PollenflugNeue App hilft mit KI gegen Heuschnupfen

Lesezeit: 4 Min.

Wenn die Sträucher im Frühling blühen, freut nicht alle.
Wenn die Sträucher im Frühling blühen, freut nicht alle. Christian Endt

Allergien sind heilbar, sagt die Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann. Ein Gespräch darüber, wie Apps das Allergiker-Leben verbessern und was Eltern schon für ihre Kinder tun können.

Interview von Anna Günther

SZ: Wie sehen Sie den Frühlingsbeginn als Allergie-Expertin? Ersehnte Zeit oder gefürchtetes Grauen?

Claudia Traidl-Hoffmann: Ich finde es herrlich, wenn die Blumen blühen und alles grün wird. Meine Patienten leiden leider in dieser Zeit, aber das Gute ist, dass wir Lösungen haben und an neuen Lösungen arbeiten für deren Symptome. Und ich versuche, meine Patienten schon im Winter auf die nächste Pollensaison vorzubereiten, entweder mit einer Hyposensibilisierung oder mit Medikamenten und entsprechenden Apps, zum Beispiel unserer neuen App PollDi.

Sie sagen, dass man Allergien mit Hyposensibilisierung heilen kann. Funktioniert das bei jedem Allergiker?

Das klappt bei sehr vielen Patienten und besonders bei denen, die konsequent dranbleiben. Eine Hyposensibilisierung müssen Sie sich wie eine Erziehung des Immunsystems vorstellen -  und das ist wie bei Kindern - man muss wirklich jeden Tag dranbleiben, sehr konsequent. Das dauert mindestens drei Jahre und dann versteht das Immunsystem, dass es Pollen tolerieren kann.

Apps zum Pollentracking gibt es längst, wie unterscheidet sich Ihre App von den Angeboten des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, dem Deutschen Polleninformationsdienst oder dem Deutschen Wetterdienst?

Ein Unterschied ist die Qualität unserer Pollenvorhersage. Wir können auf Daten aus 40 Jahren Pollenflug im Kurort Bad Hindelang zugreifen und auf zehn Jahre Pollenflug in Augsburg. Alle anderen Apps sagen dem Nutzer, wie viele Pollen gerade fliegen. Das ist schon ganz gut, aber es hilft den Leuten nicht. Sie wissen selbst, dass viele Pollen fliegen, wenn sie massive Symptome haben. Der größte Unterschied ist, dass wir mit unserer App in die Zukunft schauen. Das ist bisher einzigartig. Weil unsere Daten so gut sind, können wir recht genaue Vorhersagen über den Pollenflug der nächsten drei Tagen treffen. Die Qualität der Vorhersage basiert auf automatischen Pollenmessungen in nahezu Echtzeit und auf einer Kombination aus verschiedenen maschinellen Lernverfahren, „augmented intelligence“ – also „erweiterte Intelligenz“ ist hier das Stichwort.

Also die Menschen entscheiden selbst anhand von Informationen der KI.

Genau.

Und was bringen diese Vorhersagen den Patienten?

Wir haben eine klinische Studie gemacht, in der Patienten in drei Gruppen verschiedene Versionen unserer App bekamen, die sich im Umfang ihrer Funktionen unterschieden. Unsere App ist die erste, die in einer derart kontrollierten, randomisierten Studie klinisch getestet wurde. Die Studie zeigte, dass es denjenigen Patienten besser ging, die die Pollenflugvorhersage in ihrer Version der App angezeigt bekamen. Das widerlegte sogar unsere Hypothese. Patienten mit Pollenflug-Vorhersagen hatten es letztlich leichter im Umgang mit ihrer Allergie.

Wieso?

Wir können sehr genau die Symptome vorhersagen, das ist der nächste Schritt. Denn natürlich sind Symptome sehr individuell.  Das Ziel unserer App ist, in Zukunft jedem Patienten individuell sagen zu können, Achtung, der Pollenflug ist morgen so und so hoch, du hast wahrscheinlich diese und jene Symptome. Und dann kann die App gezielt Tipps geben, wie starke Symptome vermieden werden können. Damit werden wir uns von allen anderen Apps abheben.

Claudia Traidl-Hoffmann, 55, ist Professorin für Umweltmedizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg und Direktorin des Instituts für Umweltmedizin am Helmholtz-Zentrum München.
Claudia Traidl-Hoffmann, 55, ist Professorin für Umweltmedizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg und Direktorin des Instituts für Umweltmedizin am Helmholtz-Zentrum München. Anatoli Oskin, Universität Augsburg

Und warum erging es den Testteilnehmern damit besser?

