Maria Leopoldine von BayernWie ein Chiemgauer Ensemble das wilde Leben der letzten Kurfürstin auf die Bühne bringt

Lesezeit: 3 Min.

Die Gefühle schäumen über im Wirtshaus Bajuwaria.
Die Gefühle schäumen über im Wirtshaus Bajuwaria. Foto: Uwe Drahtschmidt

Sie war eine der aufregendsten Frauen des 19. Jahrhunderts und ist in Vergessenheit geraten. Dabei bietet ihr Leben Stoff fürs Kino oder die große Bühne. Doch keiner traut sich so recht  bis auf einen Trachtenverein und einen zuagroasten Regisseur.

Von Hans Kratzer

Als am 23. Juni 1848 im revolutionären Paris blutige Straßenkämpfe losbrachen, war die Lage in München noch eher ruhig. Die frühere bayerische Kurfürstin Maria Leopoldine brach also an jenem Freitag ungestört nach Salzburg auf. Trotzdem sollte sie dort nicht ankommen, denn mitten auf der Strecke ereilte sie ein jäher Tod. Auf einem steilen Anstieg nahe Wasserburg donnerte ein Salzfuhrwerk, dessen Bremsen versagt hatten, frontal in ihre Kutsche. Noch heute erinnert am Straßenrand eine Gedenksäule an jenes Unglück, bei dem eine der bemerkenswertesten Frauen jener Zeit aus dem Leben gerissen wurde.

Sylvia Krauss-Meyl hat vor Jahren eine Biografie über diese Frau verfasst, die schon im Titel deren Wirkmächtigkeit erahnen lässt. Als „Enfant terrible des Königshauses“ wird dort die letzte bayerische Kurfürstin bezeichnet und überdies als „aufregendste, emanzipierteste, materiell und geistig unabhängigste Frau, die Bayern im 19. Jahrhundert vorzuweisen hatte“. Und nicht zuletzt stand das wittelsbachische Herrscherhaus tief in der Schuld der gebürtigen Habsburgerin, denn sie hatte 1799 nach dem Tod ihres Ehegatten Karl Theodor mutig verhindert, dass Bayern an Österreich fiel.

SZ Bayern auf Whatsapp
:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnieren

Von Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.

Zweifellos wäre das turbulente Leben der Maria Leopoldine ein Stoff fürs Kino oder auch für große Bühnen, die aber allesamt zaudern. Und doch hat es die Kurfürstin nun auf eine Bühne geschafft, mag diese auch weit draußen auf dem Land residieren. Und zwar auf den Brettern eines Trachtenvereins, der auf den Namen D’Bachecker Hirnsberg-Pietzing hört. Freilich, wer das vereinseigene Haus in Hirnsberg (Gemeinde Bad Endorf) betritt, merkt recht schnell, dass an den Wänden dieser Bühne jegliches Vorurteil wirkungslos abprallt. Das Ensemble pflegt einen professionellen Anspruch, der es möglich macht, jene chaotische Phase der bayerischen Geschichte mit allen Finessen der Dramaturgie und der Satire zu erhellen.

„Vor vier Jahren habe ich im Radio das erste Mal von der Kurfürstin Maria Leopoldine gehört“, sagt der Autor und Regisseur Uwe Drahtschmidt, den dieses Hörstück neugierig machte. Sein erster Gedanke damals: Wäre das nicht ein Theaterstoff? Sogleich verfasste er ein Bühnenstück über diese Frau, die stets imstande war, gegen Standesregeln und Etikette zu verstoßen. Nach einjähriger Vorbereitungszeit war die Zeit nun reif, das Ergebnis zu präsentieren. Leider haben Auswärtige kaum eine Chance, das Stück zu sehen. Die Aufführungen der Hirnsberger Bühne werden nicht beworben, sie sind auch so regelmäßig nach wenigen Tagen ausverkauft (wer interessiert ist, sollte deshalb die Webseite bachecker.de im Auge behalten).

Autor und Regisseur Uwe Drahtschmidt ist zwar ein Zuagroaster, doch das Vertrauen des Vereins in ihn ist groß und berechtigt.
Autor und Regisseur Uwe Drahtschmidt ist zwar ein Zuagroaster, doch das Vertrauen des Vereins in ihn ist groß und berechtigt. Foto: Uwe Drahtschmidt

Zu Maria Leopoldine ist vordergründig anzumerken, dass sie ein atemberaubend dynamisches Leben führte, ihren Liebessehnsüchten frönte, durch Geldgeschäfte zur reichsten Frau Bayerns aufstieg und überdies gerne als politische Beraterin beigezogen wurde.

