Süddeutsche Zeitung

Haus der Bayerischen Geschichte:Bayerische Erlebniswelt

Einst versprach Horst Seehofer den Bayern ein Museum. Elf Jahre später eröffnet das Haus in Regensburg und spielt viel mit Klischees der Geschichte. Deswegen steht der Löwenbräu-Löwe vom Oktoberfest im Foyer. Aber nicht nur deshalb wird es ein großer Erfolg werden.

Von Sebastian Beck

Vielleicht kommt die Frage ein bisschen spät, schließlich wird das Museum in Regensburg an diesem Dienstag eröffnet. Aber mal auf Bairisch formuliert: Hat's des wirklich braucht? Immerhin sind fast 100 Millionen Euro in bester Lage an der Donau verbaut worden, und die ehrwürdige Stadt ist damit um ein Wahrzeichen oder eine Bausünde reicher geworden - je nach Geschmack des Betrachters.

Bayern ist nicht gerade ein Staat, der durch den Mangel an musealen und sonstigen kulturellen Einrichtungen auffällt. Seit der Jahrtausendwende haben sich Bayerns Ministerpräsidenten gerne in Stein, Glas und Beton verewigt. Während der Amtszeit von Edmund Stoiber wurden unter anderem das Neue Museum in Nürnberg und die Pinakothek der Moderne in München eröffnet. Sein Nachnachfolger Horst Seehofer überraschte 2008 mit der Ankündigung, er wolle einen neuen Konzertsaal in München bauen - und ein Museum der Bayerischen Geschichte. Das Konzerthaus in München soll in sechs Jahren eröffnet werden, das Projekt in Regensburg ist bis auf die Bavariathek vollendet.

Die Ausstellungsmacher zeigten sich insofern undankbar, als sie sogar Markus Söders Fastnachtsuniform aus Veitshöchheim für museumswürdig erklärten, ebenso Theo Waigels Staats-Füllfederhalter und eine Büste von Franz Josef Strauß. Von Horst Seehofer hingegen wird in Regensburg nicht einmal ein Hosenknopf ausgestellt, geschweige denn ein Trafo seiner mythischen Modelleisenbahn.

Das führt bereits zum Ausstellungskonzept, für das Richard Loibl, der Leiter des Hauses der Bayerischen Geschichte, verantwortlich zeichnet. Loibl wurde von der Staatsregierung mit dem Museum in Regensburg beschenkt, und er soll anfangs darüber so erfreut gewesen sein wie ein Ehemann, der zum Fünfzigsten von seiner Frau Manschettenknöpfe bekommt.

Schließlich tourt Loibl seit seinem Amtsantritt 2007 erfolgreich mit den Landesausstellungen durch den Freistaat. Alleine die König-Ludwig-Ausstellung 2011 auf Herrenchiemsee zog 575 000 Besucher an - mehr als beispielsweise Schloss Nymphenburg in einem ganzen Jahr. Solche Zahlen sprechen eigentlich für das Konzept wechselnder Ausstellungen und gegen ein neues Museum, dessen Bau und Betrieb immense Summen verschlingen, die andere Institutionen dringend brauchen könnten, um ihre trüben Vitrinen zu modernisieren. Doch rationale Erwägungen spielten bei Seehofers Museumsentscheidung keine Rolle: Ihm ging es vor allem um die große Geste, um ein Symbol der bayerischen Identität, auch wenn der Begriff inzwischen arg kontaminiert ist.

Loibl, das muss man ihm zugute halten, hat das Beste draus gemacht. Der 53-jährige Niederbayer ist ein begnadeter Anekdotenerzähler. Wahrscheinlich wäre ein Museum mit ihm als einzigem Exponat auch ein großer Erfolg. Jedenfalls kann Loibl über Oskar Maria Graf genauso unterhaltsam parlieren wie über die erste Kältemaschine von Linde oder die bayerischen Dialekte. Hätte Loibl nicht Geschichte studiert, sondern eine Karriere als Musiker eingeschlagen, dann wäre er eher einer wie Max Greger geworden und weniger ein Arnold Schönberg. Die Vertreter der - um im Bild zu bleiben - Zwölftonmusik beäugen die ihrer Meinung nach allzu populären Landesausstellungen mit Misstrauen.

Tatsächlich weicht Loibl bisweilen keinem Klischee aus, was sich in einer gewissen Kini-Bier-Lastigkeit niederschlägt, die zumindest beim Publikum super ankommt. So war die Landesausstellung 2018 in Kloster Ettal dem "Mythos Bayern" gewidmet. Zwischen Wald, Jagd und Schloss Linderhof ging dem Geschichtenerzähler Loibl nur leider der Faden verloren. Man könnte auch sagen: Diese Landesausstellung war ein ziemliches Durcheinander. Trotzdem kamen 130 000 Besucher.

Im Regensburger Museum ist das zum Glück anders. Die Ausstellung trägt zwar einmal mehr die Handschrift von Loibl, der sich der Geschichte des modernen Bayern seit 1806 auf seine typische Weise nähert. Deshalb thront im Foyer des Museums der meterhohe Oktoberfest-Löwe vom Münchner Löwenbräuzelt, was zunächst eher Ungutes erahnen lässt.

Eines der modernsten Museen Europas

Doch die Dauerausstellung auf 2500 Quadratmetern Fläche verbindet das Anekdotische diesmal mit einer klaren Gliederung. Das ist auch den Architekten des Büros "HG Merz" zu verdanken, die weltweit Ausstellungen und Museen konzipieren, darunter die neue Dokumentation auf dem Obersalzberg oder auch den Gedenkort Breitscheidplatz in Berlin.

Für Regensburg haben sie eine Art Geschichtslabyrinth entworfen, das mit der Geburt des modernen Bayern in den Napoleonischen Kriegen beginnt und sich in neun Kapiteln, die als "Generationen" bezeichnet werden, bis in die Gegenwart schlängelt. Dort endet der Rundgang an einer Fensterfront mit dem Blick auf die Regensburger Altstadt.

Der chronologische Aufbau wird von acht Kulturkabinetten ergänzt - Dialekte, Feste, Sport und Kirche, um nur einige zu nennen. An Menschen mit Behinderungen wurde bei der Präsentation ebenso gedacht wie an Kinder. Das Museum der Bayerischen Geschichte ist als Erlebniswelt voll familientauglich.

Insofern stimmt es, wenn Loibl schwärmt, es sei "State of the Art" und eines der modernsten in Europa. Wer Zeit mitbringt und sich in die Tiefen der audiovisuellen Darstellungen versenken möchte, kann darin mehr als einen Tag verbringen und dennoch Neues entdecken. Schon alleine der riesige Leuchttisch mit dem Satellitenbild von Bayern ist einen eigenen Besuch wert. Mit Tablets können dort Informationen zu jeder der mehr als 2000 bayerischen Gemeinden aufgerufen werden - neben der Panoramavision im Erdgeschoss ein Beispiel dafür, dass Technik in Museen inzwischen aus mehr als Knopfdrücken besteht.

Eintritt frei

Das Museum öffnet am Mittwoch, 5. Juni, seine Pforten fürs Publikum. Bis zum 30. Juni ist der Eintritt frei, danach zahlen Erwachsene fünf Euro, Kinder und Jugendliche dürfen kostenlos rein. Geöffnet ist die Ausstellung von 9 bis 18 Uhr. Das Gebäude liegt unmittelbar am Donauufer, vom Regensburger Hauptbahnhof ist es ein Spaziergang von etwa zehn Minuten.

Etwa 1000 Gegenstände werden in Regensburg zur Schau gestellt, von denen 300 von Bürgern gestiftet oder als Leihgaben zur Verfügung gestellt wurden. So auch die Taschenuhr des Bauernknechts Ludwig Gruber aus Oberalteich. In ihr steckt noch das Geschoss, das sie am 19. April 1916 an der Westfront traf und auf diese Weise dem Soldaten das Leben rettete. Oder der Teddybär der damals siebenjährigen Anneliese Weber, den das Mädchen in den Luftschutzkellern von Würzburg an sich drückte.

Die berühmte Lederhose des Schriftstellers Oskar Maria Graf, die er selbst im New Yorker Exil mit Stolz trug - hinter Glas wirkt sie geradezu wie eine Reliquie der Widerständigkeit. Das Museum präsentiert auch einige Prunkstücke wie den Schlitten König Ludwigs II., an dessen Vorderseite die vermutlich erste elektrische Glühlampe der Welt die Winternacht erhellte.

