Historische Reisen Die furchtlose Prinzessin

Therese von Bayern scherte sich weder um Konventionen noch scheute sie die größte Anstrengung. Auf ihren Expeditionen reiste sie inkognito. Stets voller Taten- und Wissensdrang lebte sie ihren Wunsch nach Freiheit aus

Von Hans Kratzer

Obwohl im südamerikanischen Urwald bereits die Nacht hereinbrach, flirrte die Luft immer noch bei 30 Grad, es war unerträglich feucht und dampfig. Die Reisegesellschaft der Prinzessin Therese von Bayern hing, salopp ausgedrückt, auf ihrem Schiff kraftlos in den Seilen, das Atmen fiel schwer, die Kleider klebten auf der schweißnassen Haut, und im Übrigen standen die schlimmsten Qualen dieser Tropennacht erst noch bevor. Wie befürchtet, brachen Moskito-Attacken von biblischer Wucht über die Reisenden aus Bayern herein. "Zu Tausenden drangen die blutdürstigen Tiere auf uns zu", notierte Therese in ihrem Tagebuch. "Da halfen keine Moskitonetze mehr; wenn die entsetzlichen Plagegeister nicht von oben beikommen konnten, so fanden sie von unten ihren Weg zu uns. Niemand hat diese Nacht ein Auge geschlossen." Zwei ihrer Reisegefährten flüchteten vom Schiff aufs Land und gingen den Rest der Nacht am Ufer auf und ab. "Unseren Diener sah ich hoch oben in seiner Hängematte zappeln. Ich ergab mich geduldig in mein Schicksal und wickelte mich bis auf Mund und Nase in meinen schottischen Plaid, was sich in Anbetracht der großen Hitze jedoch nur schwer ertragen ließ." Als der Morgen graute, waren die Reisenden nicht nur völlig erschöpft, sondern auch übersät mit Hunderten aufgeschwollener Moskitostiche.

Therese von Bayern (1850-1925) war, ungewöhnlich für ihre Zeit, eine Naturforscherin, die derartige Strapazen und Qualen unbeeindruckt wegsteckte. Sie tat es erst recht, da Frauen wie sie im 19. Jahrhundert ihre Unabhängigkeit und Abenteuerlust nicht ausleben durften. Als Wittelsbacher Prinzessin und Tochter des Prinzregenten Luitpold hatte sie eigentlich höfische Erwartungen zu erfüllen, die Etikette zu wahren, eine standesgemäße Ehe einzugehen und weibliche Tugenden zu pflegen. Therese ließ sich davon nicht irritieren und ging lieber eigene Wege als Naturforscherin und Weltreisende. Die Publizistin Hadumod Bußmann, die vor einigen Jahren eine spannende Biografie über Therese geschrieben hat, zählt sie deshalb zu den bemerkenswertesten Frauen der Moderne. Auch weil sie nicht bereit gewesen sei, ihre Gefühle und Geistesgaben gesellschaftlichen Konventionen zu opfern. Therese musste ihre Karriere als Naturwissenschaftlerin allerdings gegen massive Widerstände durchsetzen, ebenso ihre abenteuerlichen Expeditionen zu fremden Kulturen und in entlegene Weltgegenden. Letztlich ließ sie sich von nichts und niemandem in ihrem Forscherdrang bremsen. Wilde Tiere, extremes Klima, Menschenfresser, Reisestrapazen - solche Phänomene spornten sie nur noch mehr an.

Von ihren Begleitern verlangte sie dieselbe Bereitschaft, ihrem Ziel alles unterzuordnen. Der Expeditionstross hatte sich ihrem Regiment widerspruchslos zu unterwerfen und auf jeglichen Komfort zu verzichten. Mehrtägige zehnstündige Ritte in hohem Marschtempo waren die Regel, ebenso wie Nachtlager mit fremden Personen und Tieren in Räumen, die laut, kalt, feucht und voll Ungeziefer waren.

