Der Soziologe

Er habe eine normale, deutsche Sozialisation genossen, sagt Armin Nassehi. Sein persischer Nachname aber klingt nicht so. Er brachte ihm schon viele Fragen ein. Wie er so umgehe mit den unterschiedlichen Kulturen - Vater Muslim, Mutter katholisch? Der 56-Jährige weiß dann nicht, wovon die Leute reden. Die Leitkultur-Debatte ist für ihn eine "lächerliche Form für Ersatzpolitik", die es in einem Rechtsstaat nicht braucht. In dem wird den Menschen erst dann gesagt, dass sie sich anders verhalten sollen, wenn sie sich falsch verhalten haben. "Die Leitkultur aber will den Leuten vorher sagen, wie sie sich zu verhalten haben", sagt Nassehi.

Integration gelinge nicht durch ein Blatt mit Verhaltensregeln. Kultur erlerne der Mensch immer nur in der Praxis - bei der Arbeit, im Gespräch mit Nachbarn. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Zuwanderern und Deutschen. "Die hatten ja auch kein Fach Leitkultur in der Schule." Die Vorstellung aber, dass Flüchtlinge hier etwas lernen müssen, sei nicht falsch, sagt Nassehi. Knutschende Jugendliche, Religionsfreiheit, für viele sei das ein "Kulturschock". Mit Leitkultur habe das nichts zu tun. "Jedem, der selbst in ein anderes Land reist oder den Kontext wechselt, geht es genauso."

Bild: Catherina Hess 24. September 2016, 11:312016-09-24 11:31:06 © SZ vom 24.09.16/bhi