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CSU:Bei Söders Selbstinszenierungen kann einem schlecht werden

So schön war das am Chiemsee: Der Ministerpräsident und die Kanzlerin, das Schloss, der See, die Berge. Erneut zeigt sich, dass der CSU-Chef einfach nicht genug von sich selbst kriegen kann.

Kommentar von Sebastian Beck

Wer schon mal Weißwürste gegessen hat, der kennt das Phänomen: Die erste Weißwurst schmeckt super, die zweite ist okay, aber schon nach der dritten kann es einem erst flau und dann speischlecht werden, egal, ob man zuzelt oder schneidet. Ministerpräsident Markus Söders Chiemsee-Inszenierung am Mittwoch schmeckte wie die sechste Weißwurst. Selbst Söders Gondelfahrt vor ein paar Jahren in Nymphenburg brachte es auf dem Weißwurst-Index nur auf Stufe 4.

Weißblauer Mundschutz, weißblaue Trachtenmanschgerl, weißblaue Fahne auf dem Dampfer, weißblaue Kutsche, weißblauer Himmel, goldener Spiegelsaal, blaue Krawatte zum weißen Hemd - all das zusammen war von einer Penetranz, die sogar die voralpinen Serien im Fernsehen übertraf. In der Bilddatenbank der SZ fanden sich am Mittwoch schätzungsweise 170 Fotos vom Staatsbesuch der Bundeskanzlerin Angela Merkel im befreundeten Ausland, das offenbar von einem Alleinherrscher und einem Operettenkabinett regiert wird. Da möchte man sich den Mundschutz am liebsten über die Augen ziehen und sich ein oder zwei Enzian für den Magen einpfeifen.

Söders Kalkül ging freilich voll auf: Ganz Deutschland war voll auf ihn und die Ausdeutung seiner eher plumpen Bildsprache fokussiert: Ist er womöglich der nächste Bundeskanzler? Dabei hat Söder am Mittwoch unfreiwillig demonstriert, dass seine größte Stärke zugleich seine größte Schwäche ist: Er kann einfach nicht genug von sich selbst kriegen - eine Eigenschaft, die sich durch seine ganze Karriere zieht und seinen Aufstieg erst ermöglicht hat. Söders Politik lebt vom dauernden Wechsel der Rollen und der bildlichen Inszenierung. Andere dürfen gerne mitspielen - am liebsten aber als Statisten.

Zwei Jahre ist es erst her, dass Söder in der Staatskanzlei vor Kameras ein Kruzifix aufhängte. Das ging ausnahmsweise völlig schief. Söder gibt neuerdings die Rolle des liberalen Staatsmanns und Beschützers, und die Zahl derer, die sie ihm abkaufen, wächst stetig. Auch er selbst gefällt sich darin inzwischen so gut, dass er schon wieder übertreibt. Er schiebt sich, um im Bild zu bleiben, eine Weißwurst nach der anderen rein. Ihm schmeckt's. Ja dann: weiter guten Appetit und wohl bekomm's.

© SZ vom 16.07.2020/vewo/kast
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