Weder extreme Hitze noch Kälte, weder eine Lungenentzündung noch Höhenkrankheit und Malariaanfälle, weder ein zerbrochener Gepäckkarren noch ein Rippenbruch konnten die Prinzessin bremsen. Letztlich entsprang diese Härte gegen sich selbst dem Wittelsbacher Erziehungsideal. Dieses verlangte seit jeher strenge Pflichterfüllung, militärische Pünktlichkeit und Ordnung in allen Dingen, Selbstüberwindung und Willenskraft. Mit sportlichen Übungen stählte Therese von klein auf ihren Körper, sodass sie auf ihren Reisen Strapazen und Entbehrungen mit Leichtigkeit ertrug. Ein "neunstündiger Ritt auf primitiven griechischen Holzsätteln durch öde, räuberverdächtige Berggegenden" machte ihr ebenso wenig aus wie schwierige Bergtouren, die sie bis ins vorgerückte Alter bestritt. Noch mit 60 Jahren bestieg sie mühelos den Ätna.

Besonders die erste Brasilien-Expedition, zu der Therese im Jahr 1888 aufbrach, verlangte von den Reisenden starke Nerven, robuste Konstitution und eisernes Durchhaltevermögen. Ständig war die Reisegruppe von Moskitos, Masern, Gelbfieber und Malaria bedroht. Hygiene war im Urwald oft auf ein Minimum reduziert: "Von der Verfassung unserer Kleidungsstücke macht man sich keinen Begriff", schrieb Therese ihrem Vater. "Die europäische Polizei würde uns vielleicht in ihre Obhut nehmen." Schwachnervige und turnerisch nicht durchgebildete Personen kamen für Therese als Begleiter sowieso nicht infrage. Bezeichnend für ihre Unerschrockenheit ist die folgende Geschichte: Auf einem Ausflug im nordamerikanischen Yosemite-Park fing sie eigenhändig eine Klapperschlange. Therese war nicht davon abzuhalten, die rasselnde Giftschlange als "Trophäe und da erst halbtodt, mit angespanntem Arm den Berg hinunter zu schleppen. Das Gewicht ließ nichts zu wünschen übrig".

Die Entscheidung für ihr unruhiges Reiseleben traf Therese, nachdem sie erkannt hatte, dass sie ihre Liebe zu Otto von Bayern, dem Bruder König Ludwigs II., infolge seiner heimtückischen Geisteskrankheit nicht würde leben können. Von da an ging sie keine Männerbeziehung mehr ein. Ihr Credo lautete: "Freiheit, Freiheit war es, wonach ich leidenschaftlich lechzte, Befreiung von den Fesseln der Konvention."

1871 begann sie 21-jährig Europa und Nordafrika zu bereisen, wobei sie insgesamt zwölf Landessprachen erlernte. Zehn Jahre später, 1881, brach Therese zu einer fast dreimonatigen Forschungsreise an den Polarkreis auf. Um nicht als bayerische Prinzessin erkannt zu werden, reiste sie stets inkognito. Sie empfand das anonyme Reisen als Wohltat: "Da fühle ich mich frei, unbeachtet, da bin ich erst ich selbst."

Mit Schiff, Wagen und Pferd durchmaß die Gruppe die Weiten Norwegens. Ein gletscherreicher Gipfel wurde "in 16stündiger Reit- und Fußtour mittels stundenlanger Schnee- und Gletscherwanderung, theilweise angeseilt, erstiegen". Der Abschied von der Stadt Hammerfest endete bei Schneeluft mit einem Bad im kalten Eismeer: "Ein zu kühner Sprung auf die nasse und glatte Landungstreppe verursachte ein Ausgleiten beider Füße."

Stürmische Seefahrten rund um die norwegische Südspitze waren ganz nach Thereses Geschmack. Entfesselte Naturgewalten faszinierten sie. "Diese 2 Tage werden mir unvergesslich sein, denn sie waren wundervoll; von früh bis Abends auf Deck hatte ich Gelegenheit, die großen, hohen Wellen anrollen und an den Klippen zerstäuben zu sehen. Der Gischtflug kam hoch über das Deck und unser Schiff schlingerte dermaßen, dass Alles wie die Affen an Stricken, Ketten pp angeklammert hing, um nicht umgerissen zu werden." Im Jahr darauf reiste Therese quer durch das russische Zarenreich. Sie wollte die damals verbreiteten, ihrer Meinung nach tendenziösen Presseberichte widerlegen, um so "einen bescheidenen Beitrag zur Kenntnis von Land und Leuten im Osten unseres Weltreichs zu liefern". Wieder gewährleistete ihr Inkognito, dass "wir die Zustände sahen und über sie hörten, wie sie wirklich sind". In vier Wochen legte sie 7500 Kilometer zurück. Über Moskau und Sankt Petersburg führte die Reise mit holprigen Holzwagen durch die Steppe bis zur Krim. Übernachtet wurde unter freiem Himmel bei nomadisierenden Kalmücken. "Die Eindrücke, die ich daran mitgenommen, möchte ich um Vieles nicht hergeben, sie sind unvergesslich großartig."

