Historie:Die Nähe des fränkischen Luthertums zu den Nazis

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Historie: Beim Hesselbergtag 1933 marschiert auch die Neuendettelsauer SA auf.

Beim Hesselbergtag 1933 marschiert auch die Neuendettelsauer SA auf.

(Foto: Verlagsdruckerei Schmidt)

Schon vor 1933 bekam die NSDAP in vielen Teilen Frankens die Mehrheit. Lange war das Thema tabu.

Von Olaf Przybilla, Neuendettelsau

Das Glückwunschschreiben der mittelfränkischen Gemeinde Neuendettelsau an den Reichskanzler Adolf Hitler vom 20. April 1933 zieren fünf Namen. Unterschrieben haben der Bürgermeister, der Führer der SA und der Führer des Frontkämpferbundes "Stahlhelm". An erster Stelle der Geburtstagsgrüße aber, und das wurde den Verhältnissen in Neuendettelsau sicherlich gerecht, durften die Leiter der großen evangelischen Institutionen am Ort mit ihrem Namen stehen: Friedrich Eppelein, Direktor der Missionsanstalt Neuendettelsau und Hans Lauerer, Rektor der örtlichen Diakonissenanstalt; die Führungsfiguren jener beider Einrichtungen also, die der Gemeinde den Kosenamen vom "evangelischen Rom" eingebracht haben. In Neuendettelsau lebten damals 2900 Einwohner, 1300 davon waren allein in der vom "fränkischen Diakonissenvater" Wilhelm Löhe 1854 auf den Weg gebrachten Schwesternanstalt beschäftigt - die evangelische Kirche prägte (und prägt) den ganzen Ort.

Es dürften, so kurz nach der Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten, zahlreiche Grußadressen an den neuen Reichskanzler eingegangen sein. Die aus Neuendettelsau aber war eine besondere, wurde sie doch gekrönt von einem selbst verfassten "Hitlerlied", für das sich der Missionsinspektor der Missionsanstalt, ein Mann namens Christian Keyßer, höchstselbst als Dichter versucht hatte.

Auch initiiert hatte den Hymnus offenbar die evangelische Missionsanstalt, und so schien es nur recht und billig zu sein, dass nicht etwa der oberste Funktionär der politischen Gemeinde, der Bürgermeister also, das Schreiben als erster zeichnen durfte, sondern eben Eppelein und Lauerer, die führenden Köpfe des evangelischen Neuendettelsau. Die zweite Strophe der Hitlerhymne hebt an: "Es ist ein Führer uns von Gott gegeben; / er stürmt voran, wir folgen treu gesinnt. / Es geht durch Nacht und Tod hindurch zu Licht und Leben; / es wird nicht Ruhe, bis wir Sieger sind."

Der Führer als gottgegebener Voran-Stürmer, seine Getreuen als seine Gläubigen - das sind so kurz nach der NS-Machtübernahme schon auffallend fanatische Töne. Neuendettelsau aber war keiner jener Orte, in denen man von Januar 1933 an plötzlich stramm den Nazis huldigte. In der westmittelfränkischen Ortschaft wählte man schon tiefbraun, als Hitler noch nicht an der Macht war. Bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 kam die NSDAP dort auf 66,4 Prozent der Stimmen. Zählt man die Stimmen für die Deutschnationale Volkspartei hinzu, so wählten in Neuendettelsau, auch als "Brunnenstube" des bayerischen Luthertums liebkost, bereits im Jahr 1932 mehr als 88 Prozent der Wähler deutschnational. Wohlgemerkt: sechs Monate, bevor Hitler an die Macht kam.

Das muss Gründe haben und nach diesen wird man nicht lange suchen müssen. Im Februar 1931 hatte Eppelein, der Neuendettelsauer Volksmissionar, im Lutherischen Wochenblatt "Freimund" allerlei grundlegende Betrachtungen hinterlegt zum Thema "Was geht die Neuendettelsauer Mission der Nationalsozialismus an?", und hatte sich dabei zu dem, Mission und NSDAP harmonisch verbindenden Resümee vorgearbeitet: "Wir sehnen uns mit den Nationalsozialisten nach einer Wiedergeburt des deutschen Volkes."

