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Hilfe für Kultur:Künstler auf den Barrikaden

Der Rettungsschirm des Freistaats steht heftig in der Kritik

Von Susanne Hermanski

Ein Markus Söder ist noch lange keine Mary Poppins. Vielleicht lässt sich mit dieser Metapher die aktuelle Lage einigermaßen treffend fassen. Denn der Ministerpräsident hat den freien Künstlern und Kulturschaffenden seines Freistaats zwar einen Rettungsschirm angeboten, doch Wunder wirkt der nicht. Schlimmer noch, nach Einschätzung der Künstler, handelt es sich bei dem 200-Millionen-Schirm, der sechs verschiedene, aufeinander abgestimmte Programme umspannt, trotz Nachbesserungen, um ein löchriges Ding. Weil dieser Schirm zu viele Ausschlusskriterien enthält, glauben sie. Die Aussichten auf eine abgefederte Landung bei dem freien Fall, den Künstler infolge der Corona-Krise erlebten, scheinen ihnen schlecht.

Verzweifelte Hilferufe einzelner häufen sich. Ob in Briefen an Kunstminister Bernd Sibler, die der SZ-Redaktion ebenfalls vorliegen, oder bei hitzigen Facebook-Debatten, in denen beispielsweise der Pop-Label-Inhaber und Grafiker Bernd Hofmann schreibt: "Es ist leider unsäglich, wie freischaffende KünstlerInnen in Bayern von den verantwortlichen Koalitionsparteien an der Nase herumgeführt werden."

Zudem formieren sich immer mehr Initiativen, die konzertiert handeln wollen. Das Paul-Klinger-Künstlersozialwerk etwa ruft in einem elektronischen Rundschreiben zu Beschwerden ans Kunstministerium auf und bindet gleich den passenden E-Mail-Link ein. Prominent besetzt ist ein Podium, das an diesem Dienstag Söders Künstlerhilfeprogramm vor der Presse einem "Reality-Check" unterziehen will: Der Kabarettist Helmut Schleich, Liedermacher Roland Hefter (SPD-Stadtrat und bekannt durch das Anti-Rassismus-Video "Künstler mit Herz"), Matthias Richter, Bassist der Band Schandmaul, und Bernd Schweinar, Geschäftsführer des Verbands für Popkultur in Bayern, sind mit dabei.

Ein Zusammenschluss verschiedener Künstlerverbände hat schon am Montag "zur Künstler*innenhilfe in Bayern" Stellung genommen, und diese als praxisfern und "diskriminierend" bezeichnet. Der Grund: sie stelle Künstler vor die Wahl, Grundsicherung zu beantragen oder ihren Betrieb zu retten. Beides gleichzeitig schließe sich aus. Selbständige anderer Branchen blieben klar im Vorteil. Zu den Unterzeichnenden gehören der Verband freie darstellende Künste Bayern, der Landesverband zeitgenössischer Tanz, das Netzwerk freie Szene München, der Verband der freien Kinder- und Jugendtheater, das Theaterbüro und das Tanzbüro München. Wörtlich heißt es in dem Schreiben: "Freie Künstler sind in dieser Krise mitnichten arbeitslos! Sie sind lediglich einkommenslos, weil der kleine Teil ihrer Arbeit, der honoriert wird - die Vorstellungen - im verständlichen Interesse der Allgemeinheit ersatzlos gestrichen wurde. Künstlerinnen und Künstler müssen einen bedingungslosen Ausgleich ihrer Ausfälle bekommen - ohne sich für Rücklagen zur Kompensation einer fehlenden staatlichen Altersvorsorge rechtfertigen zu müssen, und ohne dass ihre Partner gezwungen werden, ihre Lebensumstände offenzulegen." Was gebraucht werde, sei ein "unbürokratischer und schneller Übergang von der Grundsicherung hin zu einer kombinierten Sofort- und Künstler*innenhilfe, bedarfsabhängig und zeitlich nicht begrenzt". Denn diese Hilfe werde länger nötig sein, als die vorgesehenen drei Monate. Für die wenigsten freien Künstler bedeute die Mitte Juni beginnende Öffnung der Bühnen die Möglichkeit zur Wiederaufnahme ihrer bezahlten Arbeit. "Die Ausfälle und Verluste werden sich bis weit in das nächste Jahr ziehen", schreiben die Unterzeichnenden. Sie stünden nicht "wie große Teile der Gesellschaft am vorläufigen Ende der Krise". Söder und die Staatsminister Sibler und Aiwanger fordern sie zu Gesprächen auf, denn "die üblichen Verfahren der Bürokratie" seien "weder zeitgemäß noch bedarfsgerecht".

Ein konkretes Verfahren, wie der Bedarf objektiv und unbürokratisch ermittelt werden könnte, enthält das Schreiben aber nicht. Dabei muss man kein Verwaltungsexperte sein, um zu ahnen, dass sich weder Söder, noch Sibler, noch irgendein bayerischer Beamter einfach so auf irgendwelche "bedingungslosen" Zahlungen festlegen lässt. Sonst hießen sie ja auch - richtig - Mary Poppins.

© SZ vom 26.05.2020

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