen East India Company (EIC), einer Firma, die damals quasi staatliche Macht über das Kolonialreich Indien ausübte. Für die EIC sollten die Münchner vor allem Messungen des Erdmagnetfelds vornehmen. Das hatten vor ihnen zwar schon andere getan, doch die Schlagintweits gingen beim Sammeln der Beobachtungsdaten mit unvergleichlicher Akribie vor.

Der Mustagh-Pass an der Grenze zwischen China und Pakistan.

(Foto: Alpines Museum)

Daneben richtete sich ihr Augenmerk auf alles, was aus Sicht einer europäischen Kolonialmacht brauchbar sein konnte. So gehörten zur Beute etwa 281 Stoffproben, die in London analysiert und an verschiedene Hersteller im Vereinten Königreich geschickt wurden mit dem Ziel, den Markt in Indien mit billigen Industrietextilen zu beliefern. Bei der Beschaffung ihrer Objekte gingen die Schlagintweits wenig zimperlich vor. Der fast 400 Seiten umfassende Katalog zur Ausstellung in München beschreibt in vielen Details, wie die Brüder Gräber plünderten, Skelette aus Krankenhäusern mitgehen ließen oder Vermessungen an Häftlingen vornahmen.

Vor allem Hände, Füße und Gesichter der Einheimischen hatten es den Forschern Mitte des 19. Jahrhunderts angetan, wenn sie vermeintliche Unterschiede zwischen den "Rassetypen" dokumentieren wollten. Die Schlagintweits brachten 275 Gipsabdrücke von Gesichtern mit nach Europa, was der US-Historiker Andrew Zimmermann aus heutiger Sicht so kommentiert: "Sie sind Artefakte einer kolonialen Leiblichkeit, Gestalt gewordene Verfügungen einer extremen Machthierarchie, die jedes europäische Kolonialprodukt kennzeichnet." Seine These macht Zimmermann mit einem Vergleich anschaulich. Man solle sich doch bitte vorstellen, wie das wäre, wenn eine Mann von weit her einen auffordere, sich hinzulegen und einem zwei bis drei Kilo Gips ins Gesicht schmiere. Die Prozedur war zudem nicht ganz ungefährlich, da die Masse beim Aushärten heiß wurde, was zu Verbrennungen führen konnte.

Kein Wunder, dass die lokalen Herrscher im Norden Indiens den Reisenden aus Europa misstrauten, schließlich hatte sie bereits mehrere Jahrhunderte lang meist schlechte Erfahrungen mit den Briten hinter sich. In den Schlagintweits sahen sie zurecht Agenten der Kolonialmacht. In Tibet und Nepal wurden den Reisenden Wachen mitgegeben, die ihr Vordringen in verbotene Regionen melden oder bestenfalls ganz verhindern sollten.

Die meiste Zeit freilich bereisten die Schlagintweits getrennt oder zusammen längst erschlossene Gebiete Indiens, in denen damals sogar schon die ersten Eisenbahnen verkehrten. Ihre Expedition war dennoch ein großes Logistikunternehmen: Bis zu 50 Mitarbeiter kamen auf jeden der Brüder, die vergleichsweise komfortabel reisten. Am Ende der Tagesetappen hatte die Vorhut schon die Zelte aufgebaut: Übersetzer, Sammler, Köche, Jäger, Führer ergänzten die bunte Reisegruppe. Abends gab es schon mal Empfänge und Dinner in den Bungalows der Briten.

Richtig abenteuerlich wurde es für die Schlagintweits im Norden, wo Himalaja und Karakorum aufragen und sich der britische Einfluss in den unbekannten Bergregionen verlor. Dort gelang ihnen im August 1855 eine bergsteigerische Pioniertat, die erst 70 Jahre später überboten werden sollte. An der heutigen Grenze zwischen Indien und China wollten Adolph und Robert den 7756 Meter hohen Kamet bezwingen. Sie scheiterten tausend Meter unterhalb des Gipfels. In ihren Reisetagebuch heißt es: "Einer unserer Leute hatte plötzlich einen heftigen Blutsturz bekommen und war schon tiefer zurückgeblieben; wir selbst fühlten uns auf eine so eigentümliche Weise ermüdet und erschöpft, wie wir es früher niemals empfunden hatten. Wir hatten kaum das Barometer aufgestellt, als uns ein wüthender Nordwind zur schleunigen augenblicklichen Umkehr nötigte." Die Messung ergab, dass sie die Höhe von 6788 Metern erreicht hatten - ein Rekord, der bis ins 20. Jahrhundert hinein halten sollte.

bayern

SZ-Karte

Für Adolf Schlagintweit nahm die Expedition zwei Jahre später ein tödliches Ende. Während seine beiden Brüder Herrmann und Robert sich im Mai 1857 mit dem Schiff auf den Heimweg machten, suchte Adolph das ganz große Abenteuer: Er durchquerte das Karakorum-Gebirge und wollte auf dem Landweg nach Europa reisen. In Kashgarien (heute im Westen Chinas gelegen) fiel er mit seinen Begleitern in die Hände von Wali Khan, einem durchgeknallten Despoten, der am Flussufer eine Pyramide aus Menschenköpfen errichtet hatte und mit großem Eifer an der Erhöhung seines Monuments arbeitete. Wali Khan, gerade wieder einmal im Drogenrausch, hielt den Europäer für einen chinesischen Spion und ließ ihn kurzerhand hinrichten. Der russische Forscher Chokan Valikhanov schilderte 1861 die Umstände von Adolph Schlagintweits Tod: "Augenzeugen berichten, dass der Fremde großes Wuchses war, einheimische Kleidung trug und die langen Haare seines unbedeckten Kopfes vom Wind zerzaust wurden. Die Hinrichtung erfolgte hinter der Stadt und der abgehackte Kopf wurde auf die Pyramide gestellt. All das geschah im August 1857."

Zu Hause in Europa bemühten sich Robert und Hermann Schlagintweit in den folgenden Jahrzehnten um die Aufarbeitung ihrer Sammlung. Ein Unterfangen, das angesichts der schieren Fülle des Materials zum Scheitern verurteilt war. Ihre Vorgehensweise hatte darin bestanden, möglichst viel von allem zusammentragen, um so einen universellen Überblick über Indien zu erhalten. Dieser multidisziplinäre Ansatz entsprach bereits zum Zeitpunkt ihres Aufbruchs nicht mehr dem Stand der Wissenschaft.

Hermann Schlagintweit starb 1882, sein Bruder Robert drei Jahre später. Ihr Traum von einem Indien-Museum hatte sich zerschlagen. Schon zu Lebzeiten war die Sammlung zerstreut, ihr Bruder und Erbe Emil Schlagintweit musste Teile verkaufen oder an Museen abgeben, wo sich ihre Spur verlor. Eineinhalb Jahrhunderte später lagern aber immer noch viele Objekte in den Archiven. Allein im Münchner Museum Fünf Kontinente sind es noch an die tausend Objekte, davon allein 110 aus dem heutigen Pakistan. Im Natural History Museum London blieben unter anderem 2000 getrocknete Pflanzen erhalten.

Der wertvollste Schatz aber sind die Aquarelle. All diese weiten Landschaften mit Gletschern, Flüssen, schneebedeckten Gipfeln, die dem Betrachter dennoch vertraut vorkommen. Märchenhafte Fernwehbilder aus einer anderen Zeit, die heute nur noch schwer zu verstehen ist. Obwohl, wenn hier und da eine Kuh oder eine Almhütte drauf zu sehen wäre, dann könnte man glatt meinen, es seien die Alpen.

© SZ vom 06.12.2016
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