Schriebe man alle gängigen Hochzeitsbräuche in ein Buch, es wäre wohl dicker als die Bibel. Das Tamtam beschränkt sich ja nicht nur auf den Festtag, auch die Wochen vor und nach der Hochzeit sind voller Rituale. Es gibt allerdings keinen Hochzeitsbrauch, der sich in Bayern zuletzt so stark verbreitet hat wie der Hochzeitsbaum. Lange Zeit war er auf das Voralpenland beschränkt.

Heute prangt er landesweit unübersehbar in den Gärten vieler Brautpaare, oben sitzt meist ein Storch im Nest, behängt ist der Baum mit Kinderkleidung und Spielzeug und mit einer Tafel, auf der geschrieben steht, was dem Brautpaar alles blüht, wenn sich nicht innerhalb eines Jahres Nachwuchs einstellt. Zumindest müssen dann die Freunde und Baumaufsteller bewirtet werden. Der Hochzeitsbaum ist eine aufgesetzt wirkende Reminiszenz an Zeiten, in denen es als wichtig galt, einen Stammhalter in die Welt zu setzen. Für manches Ehepaar dürfte es eine Pein sein, stets an die Zeugungspflicht erinnert zu werden. Natürlich schwingt auch Diskriminierung mit, etwa wenn ein Vater sich wegen eines erstgeborenes Mädchens Bixnmacher nennen lassen muss und wenn die Freunde rund ums Haus Büchsen und Konservendosen aufstellen, weil er "nur" ein Mädchen, eine Bixn, zustande gebracht hat.

Für den Brauchtumsexperten Michael Ritter ein klarer Fall von Geschmacksverirrung. Nicht viel honoriger ist der Brauch der Brautentführung auf der Hochzeit, denn die endet in der Weinstube, wo in der Regel ein gutes Viertel der Hochzeitsgäste den von der Band forcierten Trinkspielen zum Opfer fällt. Wer Befehlen wie "Wer im Januar geboren ist, sauf aus, sauf aus!" bedingungslos gehorcht, ist rettungslos verloren. Zum Erbarmen.

Bild: dpa 12. Oktober 2016, 13:082016-10-12 13:08:36 © SZ vom 08.10.16/bhi