Schauplatz des Musiktheaters in Hirnsberg ist das Wirtshaus Bajuwaria, in dem sowohl Leopoldine verkehrt als auch allerlei Volk. Das Kurfürstentum Bayern war in jenen Revolutionsjahren existenziell bedroht.  „Es könnt bald a bissl hantig wern“, heißt es in einem Lied, das vom fahrenden Klangvolk dargeboten wird. Viele Ingredienzien der damaligen Weltlage werden in dieser Wirtsstube zusammengerührt, aber dem Ensemble gelingt es famos, das komplizierte Geflecht von Moral, Historie und Weltenlauf unterhaltsam und verständlich zu übersetzen.

Das liegt auch daran, dass die Hirnsberger in der Theatertradition des Chiemgaus tief verwurzelt sind. Auch in der Gegend um Bad Endorf gibt es zuhauf Theatervereine, deren Tradition oft Jahrhunderte zurückreicht und das kulturelle Fundament der Region bildet. Die Vereine sind eng vernetzt, die Hirnsberger unter anderem mit den Riederinger Musikanten. Deshalb wirkt auch ein überregional bekannter Riederinger Schauspieler wie Maximilian Brückner in Hirnsberg mit, in diesem Fall in einer Nebenrolle. Zur Not darf er auch in der Küche mithelfen. In dieser Theaterlandschaft gibt es keinen Ober und keinen Unter.

Die Kurfürstin Maria Leopoldine, hier auf einem Gemälde mit ihren Söhnen Aloys und Maximilian aus ihrer zweiten Ehe.
Die Kurfürstin Maria Leopoldine, hier auf einem Gemälde mit ihren Söhnen Aloys und Maximilian aus ihrer zweiten Ehe. Foto: Peter Hinz-Rosin

Unter dieser Prämisse behandelt das Stück über Maria Leopoldine, die als 18-Jährige gegen ihren Willen mit dem 70-jährigen Kurfürsten Karl Theodor verheiratet wurde, auf tragikomische Weise Kernthemen des Menschseins. Es geht um widerstrebende Positionen in Kriegszeiten, um den Wert von Freundschaft und Verantwortung sowie um die Grenzen der Selbstverwirklichung. Alles betrachtet aus der Perspektive eines Wirtshauses, dem idealen Ort von Gleichheit und Brüderlichkeit.

Regisseur Drahtschmidt ist zwar ein Zuagroaster, aber im Verein schenkte man ihm volles Vertrauen, dass er auf der Bühne auch urbayerischste Befindlichkeiten zum Ausdruck bringen könne. Tatsächlich zauberten das Ensemble und er mit den Mitteln von Situationskomik, Sprachwitz und Liederglanz ein Potpourri in Form einer bairischen Rhapsodie herbei, das nicht nur Schwächen und Tugenden berührt, sondern auch die Abgründe von Geschichte und Politik offenlegt. Direkt ins Gemüt trifft ebenso die Musik des fahrenden Volks, hinter der unter anderem die Gruppe Vero Reiser & the Pretty Damn Amazing steckt. Faszinierend wild klingt die Mischung aus Mehrgesang und grotesken Versionen etwa des Defiliermarschs. Dass obendrein einige Gstanzl eine harmonische Anleihe am Eagles-Song „Hotel California“ nehmen, ist bei diesem Spektakel geradezu zwingend.

Nach drei Stunden Rabatz ahnt der Besucher, dass sich in der Biografie Maria Leopoldines viele existenzielle Phänomene wie in einem Brennglas bündeln. Ähnlich wie damals ist der Zustand der Welt auch heute zum Lachen und zum Weinen. Maria Leopoldine hätte das Stück wohl augenzwinkernd goutiert.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Festnahme nach Schockanruf
:„Hallo Frau Haas, hier spricht die Polizei“

Wie führt man Betrüger hinters Licht? Der Student Felix Haas hat dafür eine hollywoodreife Vorlage geliefert und sich kurzerhand in die eigene Großmutter verwandelt. Ein Gespräch über Maskerade – und Gegenmaskerade.

SZ PlusInterview von Olaf Przybilla

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: