Historie Jubiläum in Pink

Zum 300. Geburtstag von Leopold Mozart will ihn seine Geburtsstadt Augsburg aus dem Schatten seines berühmten Sohnes holen. Deswegen fährt nun eine rosafarbene Trambahn durch die Straßen

Von Thomas Balbierer

Augsburg - Leopold Mozart knipst Selfies, trägt blinkende Turnschuhe und hat eine Schwäche für Pink. Zum 300. Geburtstag hat die Stadt Augsburg ihrem Sohn eine extreme Typveränderung verpasst und ein modernes Mozart-Maskottchen präsentiert. Was Kulturfreunde vielleicht als geschmacklos empfinden, soll Leopold Mozart einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen. Zu lange stand der Komponist nämlich im Schatten seines berühmten Sohnes Wolfgang Amadeus. Findet man zumindest in Augsburg, wo Leopold Mozart 1719 geboren wurde. Mehr als eine Million Euro gibt die Stadt aus, um Papa Mozart zu ehren - mit zahlreichen Konzerten, Ausstellungen, Festen und mit einer eigenen Mozart-Tram. Die Straßenbahn der Linie 4 verkehrt seit Ende Januar ganz in Pink.

Auf den Straßen und in den sozialen Netzwerken gehen die Meinungen über die frisch lackierte Bahn auseinander. Ein Facebook-Nutzer fühlt sich beim Anblick der Bahn eher an den rosaroten Panther erinnert. Ein weiterer kommentiert einem Beitrag der Augsburger Allgemeinen: "Ich seh' meist nur steigende Fahrpreise, da wird aus Pink schnell Schwarz." Andere Augsburger freuen sich über den Farbtupfer und wünschen sich, dass die Mozart-Tram auch über den Leopold-Geburtstag am 14. November hinaus fährt.

Mit der Mozart-Tram durch Augsburg: Mit einer auffälligen Werbekampagne will die Stadt ihren berühmten Sohn im Jubiläumsjahr ehren.

(Foto: Roswitha Sini/oh)

Mit der auffälligen Werbekampagne will sich Augsburg als "Deutsche Mozartstadt" profilieren und Leopolds Bild in der Öffentlichkeit geraderücken. Der Komponist gilt vielen als strenger Vater des Wunderkindes Wolfgang Amadeus. Ein Vorurteil, betont Kulturreferent Thomas Weitzel und beschreibt Leopold als "Förderer und Lehrer" seines Sohnes. "Ohne Leopold kein Wolfgang", sagt Weitzel und rühmt die Bedeutung des Komponisten: "Neben den Fuggern und Bertolt Brecht zählt Leopold Mozart zu den vornehmsten Persönlichkeiten der Augsburger Stadtgeschichte." Die Mission Mozart wird von einem kleinen Team im Kulturamt gesteuert, dem sogenannten Mozartbüro. Es organisiert die Veranstaltungen, zum Beispiel das zweiwöchige Mozartfest im Mai, und plant das Marketing. Mit dem turnschuhtragenden Leopold-Double und der pinkfarbenen Tram wolle man vor allem Menschen erreichen, die bislang noch nicht so viel mit dem Namen Leopold Mozart anfangen konnten, erklärt Mitarbeiterin Katharina Krosta. Zum 300. Geburtstag im November soll auch das Mozarthaus in der Altstadt wiedereröffnen. Es ist seit Oktober gesperrt, wird saniert und erhält eine neugestaltete Dauerausstellung.

Wer war Leopold Mozart? Dieser Frage geht derzeit die Heidelberger Musikwissenschaftlerin Silke Leopold nach. Zur Frankfurter Buchmesse im Herbst will sie eine Biografie über den Augsburger Komponisten veröffentlichen. Es wäre die erste wissenschaftliche Gesamtbetrachtung Leopold Mozarts seit 40 Jahren. Erfreulich für die Augsburger: Die Biografin kommt nach ihren Recherchen zu dem Schluss, der Mann sei besser als sein Ruf. Ihr Buch werde eine "Korrektur des Leopold-Bildes sein", sagt die Namensvetterin. Dass der Komponist oft als autoritärer Vater wahrgenommen werde, sei historisch allein auf mahnende Briefe zurückzuführen, die Leopold seinem Sohn während dessen Paris-Reise zuschickte. "Aber da hat Wolfgang Amadeus nun wirklich eine Menge Unsinn angestellt", sagt Silke Leopold. Sie beschreibt Vater Mozart als wissbegierigen Beobachter, der sich neben der Musik auch fürs Schreiben, für Kunst, Medizin und Architektur begeisterte. "Zeitgenossen haben ihn aber auch als Besserwisser wahrgenommen, der sich nicht nur Freunde macht", fügt Leopold an. Im Kern sei er aber ein ausgesprochener Familienmensch gewesen. Er habe nicht nur die Karriere seines genialen Sohnes erst möglich gemacht, sondern auch seine Tochter Maria Anna, genannt Nannerl, nie vernachlässigt. Kurz vor seinem Tod - als die Beziehung zu Wolfgang Amadeus bereits abgekühlt war - übernahm Leopold auch noch die Rolle des Großvaters und hütete den Sohn seiner Tochter, Enkel "Leopoldl".

„Frisch und modern“ soll Mozart erscheinen, deswegen trägt das Leopold-Double vor dem Augsburger Rathaus Turnschuhe.

(Foto: Fabian Schreyer/oh)

Komponist, Vater, Förderer und Großvater: All das war der historische Leopold Mozart während seines Lebens zwischen 1719 und 1787. In Augsburg wird er nun als Hipster in Pink neu erfunden. Weshalb? "Wir wollen keinen verzopften Eindruck von Mozart hinterlassen", erklärt Kulturreferent Thomas Weitzel mit Anspielung auf das klassische Mozartkugel-Bild. Anders als die österreichische Mozartstadt Salzburg, wo Wolfgang Amadeus geboren wurde und wo er fast immer im karmesinroten Mantel dargestellt wird, wolle man Mozart "frisch und modern" präsentieren. Deshalb hat sich Weitzel bereits vor Jahren für die Farbe Magenta als Mozartfarbe entschieden - ohne historischen Zusammenhang. Dass das Leopold-Pink also eigentlich Magenta heißt, stört in Augsburg aber niemanden. Hier ist längst die Rede von der pinken "Strossaba".