Porträt Historicus Bavariae

Barocke Himmelswelten und historische Szenen aus 2000 Jahren werden im Regensburger 360-Grad-Panorama an die Wand projiziert - eine der Lieblingsattraktionen von Richard Loibl.

(Foto: Sebastian Beck)

Ironiker, Goggofahrer, Niederbayer: Richard Loibl, Metzgersbub aus Hengersberg, ist zum einflussreichsten Interpreten der bayerischen Geschichte aufgestiegen.

Von Katja Auer und Hans Kratzer

Viele Stunden lang hat Richard Loibl an diesem Tag Besucher durch das neue Museum geführt, kein Wunder, dass er in den frühen Abendstunden ein bisschen müde wirkt. Nur gut, dass sich die letzte Gruppe endlich der Abteilung Wirtschaftswunder nähert, es ist einer von Loibls Lieblingsplätzen im Museum, dort ist er stets hellwach. Wie bei einer Parade reihen sich hier seltene, in Bayern hergestellte Oldtimer aneinander, alle Autos strahlen und glänzen wie neu, darunter die frühere Staatslimousine des Ministerpräsidenten Alfons Goppel. Der altehrwürdige BMW werde wegen seiner geschwungenen Linie auch "Barockengel" genannt, erzählt Loibl. Sein Lieblingswagen aber steht hinten am Ende des Gangs, ein schnuckeliges Goggomobil, einst gefertigt von der Firma Glas in Dingolfing, quasi das Gegenstück zum wuchtigen "Barockengel".

"Mit drei Goggos bin ich gefahren", sprudelt es aus Loibl heraus, "15 Jahre war ich alt, als wir damit auf den Feldwegen in Niederbayern Rallyes veranstalteten." Seine Augen funkeln, es muss eine wilde Zeit gewesen sein, die Loibl damals erlebt hat. Ein solches Gefährt legt natürlich sofort selige Erinnerungen frei, wie das wohl bei allen Männern der Fall ist, die einst die Freiheiten der Landjugend mit den frühen Freuden der Mobilität via Moped und Goggomobil verknüpfen durften.

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Sie ist fünf Tonnen schwer und fast 100 Jahre alt: Um die alte Lok der Firma Lanz ins Haus der Bayerischen Geschichte zu bringen, war einiger Aufwand nötig.

Loibl ermuntert die Gäste, ruhig in das Goggomobil einzusteigen, das nach heutigen Maßstäben lediglich die Ausmaße eines größeren Spielzeugautos hat. Neulich hat er sogar den Kunstminister Bernd Sibler überredet, der setzte sich tatsächlich hinein, er hat ja auch die notwendige schmale Figur dafür.

Loibl aber gibt sich lieber keine Blöße: "Ich steig bloß ein, wenn mir keiner zuschaut." Von seiner Statur her könnte sich Loibl zwar auf den Fahrersitz zwängen, danach aber hätte er wie viele andere ein Problem: Wie komme ich aus diesem Auto wieder raus? "Das hier ist keine Frage der Größe, sondern der Breite", feixt der Museumschef, der bei aller Anspannung kurz vor der Eröffnung des Hauses immer noch zu ironischen Anmerkungen imstande ist. Das zeichnet den Niederbayern Loibl aus. In seinen Adern fließt Hengersberger Blut, das zwar bei Gelegenheit schnell in Wallung gerät, aber eben auch mit reichlich Mutterwitz und mit einer Prise Selbstironie angereichert ist.

Die aufreibenden Jahre des Museumsbaus konnte Loibl wohl nur deshalb einigermaßen schadlos überstehen, weil er eine innere Balance gefunden hat, die ihn gegen Verzweiflung wappnet. 2012 fiel das Auftaktfest einem Hochwasser zum Opfer, im Mai 2015 zerstörte ein Feuer das Verwaltungsgebäude des Museums, die geplante Eröffnung wurde verschoben. Sogar einen Cyberangriff hat es gegeben, dabei wurden teure Präzisionsmaschinen einer Baufirma zerstört.

Zu all diesem Unglück gesellte sich eine anhaltende Kritik an dem Bauwerk an sich. Zwar ist vieles an Loibl abgeprallt, aber wenn die Journalisten wieder einmal schrieben, der Bau sei ein fensterloser und schlecht konzipierter Kasten, dann tat er durchaus kund, wie sehr ihn das aufgeregt hat. Wenn ihm etwas stinkt, kann er nicht immer an sich halten. Und er wird sich gewiss wieder aufregen - auch wenn er das bestreitet -, falls irgendwo zu lesen sein sollte, sein Museum stecke voller folkloristischer Bayerntümelei.