Die einzige erhaltene Aufnahme, die Therese außerhalb von Europa zeigt, entstand 1888 am Rio Doce in Brasilien. Therese ist mit ihrem Reisemarschall und ihrer Hofdame zu sehen. Abbildung aus: Hadumod Bußmann, "Die ungewöhnliche Geschichte der Therese Prinzessin von Bayern", C.H. Beck

(Foto: Verlag)

Ihr besonderes Augenmerk richtete Therese auf alles, was mit den Rechten der Frauen zu tun hatte. Sie tat dies vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen, wie die ihr lange verwehrten Reisen, den nur heimlich möglichen Erwerb von Mathematik- und Lateinkenntnissen, von einer praktischen Berufsausbildung ganz abgesehen. In Russland machte sie indessen positive Beobachtungen, erstaunlich wirkte auf sie etwa die weitverzweigte Verbreitung von Mädchengymnasien. Besonders beeindruckt zeigte sie sich von der toleranten Einstellung der russisch-orthodoxen Nonnen gegenüber anderen Konfessionen.

Auf einer viermonatigen Studienreise durch Nordamerika im Jahr 1893 überraschte Therese wie so oft mit unerwarteten Reaktionen, beispielsweise mit einer ungewöhnlich frühen Anwandlung von Amerikaskepsis. Trotz grandioser Natureindrücke und Begegnungen mit Indianerstämmen freundete sich Therese weder mit den Vereinigten Staaten noch mit deren Sprache an. "In keinem anderen Land, das ich bereist," so schreibt sie, "sind die Sitten so verschieden von den unseren wie hier." Die Sioux-Indianer erfüllten Thereses Erwartungen an Romantik ebenso wenig wie die Rocky Mountains, die es "nicht mit unseren Alpen aufnehmen" können.

In Mexiko entriss ihr ein Indianer Geld und Notizbuch: "Ich rang mit ihm, und als er sah, daß ich ihn nicht loslasse - meine gestählten Muskeln halfen mir -, streifte er die Jacke, an der ich ihn gepackt, über den Kopf und entfloh ohne derselben." Welche Anstrengungen sie auf sich nahm, zeigt auch der Versuch, den 5462 Meter hohen Popocatepetl zu bezwingen, wo die Gruppe in großer Höhe in einer Bretterhütte übernachtete: "Die Nachtruhe war gleich Null. Husten, Schnarchen, Herumgehen von 12 Menschen, dazu der Rauch des offenen Feuers und die kalte Zugluft durch klaffende Lücken in den Wänden, dies waren die Genüsse der Schlafstunden von 8 Uhr abends bis 3 Uhr früh."

Karte: SZ-Grafik

(Foto: )

Von ihren Reisen brachte Therese zoologische, botanische und ethnologische Objekte mit. Ihre Sammlungen befinden sich heute im Münchner Museum Fünf Kontinente. Der zoologische Nachlass wurde 1926 an die Zoologische Staatssammlung München übereignet, vieles wurde allerdings im Zweiten Weltkrieg zerstört. Sechs von ihr gesammelte Pflanzen sind mit ihrem Namen in die internationale botanische Nomenklatur eingegangen, in dem sie zu ihrer lateinischen Gattungsbezeichnung den Zusatz "Theresiae" erhielten.

Hadumod Bußmann erklärte sie zu Recht zu einer "der beispielgebenden Vorreiterinnen für Frauen in der Wissenschaft". Therese habe jene Haltungen vorgelebt, die damals für einen akademischen Aufstieg notwendig waren: einen unbezähmbaren Wissensdurst, eine ungeteilte Konzentration auf ein Lebensziel sowie eine furchtlose Bereitschaft, jedwede Widerstände zu überwinden.