Integration Das Projekt wird von einer Frau geleitet - ein Statement

Gedacht ist Heroes nicht als Erziehungsprojekt, sondern als Plattform für Erkenntnisse. Die Projektleitung ist weiblich, das ist ein Statement; zu Problemen habe das noch nie geführt. Männer mit Migrationshintergrund leiten die Gruppen, als glaubwürdige Vorbilder. "Fremdbestimmung, Unterdrückung, Zwangsheirat, im schlimmsten Fall Ehrenmord, das gibt es auch heute noch", sagt Wickbold. Davor dürfe man "nicht aus falschem multikulturellen Verständnis die Augen verschließen". Es solle aber auch "keinen Generalverdacht geben. Wir wollen nicht, dass die Jungs ihre Kultur ablegen, sondern sie bei einer gesunden Identitätsfindung unterstützen".

Rollenspiele prägen die Trainings. Etwa zum Konflikt, dass der Sohn vom Vater zum strengen Aufpasser für die Schwester bestellt wird. Gemeinsam werden Fälle durchdekliniert, gemeinsam erörtern sie Werte, entdecken Ehre als Positives - dass ein respektvoller Umgang ehrenhaft ist. "Es ist generell schwierig über Ehre zu diskutieren, natürlich will keiner in einem schlechten Licht bei anderen dastehen", meint Diaco, 20. Er hat iranische Wurzeln, seit 2013 ist er bei den Heroes, ein alter Hase. Es gehe um den Stellenwert von Ehre - "und dass der spätestens problematisch wird, wenn die Menschenrechte anderer dahinter anstehen". Man darf alles sagen, muss es aber begründen. Komplett anderes als Schule, meint Arie. "Man sitzt nicht da mit dem Heft und es wird diktiert."

Es sei eine starke Leistung als Teenager, jede Woche hierherzukommen, sagt Wickbold. Klar, es springen manche wieder ab. "Aber daran sieht man schon, dass der Bedarf da ist. Es sind viele, die einfach neugierig sind, die auf der Suche sind und Fragen haben wie: Wer bin ich, wo gehöre ich dazu?" Das werde "nicht auf der Straße diskutiert, das ist kein Smalltalk-Thema". Deshalb ist Batu, 18, dabei: "In der Türkei bin ich immer der Tourist, in Deutschland immer der Türke." Er habe sich, glaubt er, als einziger in Freundeskreis und Familie eher als Deutscher gefühlt. "Wenn ich in der Türkei war, konnte ich nicht viel anfangen mit dem Osmanischen Reich und den Heldengeschichten. Wenn man das sagt, kriegt man auch schiefe Blicke." Und den Vorwurf, dass man schon wie ein Deutscher sei: "Unhöflich, arrogant, geizig."

Die Jugendlichen erleben aber auch selber regelmäßig Vorurteile. "Setz dich nicht neben den!", rufen da Omas zu ihren Enkelinnen in der U-Bahn. "Echt, dein Freund kommt aus dem Iran? Das sind doch alles Machos!", wurde zu Diacos Freundin einmal gesagt.

"Wir kommen gedanklich nicht mehr zusammen"

"Die Sister ist 'ne Bitch" - harte Rap-Zeilen spielen sie vor, wenn sie in die Klassenzimmer gehen, ein Lied von Eko Fresh. Es erzählt die Geschichte von Gülisan, die einen Deutschen liebt und von ihrem Bruder getötet wird: "Fick doch auf die Zukunft, denn die Scheiße kennt kein Mensch. So was gibt's im Ghetto an jedem Ort, das ist kein leeres Wort - Köln Kalk Ehrenmord." Da lache keiner mehr, selbst jene, die vorher "auf dicke Hosen machen"; während bei den Debatten in Klassen, ob zum Beispiel ein Mädchen bestraft werden darf, wenn sie heimlich einen Freund hat, mitunter Reaktionen kämen wie: "Geschieht der recht".

Auch bei Schulbesuchen der Heroes sollen alle frei reden und argumentieren. 50 externe Workshops haben die Nürnberger 2018 gehalten, vor mehr als 1000 Jungen, Mädchen, Deutschen wie Schülern anderer Herkunft. Der Einsatzplan ist vielfältig, nicht nur bei den "angeblich dummen Mittelschülern", sagt Diaco. In der Gruppe haben sie meist ehrgeizige Bildungsziele, wollen auf höhere Schulen oder sind schon dort, einer studiert Jura.

Und da wäre das Eintreten für Toleranz im Umfeld, was nicht immer einfach ist. "Natürlich denken meine Cousins: Was ist denn mit dem passiert?", sagt Arie. Eine Freundschaft sei kaputt gegangen. "Wir kommen gedanklich nicht mehr zusammen, er geht davon aus, dass seine spätere Frau ihm Kinder schenkt und ansonsten sein Besitz ist." Doch Arie diskutiert gern. "Mein Ziel ist es nicht, alle meine Freunde anzupissen, aber ich will, dass die darüber nachdenken, was die so reden." Diaco kennt Situationen, "da legt man sich mit der Familie oder mit Bekannten an, und es gibt Sachen, da beugt man sich auch der Tradition. Es gibt da keinen Weg, der immer passt". Zumal, wenn das Umfeld nicht zimperlich ist. Diaco spielt Geige, da hört er schon mal: "Bruder, mit deinem Bart siehst du aus wie ein Mann und mit deinem Geigenkasten wie eine Schwuchtel."

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