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Alleinerziehende:Eine, die "nichts arbeitet"? Der Tag einer alleinerziehenden Mutter

5.30 Uhr: Sie steht auf, heizt ein, macht Frühstück. 7.30 Uhr: Sie bringt die Kinder zum Schulbus, dann in die Krippe. 12.30 Uhr: Kinder abholen und bespaßen. Ohne Geld kein Kino, kein Zoo, kein Schwimmbad. Wenn sie sich beschweren, sagt sie, dass der eigentliche Reichtum doch in ihrem Inneren wohne. Sie sagen dann, sie wollen beides: innen und außen reich sein. 20 Uhr: Die Kinder schlafen, Altmeier putzt, wäscht. In ihrer Küche hängt eine Postkarte: "Frieden finden im Chaos" 0.30 Uhr: Sie liegt im Bett und kann nicht schlafen. Wie soll sie das alles schaffen?

Etwa vier Stunden hat sie jeden Tag ohne Kinder. Sie sind im Nu vorbei. Wer kein Geld hat, muss viel organisieren. Waschmaschine kaputt? Altmeier repariert sie selber. Zweimal im Monat fährt sie zur Tafel, weil das Geld fürs Essen nicht reicht. Das dauert zwei Stunden. Sie muss zum Jugendamt, weil der Vater ihrer Tochter nicht zahlt. Sie muss eine neue Wohnung finden, weil sie bis Januar ausgezogen sein sollen. Drei Kinder? Altmeier sagt: "Ich bekomme nicht einmal Absagen."

Die Alleinerziehende Susann Neumann mit ihrer 2-jähringen Tochter deren Namen nicht genannt werden soll in Gstadt am Chiemsee.

Kein Kino, kein Zoo, kein Schwimmbad: Wenn die Kinder sich beschweren, antwortet Sandra Altmeier ihnen, dass der eigentliche Reichtum doch in ihrem Inneren wohne.

(Foto: Florian Peljak)

Fast zehn Jahre ist sie arbeitslos, seit ihrem ersten Kind. Sie ist Ergo-Therapeutin "mit Diplom", das ist ihr wichtig. Bevor sie Mutter wurde, verdiente sie gut bei einem Neurologen. Sie reiste viel, arbeitete ehrenamtlich in der Entwicklungshilfe in Indien und Afghanistan. "Uns Frauen wird suggeriert, dass wir alles machen können, aber wenn wir Kinder haben, ist es mit der Freiheit vorbei", sagt sie. Altmeiers Männer ließen sie am Ende immer im Stich. Sie hat viel für sie aufgegeben, vielleicht zu viel, einmal sogar ihren Job. Nach dem ersten Kind hat sie gleich das zweite bekommen, obwohl es schon mit einem schwer war. Sie hat bestimmt nicht alles richtig gemacht, aber sie versucht, sich freizustrampeln.

Die Zusage für einen Job als Behindertenassistentin hatte sie schon, dafür aber hätte ihr früherer Partner ein paar Tage im Monat die Kinder nehmen müssen. Hat er nicht. Aus Hartz IV wäre sie dann auch nicht rausgekommen. Das Geld, um drei Kinder alleine durchzubringen, bekäme sie wohl nie zusammen, allein die Nachmittagsbetreuung für ihre Schulkinder kann sie sich nicht leisten. Egal was sie macht, egal wie viel sie rennt, sie kommt nie weiter, so fühlt sich das an.

Zwei Drittel aller Alleinerziehenden mit drei oder mehr Kindern in Deutschland sind Hartz IV-Empfänger. 35 Prozent der Erwerbsfähigen unter ihnen sind Aufstocker, das Geld reicht also nicht zum Leben. Haben sie noch Pech, weil etwa der Vater nicht zahlt, "gibt es regelmäßig kein Entrinnen aus dem SGB-II-Bezug", heißt es in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2016. "Am eigenen Schopf" könnten sie sich kaum aus ihrer Lage befreien.

In Bayern wollte der Staat mit dem Familiengeld helfen. Ein bisschen mehr Luft zum Atmen, ein wenig Ruhe im "Überforderungswahnsinn", darauf hatte Altmeier gehofft. Ruhe hat ihr auch das Jugendamt verordnet. Ihre zwei Ältesten sind seit ein paar Tagen im Heim, hoffentlich nur, bis sie eine Wohnung gefunden hat. Sie sieht sie am Wochenende und zu ihren Geburtstagen.

Zehn ist ihre Tochter gerade geworden. Altmeier nimmt den Blumenkranz in die Hand, der von der Feier noch auf dem Tisch liegt. Wenn sie von ihr erzählt, schimmern zum ersten Mal Tränen in ihren Augen. Schnell dreht sie sich weg. Sie will kein Opfer sein, keine, die nur jammert, sondern eine, die anpackt. Nur: Sie hat den Glauben verloren, dass es noch einen Ausweg gibt. Auch deshalb ist ihr die Klage so wichtig und die Hoffnung, einmal zu den Gewinnern zu gehören.

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