Diese Patienten konnten sich anpassen. Sie haben rechtzeitig mehr Medikamente genommen, hatten dadurch weniger Symptome und eine höhere Lebensqualität.

Ab wann wird die App freigeschaltet?

Im Juni, aber erst einmal nur für Bad Hindelang.

Warum das?

Ziel des Forschungsprojekts war es, die Kurorte in die Wissenschaft zu integrieren und Mehrwert für sie zu schaffen. Dafür gab es eine Förderung des Gesundheitsministeriums. Aber darüberhinaus haben wir die App primär in Augsburg getestet und Ziel ist es natürlich, die App für ganz Bayern freizuschalten.

Was können Allergiker tun, die mit den üblichen Apps klarkommen müssen und gerade leiden?

Wer jetzt Heuschnupfen hat, sollte zum Arzt gehen und sich Medikamente aufschreiben lassen. Zum Glück sinkt gerade die Konzentration der Birkenpollen in der Luft, die Birkenpollensaison liegt also hinter uns. Jetzt kommen die Gräser. Deshalb ist jetzt der Moment, sich Medikamente zu besorgen, die Symptome abmildern. Und wer durch Birkenpollen massive Symptome hatte, kann gleich mit der Hyposensibilisierung beginnen, um nächstes Jahr weniger zu reagieren.

Die Pollensaison beginnt immer früher im Jahr. Heißt das eigentlich, dass sie auch früher vorbei ist?

Sie endet nicht früher. Schon im Januar fliegen die Haselpollen, alles kommt immer früher. Zwar startet die Birke früher und ist dann auch früher durch, aber dann beginnen auch die Gräser früher und im Herbst haben Sie die Kräuterpollen, dann kommen invasive Arten wie Ambrosia. Das alles führt dazu, dass die Pollensaison insgesamt länger dauert.

Pollenmonitor
:Wie sich die Behandlung von Allergikern verbessern könnte

In Bayern stehen Pollenmonitore, die Pollenflugdaten automatisch und stundenaktuell an Wissenschaftlerinnen schicken. Damit sollen künftig Vorhersagen möglich sein, welche Allergiker sich am nächsten Tag besser nicht im Freien aufhalten sollten.

SZ PlusVon Florian Fuchs

Gibt es überhaupt noch Zeit, durchzuschnaufen?

Wir sehen immer öfter, dass viele Menschen auf unterschiedliche Pollen allergisch sind und dann wirklich keine Ruhe mehr haben. Die leiden das ganze Jahr. Kommt dann auch noch die Hausstaubmilbe dazu, haben Sie wirklich den Gau. Die Hyposensibilisierung könnte da helfen.

Prävention nennen Sie ihr größtes Ziel, gerade schrieben Sie auf Instagram über Prävention bei Kindern. Was können Eltern denn tun, um das Allergierisiko zu minimieren?

Sie sollten die Kinder in den ersten beiden Jahren hauptsächlich pflanzenbasiert ernähren, das ergaben wissenschaftliche Studien eines Konsortiums, das ich leite. Je vielfältiger und pflanzenbasierter die Ernährung im ersten und zweiten Lebensjahr ist, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder Neurodermitis, Asthma oder Allergien entwickeln.

Was heißt vielfältig genau?

Wir haben tatsächlich gezählt, wie viele verschiedene Nahrungsmittel die Kinder gegessen haben. Wichtig ist, lokal und pflanzenbasiert. Fisch ist auch sehr, sehr gut.

Was ist, wenn Kinder in der beigen Phase sind? Also vor allem Nudeln oder Reis mit Butter und Käse essen?

Ich glaube, man kann das entspannt machen. Bei meinem ersten Sohn hieß es noch, man soll alles sehr vorsichtig einführen. Er bekam erst Pastinake, dann Karotte. Beim zweiten Sohn war das schon anders, der bekam einfach alles, was wir auch gegessen haben. Sehr gut ist es, drei Monate zu stillen. Wenn das nicht klappt, ist aber auch nicht alles verloren. Danach ist es gut einfach alles, was in der Familie gegessen wird, auch den Kindern anzubieten. Das ist hoffentlich gesund und pflanzendominiert. Es muss ja nicht fleischfrei sein, aber einfach wenig Fleisch. Das ist besser für den Menschen und unseren Planeten.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Bayerische Geschichte
:Ludwig II. - der queere Märchenkönig

Bis heute spielt die Homosexualität des bayerischen Herrschers in der Geschichtsschreibung nur eine Nebenrolle. Dabei ist sie der Schlüssel zum Verständnis, warum sein Leben einen tragischen Verlauf nahm und er schließlich sogar zum Täter wurde.

SZ PlusVon Sebastian Beck und Hans Kratzer

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: