Historie Onkel Chlodwigs Jubiläum

Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst, vor 200 Jahren geboren, war Reichskanzler und Ministerpräsident, gilt heute als liberal, auch als gutmütig, hat viel für seine fränkische Heimat getan. Und doch ist er fast vergessen

Von Olaf Przybilla, Schillingsfürst

Michael Trzybinski ist am Fuß des Schlosses von Schillingsfürst aufgewachsen, er würde aber flunkern, wenn er behaupten würde, von Kindesbeinen an gewusst zu haben, wer Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst war. Inzwischen schlägt der Bürgermeister des schmucken Städtchens im Kreis Ansbach auch mal selbst im Archiv nach und liest über den Mann, der in Schillingsfürst mindestens unter Eingeweihten als der "größte Sohn der Stadt" gilt. Gleichwohl weiß Trzybinski natürlich auch, dass selbst Bildungsbürger mitunter passen müssen bei dem Namen - auch jetzt, wo die Stadt am Sonntag den 200. Geburtstag dieses fränkischen Fürsten feiert. Chlodwig wer?

Auf den ersten Blick mag die verbreitete Unkenntnis verblüffen, war es doch kein anderer als dieser Adelige, der das Land ins 20. Jahrhundert geführt hat - und zwar als Reichskanzler. Und damit in jener Funktion, die zuvor ein gewisser Otto von Bismarck innehatte. Insofern könnte man den Schillingsfürster Staatsmann durchaus kennen, zumal da er zwischen 1866 und 1870 auch das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten bekleidete. Aber wie das so ist mit der Geschichte - sie wird aus der Rückschau gedeutet. Und da litt das Bild Chlodwigs doch sehr unter seinen letzten Jahren als Kanzler, aufgrund derer ihm alsbald das Bild eines großonkelhaften Staatsrepräsentanten zugeschustert wurde, der angenehm liberal, aber weithin wirkungslos war - und von dem die Kunde ging, er sei mit dem immerhin netten Namen "Onkel Chlodwig" liebkost worden. Hinter seinem Rücken freilich soll auch vom "alten Gummibaum" die Rede gewesen sein. Was wohl eher nicht nett gemeint war.

Hoch über Schillingsfürst thront das Schloss, das dem späteren Reichskanzler nach dem Tod seines Bruders 1845 zugefallen war.

(Foto: Stadt Schillingsfürst)

Chlowig, muss man dazu wissen, war bereits 75 Jahre alt, als er im Oktober 1894 auf den Posten des Reichskanzlers und auch preußischen Ministerpräsidenten berufen wurde. Die Zeitgenossen reagierten bestenfalls reserviert auf diesen Karrieresprung eines Mannes, der sich zuvor einen exzellenten Ruf als Außenpolitiker und Diplomat erworben hatte. "Wir harren der Dinge, die da kommen sollen, mit Ruhe", schrieb die einflussreiche Vossische Zeitung, die allerdings auf einen Seitenhieb zur Ernennung Chlodwigs nicht verzichten mochte: Immerhin sei dieser "heute noch älter, als Fürst Bismarck bei seiner Entlassung war". Damit war der Rahmen für die Deutung einer Amtszeit als altersmilder Kanzler früh schon gesetzt - und führte nach sechs Jahren zu uncharmanten Reaktionen auf Chlodwigs Abdankung. So notierte etwa ein konservativer Zeitgenosse, nun endlich sei die "alte Mumie Chlodwig" beseitigt. So ungalant war der Ton in Preußen an der Wende zum 20. Jahrhundert.

Die moderne Geschichtsforschung hat das Bild vom resignativ-greisen Frühstückskanzler längst begradigt, ohne ihn freilich rückwirkend zur populären Figur machen zu können. Heute wird seine von Kindesbeinen an geschulte liberale Gesinnung gelobt, die Reform der Militärstrafprozessordnung betont, die in seine Amtszeit fiel, auch die Vollendung des Bürgerlichen Gesetzbuchs und die Verhinderung etlicher protektionistischer und repressiver Vorhaben. In seinem opulenten Standardwerk über den fränkischen Grandseigneur hat der Historiker Volker Stalmann dafür eine eingängige Formel gefunden: "Im Abendrot eines großen Jahrhunderts warf der deutsche Liberalismus mit dem deutschen Kanzler Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst noch einmal seine milden Schatten, deren Konturen freilich allmählich zu zerfließen begannen."

Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst.

(Foto: dpa)

Das klingt dann schon anders als Gummibaum oder Mumie. Und macht Lust, diese weithin in Vergessenheit geratene Figur noch von anderen Seiten kennenzulernen. Etwa als Student der Rechtswissenschaften in Heidelberg, wo der Hochadelige in den Soireen eines Grafen intellektuelle Anregung fand - weil dort eine vernünftige Konversation an die Stelle des ihm verhassten "ekelhaften Teeschlappertons" gesetzt wurde und er sich also bewahrt sah vor "dem horreur aller horreurs, den Abgeschmacktheiten einer Teegesellschaft".

So spitzzüngig konnte dieser Mann aus der fränkischen Provinz sein. Wobei er sich nach dieser nie gesehnt hatte, sie ihm aber in jungen Jahren zufiel. Chlodwig war am 31. März 1819 in Rotenburg an der Fulda im Schloss seines Onkels geboren worden. Aufgewachsen ist er in Vöslau bei Wien, in Rotenburg und Schillingsfürst, mit dessen höfischer Glanzlosigkeit - verglichen mit den anderen Sitzen - er sich nie recht anfreunden mochte. Nach dem Tod des Bruders gingen die bayerischen Herrschaftsbesitzungen, Schillingsfürst also, trotzdem an ihn. Mit nicht nur positiven Folgen. In seinem ersten Jahr als Schlossherr deutet er seiner Schwester 1846 an, es müsse wohl an der fränkischen Luft liegen, dass er sich den Lebensmut erhalten habe - "in einem einsamen Schlosse, um das die Winde heulen, ohne menschliche Gesellschaft, nur mit Büchern und Jagd beschäftigt."

Aus der drangvollen Enge befreit ihn zunächst eine Hochzeit. 1847 heiratet Chlodwig die russische Prinzessin Marie zu Sayn-Wittgenstein. Als diese 1887 das Erbe ihrer Familie antrat, erbt das Paar nicht weniger als 915 000 Hektar Boden. Über Nacht zählt die Familie zu Europas exklusivesten Großgrundbesitzern. Und sieben Jahre später ist Chlodwig Reichskanzler.

Am Sonntag will ihn Schillingsfürst mit einer Bronzebüste ehren. Ohne Chlodwig, sagt der Bürgermeister, wäre die Wasserversorgung der Stadt so früh nie möglich gewesen. Auch für einen Bahnanschluss sorgte der Fürst. Der Jubel würde wohl noch größer ausfallen, wäre der Bahnhof in Schillingsfürst von Dauer gewesen. War er aber nicht. Ein DB-Anschluss? "Der Zug ist abgefahren", sagt Trzybinski. Vom Schloss aus sieht man heute die Autobahn.