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Loibl ist aber selbstbewusst genug, um das nicht persönlich zu nehmen. "Wir wollen die Leute erreichen und nicht die Feuilletonisten", sagt er und betont, das Haus in Regensburg sei das Modernste, was sich an Museumskonzeption gerade finden lasse. "Ich bin ein überzeugter und, wie ich glaube, guter Historiker, ein überzeugter Ausstellungsmacher und ein überzeugter Bayer", sagt Loibl. Als solcher hegt er keinen Zweifel daran, dass es gut geworden ist, das neue Museum. "Für mich ist das ein Karrierehöhepunkt", sagt er stolz.

Auf den hat er konsequent hingearbeitet. Von klein auf. Loibls Vater Georg war ehrenamtlicher Kreisheimatpfleger im Landkreis Deggendorf - und Metzgermeister daheim in Hengersberg. Ein Traditionsbetrieb, über Generationen in Familienhand. "Man hat aber schnell erkannt, dass meine Begabungen eher im Theoretischen liegen", stellt Loibl nüchtern fest. Sein Bruder Georg übernahm das Geschäft, er ging zum Geschichtsstudium nach München.

"Der Loibl saß bei mir schon auf der Schulbank", erzählt der Historiker, ehemalige Generalkonservator und Ende der Siebzigerjahre selber am Haus der Bayerischen Geschichte tätige Egon Johannes Greipl. Bei ihm durfte der Student Loibl in einem Seminar bereits ein Ausstellungskonzept entwerfen. "Es war damals schon klar, dass die Visualisierung von Geschichte in Ausstellungen eine seiner Stärken ist", erinnert sich Greipl. Von da an war der Weg geebnet. 1991 wurde Loibl wissenschaftlicher Mitarbeiter im Oberhausmuseum Passau, dessen Geschicke er von 1996 an leitend lenkte. Von 2001 an baute er das Textil- und Industriemuseum in Augsburg auf, ein Projekt, dessen Erfolg nicht vorhersehbar war. "Es hat sich keiner getraut", kann Loibl heute sagen, er schon, natürlich. Ein bisschen persönlichen Bezug gab es auch, er hatte Verwandtschaft dort, sogar in der Textilindustrie.

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Aber eigentlich, sagt Loibl, wollte er immer das Haus der Bayerischen Geschichte. Schon damals in Passau. 2007 bekam er es. Und brachte den Laden in Schwung. Als Direktor hat er das Konzept Landesausstellung neu formatiert. Er schuf Publikumsmagneten, manche Ausstellung lockte eine halbe Million Besucher an.

Als Ministerpräsident Horst Seehofer 2008 ankündigte, ein Museum der Bayerischen Geschichte einrichten zu wollen, wurde Loibl nicht als einziger davon überrascht. Kaum jemand wusste von Seehofers Plänen. Um die jüngsten 200 Jahre sollte es gehen in dem Museum, weil da "das Wunder geschah", wie es Seehofer nennt, die Entwicklung Bayerns "vom armen Agrarstaat zum führenden Player".

Die Begeisterung im Landtag hielt sich außerhalb der CSU in Grenzen. Der damalige Abgeordnete Sepp Dürr (Grüne) machte am Anfang deutlich, er halte von dem Museum überhaupt nichts, aber "wenn's der Loibl macht, dann wird es wenigstens einen Unterhaltungswert haben".

Als Loibl mit der Ausarbeitung beauftragt wurde, war schnell klar, dass Seehofer und er gut miteinander können. "Ich war verliebt in diesen Herrn", sagt Seehofer heute, er lacht dabei, aber die Sympathie ist echt. "Loibl hat ein kolossales Wissen", sagt Seehofer, "und er ist dabei nicht so abstrakt-theoretisch." Das war der Bauchpolitiker Seehofer auch nie, direkt drauflos, wie Loibl agiert, das geht gut mit dem früheren Ministerpräsidenten. Nicht jeder schwärmt derart von Loibl, er hat auch Gegner in der Staatsregierung. Das mag eher an seinem niederbayerischen Dickschädel liegen als an seiner Fachkenntnis. "Er ist in keinem Punkt von anderen Historikern korrigiert worden", betont denn auch Seehofer. Zur Eröffnung wird er nicht kommen, das passt nicht zur Aufgabenteilung in der neuen CSU. Ja, er hätte das Museum schon gern noch selbst eröffnet, das gibt Seehofer zu, es sollte nicht sein. Loibl wird ihn einmal privat durchführen, das haben die beiden ausgemacht.

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Regensburg

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Einst stand hier im Mittelalter der Galgen, dann wucherte ein Industriegebiet mitten in der Stadt. Nun steht auf dem Regensburger Donaumarkt das Museum für Bayerische Geschichte.