Doch zu einem demokratischen Museum der Menschen in Bayern wird es gerade dadurch, dass es die große Geschichte immer wieder an Alltagsgegenständen entlang erzählt. Diese Methode ist nicht neu: Joschka Fischers weiße Nike-Turnschuhe gehören längst zum Bestand des Historischen Museums in Bonn. Dort zeugen sie vom Aufstieg der Grünen, der leider mit dem Niedergang der Herrenmode verbunden war. Im historischen Museum in Berlin wird die Vertreibung aus Ostpreußen anhand einer silbernen Spargelzange veranschaulicht. Ihr Besitzer vergrub sie dort zusammen mit anderen Familienschätzen vor seiner Flucht 1945 und fand sie Jahrzehnte später wieder.

Wenn es um das Erzählen von Geschichte geht, unterscheidet sich das Museum in Regensburg auch positiv vom NS-Dokumentationszentrum am Münchner Königsplatz. Dort verzichteten die Ausstellungsmacher komplett auf Gegenstände und setzten alleine auf riesige Text- und Bildflächen, die nicht nur Schüler überfordern.

Die Ausstellung in Regensburg kommt auf den ersten Blick dagegen simpel und an einigen Stellen zu erwartbar daher: Dem FC Bayern wird gleich an zwei Stellen Platz in der mehr als 200-jährigen Geschichte eingeräumt. Das Kulturkabinett mit Spider Murphy Gang, der Faschingsuniform von Markus Söder und dem Kostüm von "Mama Bavaria" Luise Kinseher ist eine Beleidigung des Kulturstaats Bayern - vom Schriftsteller Bert Brecht oder dem Maler Franz Marc findet sich keine Spur.

Kritiker versucht Museumschef Loibl mit dem Hinweis zu beruhigen, dass Regensburg erstens kein Kunstmuseum sei und zweitens die Kulturkabinette wie auch die Dauerausstellung ständig aktualisiert werden sollen: Die Geschichtsschreibung bleibt also im Fluss. Zum Glück.

Das führt zu der Frage, welche Geschichte dort eigentlich für wen erzählt werden soll. Wer sich im Land nur ein bisschen auskennt, dem wird vieles allzu bekannt vorkommen - der unvermeidliche Märchenkönig, die Bierkultur, die Heimat von BMW und Audi. Andererseits: Das Museum der Bayerischen Geschichte wird in Zukunft mit Sicherheit zum Pflichtprogramm für Schulklassen zählen. Und leider gibt es immer mehr Kinder und Jugendliche, die nicht einmal wissen, was der 8. Mai 1945 bedeutet.

Für die Generation Ü50 sind die Olympischen Spiele von 1972 noch fest in den Kindheits- und Jugenderinnerungen verankert - als Symbol des Aufbruchs in die Moderne und des Terrors gleichermaßen. Aber wer weiß schon noch, wer Klaus Wolfermann ist?

Ja, die Ausstellung ist zwangsweise lückenhaft, sie driftet hier und da ins Folkloristische ab. Man könnte genauso gut die Geschichte der Arbeiterbewegung erzählen, die Geschichte der Landschaft, die Geschichte der Industrialisierung, die Geschichte des Föderalismus und anderes mehr. In Regensburg werden darauf allenfalls Schlaglichter geworfen. Aber im Erdgeschoss des Museums sind noch einmal 1000 Quadratmeter für Sonderausstellungen reserviert. Der Aufstieg Hitlers, die Zwanzigerjahre - Loibl hat bereits einige Projekte für notwendige Ergänzungen im Kopf. Ganz abgesehen von den Sammlungen in der angegliederten Bavariathek, die wegen eines Brandes erst nächstes Jahr fertig wird und über einen weiteren Veranstaltungssaal verfügt.

Das Museum in Regensburg zielt wie die Landesausstellungen auf den Geschmack des Massenpublikums, was nicht falsch sein muss. Zumal unmittelbar am Eingang die Anlegestelle für Ausflugsschiffe liegt. Die Touristen aus aller Welt werden in Zukunft vom Löwenbräu-Löwen im Foyer begrüßt. Klischee hin, Klischee her: Wenn es um die Selbstvermarktung ging, waren die Bayern immer schon gerissen. Darin folgt Loibl einer bewährten Tradition. So gesehen wird das Museum wahrscheinlich viel und heftig kritisiert - und dennoch ein großer Erfolg. Hat's des also wirklich braucht? Ehrlich gesagt: nein. Akzeptiert man aber die Herangehensweise, so ist das Museum der Bayerischen Geschichte am Ende gut gelungen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4472275
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 04.06.2019/bica
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.