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Historie:Hier ließ Hitler heimlich Düsenjets bauen

Das Geheimwerk "Kuno II" im Scheppacher Forst. Die US-Amerikaner waren überrascht ob der Schlagkraft der Staffel.

(Foto: US National Archive and Records Administration)

Bei einer Werkstatt in einem Wald bei Augsburg warteten 70 Flieger, um die Luftangriffe der Alliierten zu bremsen. Jedoch: Das Projekt wurde nicht rechtzeitig fertig.

Die Zeilen gehören zu den erschütterndsten, die eine Zeitzeugin des Holocausts niedergeschrieben hat. "Wieder verwandelt die Nacht die Frauen in Tiere", schreibt Eva Langley-Dános. "Eine Frau kriecht auf allen Vieren herum und beißt alle, die sich ihr in den Weg stellen." Langley-Dános war eine von knapp 1000 Jüdinnen, die im März 1945 aus den Konzentrationslagern Ravensbrück und Bergen-Belsen ins KZ Burgau transportiert wurden.

Sie saß mit 75 anderen Frauen in einem Viehwaggon, der nur Platz für 40 Menschen hatte. Die Fahrt dauerte 16 Tage. 16 Tage und Nächte voller Hunger und Angst, in denen viele Frauen wahnsinnig wurden - oder einen entsetzlichen Tod starben. Langley-Dános spricht von Zuständen, die "die Hölle beschämen und den Teufel erröten" lassen.

Zweiter Weltkrieg

Die geheimen Werkstätten der Nazis

Der Transport war Teil eines Geheimprojekts, mit dem Adolf Hitler kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs die bevorstehende Niederlage noch abwenden wollte. In versteckten Werkstätten in Wäldern, Tunnels und Bunkern ließ er von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen die Me 262 zusammenbauen. Es war das erste in Serie hergestellte Düsenflugzeug der Welt, mit dieser "Wunderwaffe" wollte Hitler die Luftangriffe der Alliierten bremsen. Hunderte solcher Flugzeuge wurden gebaut. In Bayern gab es derartige Werke bei Mühldorf, bei Regensburg, bei Garmisch, bei Landsberg und im Scheppacher Forst zwischen Augsburg und Burgau.

Letztere Werkstatt trug den Decknamen Kuno II. Obwohl täglich Tausende Autofahrer auf der A 8 nur wenige Meter daran vorbeirasten, rottete die Anlage 70 Jahre lang weitgehend unbemerkt vor sich hin. Es wuchs reichlich Gras und Wald über diesen gottverlassenen Ort.

Bis ein Lehrer der Hauptschule Zusmarshausen begann, dieses Stückchen Weltgeschichte dem Vergessen zu entreißen. "Wenn Hitlers Projekt rechtzeitig fertig geworden wäre, dann hätte es schlecht für die Alliierten ausgeschaut", sagt Hans-Peter Englbrecht.

Der 68-Jährige radelte mit seinen Schülern zu den abgelegenen Überresten der Nazibauten. Er lud Zeitzeugen in den Unterricht ein, sammelte Relikte und studierte Akten. Nach einigen Jahren der Spurensuche bekam er Unterstützung von Maximilian Czysz, einem Redakteur der Augsburger Allgemeinen. Die zwei Hobby-Historiker haben ihre Erkenntnisse in einem bemerkenswerten Buch zusammengefasst. Herausgekommen sind 154 fesselnde Seiten über das "Geheimwerk Kuno", das bislang kaum bekannt war - geschweige denn erforscht.

NS-Flugzeugwerk im Wald

Montagegrube mitten im Wald: Hans-Peter Englbrecht steht an der Stelle, an der 1945 Zwangsarbeiter den Düsenjet Me 262 montieren mussten.

(Foto: Stefan Puchner)

Alles begann mit einem Schwarz-Weiß-Bild. Es zeigt abgemagerte, nackte Leichen, die vor einem Schuppen im Wald liegen. Der Anblick ließ Lehrer Englbrecht nicht mehr los. Er sprach mit den letzten lebenden Zeitzeugen. Sie berichteten, wie die Züge mit den Frauen im nahen Burgau ankamen. "Als die Türen der Waggons aufgingen, fielen die Toten raus", sagt Englbrecht. Eine Augenzeugin habe ihm erzählt: "Man hat die Häftlinge nicht anschauen können, so abgemagert und verhungert haben sie ausgesehen."