Weil dies aus seiner Sicht offenbar noch einer Präzisierung bedurfte, fügte er kurz danach, ebenfalls noch vor 1933, in der von ihm verantworteten protestantischen Postille zwei große Linien noch einmal deutlicher zusammen. Er sei der Überzeugung, dass "Deutschtum in der Erlösung durch Jesus Christus sich vollendet, und dass wir nur zu einer Gesundung kommen, wenn wir mit ganzem Herzen deutsch, aber auch mit ganzen Herzen Christen sind." Als Schriftleiter des "Freimund" missionierte Eppelein da also gewissermaßen auch im Ort.

Sein Kollege aus der Diakonissenanstalt, der Rektor Lauerer, brachte das in seinem Kapitelsbrief, gerichtet an alle Schwestern der Anstalt, kurz darauf noch etwas griffiger auf einen Nenner: "Für meine Person", ließ er die Schwestern wissen, "habe ich es schon oft genug gesagt, dass mir der Nationalsozialismus ein großes inneres Erlebnis geworden ist, ein Geschenk Gottes, eine Erkenntnis, die mich auch in der Kirche, in der Mutterhausdiakonie und in der Theologie altes Gut und ewige Wahrheit neu, besser und tiefer erkennen lässt."

Oft genug also, entnimmt man dem, hatte es Rektor Lauerer seinen Neuendettelsauern Schwestern gesagt, dass der Nationalsozialismus ein Geschenk Gottes sei. Und bei den Diakonissinnen scheint dies, angesichts der Wahlergebnisse, auf hinreichend offene Ohren gestoßen zu sein. Dem Historiker Hans Rössler sind alle diese Belege zu verdanken, sein opulenter Band "Nationalsozialismus in der fränkischen Provinz. Neuendettelsau unterm Hakenkreuz" muss man als elementares Puzzleteil für die Geschichtsschreibung in Franken werten.

In Franken war die NSDAP schon früh erfolgreich

Die "verhängnisvolle Ehe von fränkischem Luthertum und frühem Nationalsozialismus", die Rössler attestiert, war dort Jahrzehnte lang tabu. Bis nun Historiker Stück für Stück ans Tageslicht bringen, warum von den zehn Wahlkreisen reichsweit, in denen Hitler im Juli 1932 mehr als 60 Prozent der Stimmen erhielt, sich alleine sechs im kleinräumigen, sehr protestantisch und landwirtschaftlich geprägten Westmittelfranken finden. Rang eins nahm Rothenburg ob der Tauber ein, mit 75,7 Prozent NSDAP-Stimmen, gefolgt von Uffenheim mit 72,9 Prozent.

Ebenfalls unter den ersten zehn Rängen: Neustadt an der Aisch, Gunzenhausen, Dinkelsbühl und Ansbach-Land (mit Neuendettelsau). Julius Streicher, der NS-Gauleiter in Franken und Wegbereiter der NS-"Frankentage" auf dem Hesselberg, war sicherlich ein entscheidender Faktor dafür. Während dies aber hinreichend belegt ist, tritt die unrühmliche Rolle protestantischer Würdenträger erst in jüngerer Vergangenheit verstärkt in den Fokus der Forschung.

Über die sozialen Einrichtungen von Neuendettelsau brachten die Nazis die Katastrophe. Insgesamt 1205 Bewohner der örtlichen Anstalten mussten auf Anweisung des Regimes in staatliche "Heil- und Pflegeanstalten" zwangsverlegt werden. Von ihnen wurden 439 in staatlichen Tötungsanstalten ermordet, 394 kamen in jenen "Heilanstalten" um, zum Teil durch "Hunger-Diät" oder Giftspritzen. Zwar waren die Mitarbeiter der Diakonissenanstalt nicht untätig, einige versuchten offenbar noch, so viele behinderte Menschen wie nur möglich zu retten. Von Erfolg gekrönt waren diese Versuche - Rössler rechnet sie zu den "Kleinformen des zivilen Mutes" - in den meisten Fällen allerdings nicht. In einer Dienstanweisung heißt es: Man sei "nicht in der Lage, der Staatsgewalt einen Widerstand entgegen zu setzen".

Hans Rössler, Nationalsozialismus in der fränkischen Provinz. Neuendettelsau unterm Hakenkreuz. ISBN 978-3-9809431-9-2. Bibliothek der Diakonie Neuendettelsau 2017. 19,90 Euro.

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